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Dass möglicherweise ein Kinderserienmörder im norddeutschen Raum sein Unwesen treiben könnte, war bei den meisten Bunzelbürgern wohl erst mit der Ausstrahlung des Mordfalles Dennis Klein am 05.04.2002 in der allseits bekannten Serie Aktenzeichen XY ungelöst ins Bewusstsein gedrungen. (siehe auch Beitrag Aktenzeichen XY ungelöst auf Youtube ab der 18. Minute der kompletten Sendung) Die Kindermorde und Missbrauchsfälle in Belgien um Marc Dutroux waren da bei den Meisten schon längst wieder ins Unterbewusstsein abgetaucht.

Thomas Fischer, polizeilicher Vertreter der SoKo Dennis, stellte nach dem Filmbeitrag nicht nur mögliche Zusammenhänge zu anderen Missbrauchs- und Mordfällen in der Umgebung von Bremen dar, sondern zeigte auch einen anonymen Brief in die Kamera, der bereits Ende September 2001 der SoKo Dennis zugegangen ist, so jedenfalls gab er es gegenüber Rudi Cerne in der Aktenzeichen XY-ungelöst-Sendung an.

Die Rotenburger Rundschau hatte bereits am 03.04.2002 vor der Erstausstrahlung eine kurze Pressemitteilung veröffentlicht mit folgendem Inhalt: „Garlstedt. Am Freitagabend stellt die ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY…ungelöst“ den Mordfall Dennis, in einem Beitrag vor. Dabei wird auch auf weitere Mord- und Missbrauchsfälle an Jungen im Alter von 8 bis 13 Jahren in Norddeutschland, die von den Ermittlern mit dem Tod des neunjährigen Dennis aus Scharmbeckstotel bei Osterholz in Verbindung gebracht werden, eingegangen. Aktuelle Ergebnisse der Fernsehfahndung werden von der Sonderkommission Dennis im Internet auf der Seite http://www.polizei.niedersachsen.de/dennis veröffentlicht. […] Im Studio in München ist Kriminaloberkommissar Thomas Fischer für die Soko Dennis. Seine Ermittlungen sind in das Drehbuch des Films eingeflossen, er wird den Fall im Studio weiter erläutern. Dabei sollen auch neue Fragen zum Fall gestellt werden. Die in der Sendung dargestellten Beweismittel werden am Abend auch auf der Internetseite der Soko eingestellt. Für Hinweise, die zur Ermittlung des Mörders von Dennis führen, ist eine Belohnung von 10 000 Euro ausgelobt. Die Soko Dennis ist unter der Telefonnummer der zentralen Hinweisannahme zu erreichen: 04795 – 941 584 oder 941 585 Per Email:soko-dennis@polizei.niedersachsen.de Internet: www.polizei.niedersachsen.de/dennis.“ (Quelle:  Rotenburger Rundschau „“Aktenzeichen XY… ungelöst“ stellt Mordfall Dennis vor“ vom 03.04.2002)

Nun – ich war unmittelbar nach der Sendung auf der Seite der Polizei Niedersachsen. Dort war tatsächlich der komplette Brief mit Umschlag veröffentlicht. Für eine ganz kurze Zeit war zwar die zweite Seite des genannten Briefes abrufbar, allerdings verschwand genau diese zweite Seite innerhalb weniger Tage wieder – leider zu schnell, weswegen ich dann auch nur die erste Seite nebst Umschlag sichern konnte.
Das kam mir damals schon sehr merkwürdig vor, zumal ich mich schon lange Zeit ganz intensiv mit dem Serienmörder aus dem belgischen Mons, András Pándy (ebenfalls ein belgischer Serienmörder), Marc Dutroux sowie Frederick und Rosemary West aus Gloucester, in der Öffentlichkeit auch  als  „Cromwell Street 25 – das Horrorhaus von Gloucester“ bekannt, beschäftigt hatte.

Immerhin schien ja ein Teil des Briefes bis Februar 2011 auf der Homepage der Polizei Niedersachsen abrufbar gewesen zu sein, wenn ich mir die Beiträge von Forenteilnehmern auf dem allmystery-Forum so betrachte.

Da schrieb z.B. der User Kiney am 22.02.2011 Folgendes:  „Zum Brief habe ich gelesen, dass er über das Briefzentrum Hamburg 20 gelaufen sei. Hamburg 20 stand für Eppendorf. Der Brief wurde am 26.09-01 [Anm.: hier ist wieder der berühmt-berüchtigte 26.09. (Gründungsdatum GSG9 nach dem Olympia-Attentat von 1972, Oktoberfestattentat, Flugzeugabsturz AUA)] gestempelt. Dennis wurde am 4./5.9.01 getötet. Wenn der “ Maskenmann“ ihn nicht selbst eingeworfen hat, gibt es vielleicht eine Person in seinem Umfeld die dieses entsetzliche Wissen nicht mehr aushielt? Warum der Öffentlichkeit nur eine Seite des Briefes gezeigt wird ist mir ein absolutes Rätsel. In Hamburg gab es seinerzeit“ Dorinthhotels „am Flughafen, Alten Wall und ich meine auch an d. Messe. Alter Wall und Messe liegen ganz nah an Hamburg 20.“ (Quelle: http://www.allmystery.de/themen/km58176-43)

Die Angabe von Kiney zum Datum 26.09.2001 stimmt im Übrigen. Hier der Originalton von der damals noch im Netz befindlichen Seite der Polizei Niedersachsen zum Mordfall Dennis:

Aktuelles zur Fahndung

Presseinformation Soko „Dennis“ Nr. 33-02 Datum 05.04.2002

#Wer ist Verfasser des anonymen Briefes an die Soko „Dennis“?#

Bei dem anonymen Brief handelt es sich um einen handbeschriebenen Zettel mit den Maßen 105×130 mm. Das Papier ist leicht beigefarbig, die obere Kante wurde schief abgeschnitten. Der Briefumschlag hat die üblichen Maße 220 x 110 mm. Er ist vorn links mit dem Aufdruck „Dorint“ bedruckt und hat rechts einen Aufdruck „Briefsymbol“ und „Schreib mal wieder“. Der Briefstempel trägt den Aufdruck „Briefzentrum 20“ (Hamburg) und „26.09.01 – 21.“ Auf der Rückseite des Briefes befindet sich der Aufdruck “ Als Gast des DORINT Hotels in:“ Es handelt sich um einen bei den Dorint-Hotels nicht mehr gebräuchlichen Umschlag. Der Brief ist in hochdeutscher Sprache geschrieben. Er ist in kurzer, knapper und telegrammartiger Fom ohne auffallende Gliederung verfasst. Der Autor gibt vor, den Täter zu kennen, Kenntnisse über den Tathergang zu haben oder sich zumindest eine Vorstellung darüber machen zu können, was vorgefallen ist. Der Briefschreiber könnte über „Insider“-Kenntnisse in Bezug auf Tathergang, Örtlichkeit, den Fortgang der Ermittlungen oder die beteiligten Personen verfügen. Die Soko „Dennis“ ist der Auffassung, dass der Verfasser mit hoher Wahrscheinlichkeit an der Aufklärung des Falles ernsthaft interessiert ist. Darüber hinaus glaubt er mit hoher Wahrscheinlichkeit den Täter zu kennen, will den Namen jedoch offensichtlich nicht preisgeben. Die Soko „Dennis“ bittet daher: Der Briefschreiber möge sich an uns wenden, damit seine Kenntnisse über den Fall bei den Ermittlungen berücksichtigt werden können. Ebenso wird die Öffentlichkeit gebeten, Hinweise auf den Briefschreiber zu geben, oder bei der Identifizierung des Briefschreibers zu helfen. Für Rückfragen: Pressesprecher PHK Detlev Kaldinski, Telefon 0170 – 3043063“

Und hier zumindest die erste Seite des Originalbriefes:

Brieftext

Brief an die Soko Dennis – Seite 1

Umschlag_th

Am gleichen Tag, einige Beiträge später, veröffentlicht der User Osiriss dann folgende Message:  „So Leute, habe die Analyse gefunden…Kurz-Analyse des veröffentlichten Briefes
Der Brief wurde offensichtlich mit verstellter Handschrift geschrieben. Der Schriftduktus beinhaltet drei unterschiedliche Schrift-Sequenzen. Deutliche Anzeichen also, das der Verfasser bei der Erstellung immer wieder in seine alten Schreibbewegungsgewohnheiten zurückgefallen ist. Weitere Anzeichen: Mehrere Nachkorrekturen an Buchstaben und langsame Handschrift.
In 99 von 100 Fällen wird bei einer Schriftverstellung, der Neigungswinkel verändert, in der Regel um 10 – 15 Grd. Da die linguistische Formulierung des Textes, Satzstellungen sowie Rechtschreibung/Grammatik im Normalbereich liegen, besteht eigentlich kein Grund zur Nachkorrektur an verschiedenen Stellen des Schriftduktus. Immer wieder werden Pausen eingelegt und die Schrift nachkorrigiert. Der Text wurde in weiten Teile in der Genitivform verfasst.
Einige Buchstaben beinhalten aber Züge, die in der Regel von Linkshändern geschrieben werden. So z.B. die Ausformung einiger Schleifen. Im Gegensatz zu Rechtshändern, der Strich wird hier „gezogen“, „schieben bzw. stoßen“ Linkshänder das Schreibgerät. Genauer lässt sich das allerdings nur am Original-Brief feststellen.
Tja, und das ist eigentlich eine Überraschung, weil im Fall Jonathan Coulom die Fessel-Knoten, die seemännischen Ursprungs sind, laut den französischen Experten vermutlich von einem Linkshänder geknotet wurden. Seemännische Knoten also, wie sie auch im Fall Stefan Jahr angewandt wurden. Ob diese auch von einem Linkshänder geknotet wurden, ist nicht bekannt.
Leider wurde die 2. Seite des Briefes nicht veröffentlicht oder wieder entfernt.
Die Original-Handschrift des Schreibers dürfte deutlich „Linksschräg“ ausfallen, d.h. die Buchstaben fallen auf die linke Seite. Hier wäre sogar eine Handschriften-Rekonstruktion möglich, allerdings mit eingeschränkten Aussagen über die restlichen Buchstaben des Alphabetes.
Auch der Briefumschlag, der aus einem Dorint-Hotel stammt, liefert Hinweise. Diese Hotel’s finden sich auch an verschiedenen Orten und ist ein klassischer Mitnahme-Artikel aus einem Hotelzimmer.
Wenn es tatsächlich der Täter war, ergibt sich die Frage, warum schreibt er diesen Brief mit ausführlichen Details, woher kannte er diese Details? Zum Zeitpunkt des Briefeingangs bei der „Soko Dennis“ waren keine Details zum Tatablauf veröffentlicht worden!
Enthält er etwa Passagen, die bewusst auf die falsche Fährte führen sollen?
Gruss Osiriss“ (Quelle: http://www.allmystery.de/themen/km58176-43)

Etwas später schreibt der User Osiriss weiter, dass im November 2002 ein weiterer anonymer Brief sowohl bei der Polizei als auch beim Vater des ermordeten Stefan Jahr, eingegangen ist. So führt er unter Verweis auf seine Quelle aus: „Dieser wurde im November 2002 u.a. der Soko Dennis, mehreren Polizeidienststellen und U. Jahr zugesandt. Er wurde nicht weiter öffentlich bekannt. Es erfolgten einige Überprüfungen seitens der Soko. Letztendlich wurde er zum Anschwärzungsbrief mißgünstiger Verwandter eingestuft. Ein Fehler wie ich meine. Er ist 4 Seiten lang. Wer ihn lesen möchte…. Er ist vollständig als Abschrift (mit einigen schwärzungen) in dem Buch von Nadja Malak „Auf freiem Fuß“ abgedruckt. Überhaupt gibt diese Lektüre einen guten Überblick über sämtliche Fälle des Maskenmanns“ (Quelle: http://www.allmystery.de/themen/km58176-44)

Aus diesem Brief (ich kenne das Buch von Nadja Malak nicht) soll ein Hinweis zu einem Lehrerehepaar mit Sohn und Schwager aus V. enthalten sein.

Soweit also erst einmal zu meiner Einführung in den Fall, denn es scheint zumindest gesicherte Tatsache zu sein, dass der mittlerweile verstorbene Vater von Stefan, Ulrich Jahr, bereits seit dem Mord an Dennis Rostel im Jahr 1995 von einer Mordserie ausgegangen war, nachdem er über den Anwalt des Vaters vom zweiten mutmaßlichen Mordopfer des Schwarzen Mannes, Dennis Rostel, Einblick in die Ermittlungsakten nehmen konnte und dementsprechend hartnäckig und offensichtlich auch ziemlich energisch gegenüber den Ermittlungsbeamten aufgetreten war.

Aus seiner Sicht lief nicht nur hinsichtlich polizeilicher Ermittlungen viel schief (was sich im Übrigen im Nachgang auch als richtig herausstellte), sondern er vermutete sogar einen größeren Mitwisser- wenn nicht sogar Unterstützer- und Täterkreis. Das brachte ihm in der Folge noch sehr viel Ärger ein, wie ich gleich schildern werde.

Es ist zwar eine reine Mutmaßung meinerseits, aber ich könnte mir vorstellen, dass der Druck durch die Hinterbliebenen der ermordeten bzw. missbrauchten Kinder allmählich zu groß wurde, um solche Zusammenhänge weiter zu ignorieren und der Öffentlichkeit zu verheimlichen – aus welchen Gründen auch immer -, weswegen man erstmalig im April 2002 vorsichtig über Aktenzeichen XY ungelöst andeutete, dass es hier doch Verbindungen zu anderen Taten geben könnte. Allerdings ging man dabei nach wie vor von einem Einzeltäter aus.

Fangen wir deswegen von vorne an und gehen zurück zu dem Tag, als Stefan Jahr in der Nacht vom 30. auf den 31. März 1992 aus dem Internat der Eichenschule in Scheeßel verschwand.

Am 03. März 1992 ereignete sich im Wilhelm-Berger-Schullandheim in Hepstedt, knapp 35 Kilometer von Scheeßel entfernt, ein merkwürdiger Vorfall. Eine Lehrerin hat bei ihrem nächtlichen Rundgang einen unbefugten Eindringling erwischt, der umgehend aus dem Schullandheim geflohen ist. Sie rief die Polizei, die das Gebäude und Umgebung durchsuchte und das Vorkommnis auch aktenkundig machte. Von dem Eindringling fehlte allerdings jede Spur. Hierzu schrieb die FAZ vom 26.04.2011 „Mordfall Dennis – Der schwarze Mann„: „ Der schwarze Mann kam im März 1992 in das Schullandheim, das von Bäumen verborgen außerhalb des Dorfes Hepstedt liegt. Auf dem Geestrand zum Teufelsmoor. Der schwarze Mann stand in einem leeren Schlafraum. Wie eine Gestalt aus den Geschichten, die Wälder und Moore erschaffen. Als hätte Stephen King ihn in dieses Zimmer geschrieben. Eine Lehrerin sah den schwarzen Mann, und er rannte davon. Einige Nächte später stand der schwarze Mann wieder in einem Zimmer des Schullandheims. Dieses Zimmer war nicht leer. Kinder schliefen hier. Der schwarze Mann wollte einen elf Jahre alten Jungen missbrauchen. Als der schrie, verschwand der schwarze Mann, verschmolz mit der Dunkelheit. Das Heim auf dem Geestrand zum Teufelsmoor war der Beginn. Der schwarze Mann suchte auch andere Schullandheime auf, die rund um Bremen in Geest und Marsch, in Einsamkeit und Natur liegen. Schulklassen und Freizeitgruppen besuchen die Häuser. Der schwarze Mann blickte durch die Fenster, er lief die Flure entlang, er ging in die Zimmer. Nicht immer glaubten die Betreuer den Kindern, wenn sie am Morgen vom schwarzen Mann in der Nacht erzählten. Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?“

Im selben Monat, kurz vor dem Verschwinden von Stefan Jahr, passierte das Gleiche in den Schullandheimen Cluvenhagen und Badenstedt – alles Orte im Umkreis von maximal 40 Kilometer von Scheeßel entfernt. Sie gehören zusammen mit Badenstedt alle zum Bremer Schullandheim e.V..
Bei dem Versuch, die Jungen zu missbrauchen, wurde der Mann von dem jeweiligen Aufsichtspersonal erwischt und floh unerkannt in die Dunkelheit.

In diesem Monat legte auch Stefan Jahr aus der Eichenwaldschule in Scheeßel ein eigenartiges Verhalten an den Tag. Der Stern schreibt hierzu in seinem Artikel „Schlägt der Serientäter wieder zu?“ vom 25.06.2009: „Stefan Jahr besuchte seit August 1991 das Internat „Eichenschule“ im norddeutschen Scheeßel. Der Junge war Epileptiker, seine schulischen Leistungen recht schwankend. Um ihm optimale Förderung und Betreuung zu ermöglichen, entschieden sich Stefans Eltern, Ulrich und Petra Jahr, für eine Unterbringung im Internat. Schnell integrierte sich Stefan in die Gruppe. Er bewohnte mit einem etwas älteren Jungen gemeinsam ein Zimmer. In der Woche vor seinem Verschwinden verhielt sich Stefan jedoch ungewöhnlich – vor dem Schlafengehen verschloss er stets die Zimmertür von innen. Warum der 13-Jährige das tat, erklärte er nicht einmal seinem Zimmergenossen. So schloss sich Stefan auch in der Nacht vor seinem Verschwinden, am 30. März 1992, ein. Doch seine Betreuerin bemerkte es – und nahm ihm den Zimmerschlüssel ab. Am nächsten Morgen gegen sechs Uhr lag Stefan nicht mehr in seinem Bett. Im Aufenthaltsraum fand sein Zimmernachbar Stefans Schlafanzug. Das [Fenster] des Raumes stand offen. Von Stefan fehlte jedoch jede Spur, sein Verschwinden wurde nicht bemerkt.“

Der damalige Lehrer Udo Grenz-Gieseke hat nach Aussagen der Ermittlungsbeamten stets gegen 01:00 Uhr die Haustüre des Wohnblocks G, in dem auch Stefan Jahr untergebracht war, verschlossen. Vorher sah er sich immer noch einmal im Aufenthaltsraum um. Nach seinen Aussagen war zu diesem Zeitpunkt weder ein Schlafanzug sichtbar noch konnte er ein geöffnetes oder offen angelehntes Fenster bemerken. Die Schlussfolgerung der Ermittlungsbeamten war, dass erst nach dieser Zeit das Fenster geöffnet und der Schlafanzug in den Aufenthaltsraum verbracht worden sein konnten.

Am Morgen des 31.03.1992 begann dann erst einmal eine interne Suche im Internat. Nachdem Stefan nicht auffindbar war, alarmierte man schließlich auch die Polizei. Der Vater, den man, wenn ich es noch richtig im Kopf habe, erst am Abend des 31. März oder sogar erst am 01. April 1992 morgens über das Verschwinden seines Sohnes unterrichtete, machte sich umgehend auf den Weg nach Scheeßel und traf auf die Ermittler Uwe Jordan und Martin Erftenbeck vor Ort.

Die Begegnung mit den beiden Ermittlern stand wohl von Anfang an unter keinem guten Stern, denn Ulrich Jahr bemängelte gleich zu Anfang den fehlenden Einsatz von Spürhunden in und um das Internatsgelände.
In der Nähe der Schule befand sich nämlich auch ein Campingplatz mit Dauerstellplätzen. Insbesondere fiel ihm auf, dass man zwei Hundertschaften der Bereitschaftspolizei durch die umliegenden Wälder von Scheeßel planlos herumstochern ließ, aber keiner die Sinnhaftigkeit und Logik erkennen wollte, dass man vielleicht doch mit Hilfe von Hunden am Punkt des letzten vermuteten Aufenthalts des vermissten Jungen anfangen sollte.
Das betraf vor allem die Stelle außerhalb des Gebäudes unter dem geöffneten Fenster, aus dem Stefan Jahr angeblich vollständig angezogen, rausgeklettert sein soll. Die Erläuterung des Vaters hierzu klingt durchaus plausibel, denn er war der Meinung, dass Stefan niemals mitten in der Nacht aus dem Fenster geklettert sein konnte. Wenn dem tatsächlich so gewesen wäre, hätte man das durch die Spürhunde leicht feststellen können, auch wenn Stefan als Bewohner des Internats zuvor überall Spuren hinterlassen hatte.
Die Wahrscheinlichkeit, dass Stefans alltägliche Spuren auch im Freien direkt unterhalb des Fensters vom Aufenthaltsraum zu finden gewesen wären, sah er hingegen als relativ gering an. Als EDV-Berater durfte man ihm durchaus einen stringent-analytischen Verstand zutrauen.

Er berief sich dabei auch auf eine Zeugenaussage des Lehrers Udo Grenz-Gieseke. Dieser gab am 31.03.1992 zu Protokoll, dass er in der Nacht, als er im Begriff war, nach Hause zu gehen, einen jungen Mann außerhalb des Gebäudes Richtung  Wäldchen hat laufen sehen. Der Lehrer glaubte, dass es sich dabei um den 18 jährigen Schüler Lukas B. gehandelt haben könnte.
An dem Abend hatte laut Tagebucheintrag des damaligen Schulleiters eine Versammlung des Schulvereins stattgefunden, die bis 21:25 Uhr dauerte und bei der die älteren Schüler mit Alkohol beisammen saßen.
Der Zimmergenosse von besagten Lukas B. konnte sich bei seiner späteren Befragung nicht erinnern, wann Lukas B. ins Bett gegangen ist, denn er hatte sich infolge des Alkoholkonsums vorzeitig von der Runde, an der auch Lukas B. teilnahm, verabschiedet und war ins Bett gegangen, wo er auch gleich einschlief.
Er konnte also keinerlei Aussagen darüber treffen, wann Lukas B. ins Bett gegangen war oder ob später noch einmal das Zimmer verließ. Damit stand für Vater Ulrich Jahr fest, dass Lukas B. für den entscheidenden Zeitraum ab 22:00 Uhr kein Alibi vorweisen konnte.

Schon früh hegte Ulrich Jahr aufgrund der Vernehmungsprotokolle den Verdacht, dass Stefan Jahr bereits im Internat selbst ermordet und seine Leiche anschließend aus dem Schulgebäude rausgeschafft wurde.
Bei dieser Tat müssen mindestens zwei Personen beteiligt gewesen sein – einer, der die Abläufe im Internatsgebäude beobachtete und der andere, der sich an Stefan vergangen und dann ermordet hatte.
So mutmaßte er weiter, dass Lukas B. von draußen das Zimmerfenster von Stefan Jahr beobachtete, aber zu spät bemerkt hatte, dass ein Lehrer aus dem Aufenthaltsraum nach draußen kam, weil er von diesem Standort nicht auf die Erzieherwohnungen und den Aufenthaltsraum blicken konnte.
Er resümierte weiter, dass deswegen eine weitere Person vor Ort war, die auf der anderen Seite die Erzieherwohnungen und den Aufenthaltsraum  beobachtete, um einen geeigneten Zeitpunkt für das heimliche Eintreten in das Internat abzupassen, möglicherweise mit Hilfe eines Heimbewohners. Deswegen dürfte – so Ulrich Jahr – der Schüler Lukas B. auch zu dem Wäldchen gerannt sein, wo er den Standort der zweiten Person vermutete.

Ulrich Jahr schreibt in seinem Brief weiter: „Als Konsequenz aus dieser Erkenntnis hätte man mit Hilfe eines Hundes prüfen können, ob auf der Linie, auf der der Lehrer J. in der Nacht einen jungen Mann hatte weglaufen sehen und die sehr genau zu bestimmen war, eine Spur des Schülers Lukas B. zu finden gewesen wäre, für die dieser schon eine gute Erklärung hätte finden müssen. Denn im Unterschied zu den jüngeren Kindern benutzten die älteren Schüler in dieser Jahreszeit fast ausschließlich die Wege auf dem Gelände. Ein Versuch, die Spur Lukas B.s in Stefans Zimmer und unter dem bewussten Fenster aufzunehmen, hätte dann endgültig einen Beleg dafür liefern können, ob er mit Stefans Verschwinden zu tun hatte.“ (Quelle: http://www.allmystery.de/themen/km58176-162 , User Cleo1956 vom 01.04.2011)

Umso erstaunlicher ist auch für mich, dass Uwe Jordan es laut Aussage von Ulrich Jahr nicht für notwendig befunden hatte, besagten Lukas B. unmittelbar nach dem Verschwinden von Stefan und der Aussage des Lehrers Grenz-Gieseke zu befragen.
Laut Aussage von Ulrich Jahr soll lediglich am 03. April 1992 ein Telefonat zwischen Uwe Jordan und Lukas B. stattgefunden haben, wonach Lukas B. seine Anwesenheit am Wäldchen bzw. außerhalb der Internatsgebäude  zu dem genannten Zeitpunkt verneinte. Erst am 28. April 1992 wurde dann Lukas B. noch einmal offiziell als Zeuge vernommen – natürlich ohne hinreichende, weiterführende Erkenntnisse.

Aber just zum Zeitpunkt der  erfolgten Vernehmungdes Lukas B. wurde wieder ein unbekannter Mann nachts im Kinderheim Hepstedt gesichtet.

Am 03. Mai 1992 fand man schließlich die Leiche von Stefan Jahr eingebuddelt in den Dünen des Verdener Stadtwaldes, ca. 37 km vom Internat entfernt, lediglich mit einem Sweatshirt bekleidet, unten herum nackt und die Hände hinter dem Rücken gefesselt. Seine Unterhose fand man offensichtlich ebenfalls im Grab.

Auffällig ist, dass 400 Meter vom Leichenfundort entfernt das Schullandheim Verdener Brunnen liegt, was ebenfalls zum Bremer Landschulheim e.V. gehörte mit Sitz im Bremer Stadtteil Horn-Lehe.

In diesem Stadtteil begannen dann auch ab 1994 sexuelle Übergriffe auf Kindern in ihren eigenen Wohnhäusern.

Und schon gab es nach dem Leichenfund den nächsten Streitpunkt zwischen Vater Jahr und den Ermittlern Erftenbeck und Jordan.
Die Obduktion wurde damals von Prof. Dr. Klaus Püschel im Diakoniekrankenhaus in Rotenburg/Wümme vorgenommen.
Weder konnte Püschel genaue Angaben zum Todeszeitpunkt von Stefan Jahr noch zum Mageninhalt machen, dessen Untersuchung für die Eingrenzung des Todeszeitpunktes enorm wichtig gewesen wäre.
In seinem ersten Gutachten vom 07.07.1992 kam er zu dem Schluss, dass Stefan Jahr in der Nacht vom 30. auf den 31 März umgebracht wurde, wahrscheinlich eher um Mitternacht als am frühen Morgen.

Außerdem wurde bereits am 06. Mai 1992 an der für weitere Untersuchungen abgetrennten rechten Hand von Stefan Jahr ein 10,8 cm langes dunkles Haar entdeckt. Zu diesem Zeitpunkt hatte man nach Aussage von Ulrich Jahr durchaus das Haar als tatrelevante Spur eingestuft und offensichtlich auch eine Vergleichsanalyse mit den Haaren von einem Verdächtigen aus dem Internat durchgeführt.

Nun muss man wissen, dass damals die DNA-Analyse noch in den Kinderschuhen steckte. 1988 wurde erstmalig dem Mörder Hansjoachim Rosenthal aufgrund eines DNA-Abgleichs der Mord an der 21-jährigen Bankangestellten Claudia Mrosek in Berlin-Neukölln nachgewiesen. Wikipedia schreibt hierzu weiter: „Eingang in die Kriminalgeschichte fand dieser Fall, weil erstmals in Deutschland mithilfe der DNA-Analyse (genetischer Fingerabdruck) ein Mörder überführt wurde. Rosenthals Anwalt, Hans-Christian Ströbele, wehrte sich vehement gegen das neue Verfahren, da er dieses als einen Eingriff in das Persönlichkeitsrecht sah. Nach dem Testergebnis gab Rosenthal vor Gericht seine Schuld zu, erklärte aber, dass es dazu gekommen sei, weil er Stimmen hörte, die ihm die Tat befahlen. Die Verteidigung plädierte daraufhin auf Schuldunfähigkeit wegen einer Persönlichkeitsspaltung. Nach Auffassung der Staatsanwaltschaft war Rosenthal jedoch strafrechtlich uneingeschränkt verantwortlich. (Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Hansjoachim_Rosenthal)

Zum Zeitpunkt des Todes von Stefan Jahr hatte man für den Abgleich eine größere Menge an Blut benötigt, eine Extrahierung von Erbmaterial im Haar selbst war damals noch nicht üblich, vielleicht sogar noch nicht möglich. Insofern blieb nur der mikroskopische Haarvergleich, der, wie sich dann erst viel später herausstellte, mit unzähligen Fehlern behaftet sein konnte. Die Zeit Online hat hierzu einen interessanten Artikel „Um ein Haar“ vom 25.04.2015 veröffentlicht, aus dem ich an dieser Stelle kurz zitieren möchte: „Früher, im Zeitalter der DNA-losen Forensik, konnte man einzig die Haare selbst mikroskopisch betrachten – Farbe, Beschädigungen und Schuppenstruktur – und mit Haaren von Verdächtigen vergleichen. Wie fehleranfällig diese Methode ist, zeigen die aktuellen Nachrichten aus den USA: Laut einem Bericht der Washington Postwurden dort zwischen den Jahren 1980 und 2000 Hunderte Angeklagte zu Unrecht verurteilt, weil das Gericht auf Grundlage von fehlerhaften Haaranalysen entschieden hatte. […] Der aktuelle Zwischenstand: In mehr als der Hälfte von etwa 500 untersuchten Fällen halfen Ergebnisse aus Haaranalysen, den Angeklagten die Tat nachzuweisen. Und in 96 Prozent der Fälle waren die Befunde fehlerhaft. In 32 Fällen verurteilten die Gerichte womöglich Unschuldige zum Tode – 14 der Verurteilten sind bereits tot. Peter Neufeld, der Co-Direktor des Innocence Project, spricht von „Justizirrtümern von epischem Ausmaß“, deren langes Verborgenbleiben ihm unerklärlich sei.“

So kam es, dass Erftenbeck und Jordan bereits am 27.05.1992 die Sonderkommission auflösten und in Absprache mit dem zuständigen Oberstaatsanwalt Popken das Haar als nicht mehr tatrelevant einstuften. Weitere Untersuchungen blieben damit zunächst ausgeschlossen mit der Erklärung, dass das Haar höchstwahrscheinlich bei der Pathologie auf den Leichnam geraten war.

Doch die Auffindesituation des Haars ließ zumindest den Verdacht zu, dass das Haar auch zum Zeitpunkt des Verscharrens der Leiche in den Dünensand an die Hand von Stefan gelangt sein könnte. In ihrer Ausgabe vom November 2002 schreibt die Zeit Online hierzu: „Ulrich Jahr springt auf, rennt aus dem Zimmer. Als er wiederkommt, hält er die Mappe mit den Fotos von der Obduktion seines Sohnes in der Hand. Das hat er sich angetan: sie anzusehen. Er glaubt, dass die Farbfotos seine These stützen. Weil da Sand ist an der Hand; weil das Haar aus dem Sand stammen könnte, also vom Täter. Er zeigt die Mappe jedem, der sie sehen will. Es ist nicht auszuhalten. Der Kanarienvogel ist plötzlich still.“ (Quelle: Die Zeit „Der unheimliche Besucher„)

Eigenartigerweise schrieb die Welt Online bereits am 30.09.2001, also unmittelbar nach dem Mord an Dennis Klein, in ihrem Artikel „Wie viele Jungen brachte Dennis´ Mörder noch um?“ Folgendes: „Fünf Jahre nach dem Mord [Anm.: gemeint ist der Mord an Stefan Jahr] ließ die Kripo per DNA-Analyse das Material des Haars dann aber plötzlich mit der Speichelprobe eines Hauptverdächtigen vergleichen — mit negativem Ergebnis. Ein Massenspeicheltest etwa aller männlichen Personen im Umfeld jenes Zeltlagers, aus dem Stefan verschwand, wurde indes nicht angeordnet. Auch ein Abgleich der Haar-Analyse mit der bundesweiten Gendatenbank, in der die Daten von Schwerverbrechern gespeichert sind, blieb unerklärlicherweise aus. Verlor die Kripo durch Versäumnisse die Spur des Serienkillers? Die Polizei weist diesen Vorwurf Jahrs zurück. Warum aber wurde jenes Haar überhaupt untersucht, wenn es angeblich nicht von Stefans Mörder stammte? Ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Verden gegenüber WELT am SONNTAG: „Dies wurde unternommen, um dem Vater zu zeigen, dass wir wirklich alles versuchen, den Mörder zu finden.“ Man verstehe, erklärt der Sprecher, das Beharren Jahrs auf Aufklärung. Doch habe sich der Vater des ermordeten Kindes in seinem Schmerz offenbar verrannt.“

Als damals Jordan und Erftenbeck im November 1992 bei den Eltern von Stefan Jahr daheim erschienen und ihnen die Mitteilung überbrachten, dass alle kriminalistischen Möglichkeiten erschöpft seien und man wohl verdammt sei, abzuwarten, bis der Mörder noch einmal zuschlägt, platzte dem Vater offensichtlich endgültig der Kragen – verständlich, wie ich meine.

Er nahm sich den mittlerweile durch den Fall Gustl Mollath bekannten Hamburger Rechtsanwalt Dr. Gerhard Strate und begann intensiv, auf eigene Faust zu recherchieren. Gleichzeitig gab er auf eigene Kosten ein gerichtsmedizinisches Gutachten im Auftrag, das Erstaunliches zutage förderte, denn eine erneute Mageninhaltsanalyse hatte ergeben, dass Stefan vor seinem Tod noch einen Müsli-Riegel gegessen haben musste.
Mit diesem Ergebnis konfrontiert, revidierte Klaus Püschel sein zuvor festgehaltenes Ergebnis zum Todeszeitpunkt in einem zweiten Gutachten vom 27.09.1994 – also noch vor dem nächsten Mord an Dennis Rostel im Jahr 1995 – mit folgenden Worten: „Geht man …. davon aus, dass Stefan den Müsli-Riegel zwischen 21.00 Uhr und 21.20 Uhr gegessen hat, dann dürfte der Tod zwischen 22.00 Uhr und 23.00 Uhr eingetreten sein; […] Als Unsicherheitsfaktor verbleibt, dass die genaue Ausgangsmenge an Müsli-Riegeln, die Stefan Jahr zu sich genommen hat, nicht bekannt ist, und dass nicht ausgeschlossen werden kann, dass er bei einem eventuellen Verlassen des Heimes möglicherweise Müsli-Riegel mitgeführt und später noch gegessen hat.” (Quelle: http://www.allmystery.de/themen/km58176-162 , User Cleo1956 vom 01.04.2011)

Erstaunlich ist das Ganze schon deshalb, weil es doch Fragen aufwirft, wieso Püschel in seinem ersten Gutachten von einem wahrscheinlichen Todeszeitpunkt um Mitternacht bzw. den frühen Morgenstunden ausgegangen war, wenn doch auch anhand des Müsliriegels ein Todeszeitpunkt zwischen 22:00 Uhr und 23:00 Uhr in Frage hätte kommen können. Damit hätten sich auch die Rahmenbedingungen für die möglichen Tatumstände, die Tatbegehung und eventuelle Alibiüberprüfungen gewaltig geändert. Dafür hatte er auf Anfrage von Gerhard Strate keine Antwort, sondern erklärte entschuldigend, dass er die Akteninhalte nicht kennen würde.
Zudem ließ sich zumindest aus offenen Quellen nicht recherchieren, ob denn im Zimmer von Stefan Jahr oder außerhalb des Gebäudes zum Zeitpunkt seines Verschwindens Papier oder Reste von Müsliriegel aufgefunden wurden. Bekanntlich fand man Stefan Jahr mit bloßem Unterleib, eingegraben im Dünensand, die Hose fehlte offensichtlich.

Besonders übel hatte es Ulrich Jahr den Ermittlungsbeamten Erftenbeck und Jordan genommen, dass sie trotz der Unsicherheitsfaktoren sowohl zum Zeitpunkt des Todes mit der sich daraus ergebenden Konsequenzen der Frage nach Tatumstände, Tatausführung und Alibis als auch aufgrund der ungeklärten Frage danach, wie das Haar an Stefans Hand gekommen war, noch Jahre später wider besseren Wissens in der Öffentlichkeit weiterhin äußerten, dass Stefan Jahr freiwillig das Heim verlassen und erst dann ermordet wurde, weil er angeblich das Autokennzeichen des Mörders erkannt haben will.
Bis heute wird im Grunde die Einzeltätertheorie vertreten, wonach für die mutmaßliche Serie von Morden an kleinen Jungen nur und ausschließlich Martin Ney in Frage kommen kann.
Drei Morde, nämlich die Morde an Stefan Jahr, Dennis Rostel und Dennis Klein, hat er vor der Polizei und vor dem Gericht gestanden. Ich komme noch später auf das „Geständnis“ von Martin Ney zu sprechen.

Ulrich Jahr in seinem Briefweiter: “ So trat Herr Erftenbeck im März 2003 in einer Fernsehsendung zu dem Fall auf und zitierte aus dem ersten Gutachten von Prof. Dr. Püschel: “Die Todeszeit liegt eher gegen Mitternacht als zum frühen Morgen hin.”, obwohl diese Version längst überholt war. Es soll doch mit solchen Äußerungen eindeutig der Eindruck erweckt bzw. aufrecht erhalten werden, Stefan habe das Internat lebend verlassen und sei erst erheblich nach Mitternacht seinem Mörder begegnet. Genau das erklärte mir auch Frau B. noch im November 2005, wobei ich davon ausgehe, dass sie entsprechend instruiert war. Hier ist eindeutig der Versuch zu erkennen, davon abzulenken, dass man es mit einem Täter zu tun hat, der in der Lage ist, nach einer solchen Tat Überlegungen darüber anzustellen, wie er Ermittler durch Vorspiegelung falscher Tatsachen täuschen kann, und außerdem die Nerven besitzt, ca. drei Stunden nach der Tat noch einmal in das Zimmer zurückzukommen, in dem ja die ganze Zeit über Stefans Zimmergenosse Peter (Name geändert) schlief, die Leiche herauszuholen und eine falsche Spur zu legen, wobei er sich offensichtlich einer Hilfe bediente. Frau B. hatte als Begründung für die von ihr vorgetragene Auffassung angeführt, dass man von dieser Version des Herganges ausgehe, weil es für einen Täter viel zu schwierig gewesen wäre, die Leiche umzukleiden, damit der bewusste Schlafanzug in dem Aufenthaltsraum zurückgelassen werden konnte.“ (Quelle: http://www.allmystery.de/themen/km58176-162 , User Cleo1956 vom 01.04.2011)

Offensichtlich gab es aber noch mehr Ungereimtheiten, die sich im Übrigen auch nach der Festnahme von Martin Ney als mutmaßlicher Kindermörder weiter fortsetzten.

Stefan Jahr wurde auf einer freien Lichtung inmitten des Verdener Stadtwaldes etwa 30 cm tief im Dünensand vergraben. Laut Aussagen der Ermittlungsbeamten in zahlreichen Filmberichten (u.a. gegenüber Spiegel TV „Jagd auf Serienmörder – Die Soko Dennis und der Fall Oehme“) soll diese Stelle selbst unter den Verdener Anwohnern eher unbekannt sein, weswegen man dem Täter auch außerordentliche Ortskenntnisse unterstellte.
Dass die Leiche von Stefan doch nach fünf Wochen aufgefunden wurde, war offensichtlich den Hunden von Spaziergängerin zu verdanken, welche an der Stelle zu scharren anfingen und einen Teil des vergrabenen Körpers freilegten.
Aus dem gleichen Filmbeitrag geht hervor, dass nur 400 Meter weiter das Schullandheim Verdener Brunnen liegt, das ebenfalls zum  Bremer Landschulheim e.V. gehört.

Aufgrund der zahlreichen Polizeifotos vom Fundort meinte Ulrich Jahr zu erkennen, dass der Leichnam seines Sohnes erst wenige Tage, wenn nicht sogar erst die letzten 24 Stunden dort entsorgt wurde. Er war der festen Überzeugung, dass sein Sohn unmittelbar nach seiner Ermordung (auch die Ermittler gingen im Übrigen von einem Mord durch Erwürgen aus) irgendwo anders zwischengelagert wurde und man sich an seiner Leiche vergangen hat.
Das würden die Spuren – so Ulrich Jahr weiter – eindeutig aufzeigen.
Hierzu schreibt ROW People ergänzend: „Ulrich Jahr hat ein rechtsmedizinisches Gutachten in Auftrag gegeben. Demnach starb sein Sohn Stefan gegen 22 Uhr. Um 0.30 Uhr soll auf dem Internatsgelände von einem Lehrer noch eine dunkle Person gesehen worden sein: groß, dunkel gekleidet. Martin N.? Jahrs Theorie: Zu diesem Zeitpunkt hatte der Täter Stefan bereits in seinem Bett erwürgt. Erst später, als alle Betreuer zu Bett gegangen waren, habe er den Jungen aus dem Zimmer geholt. Jahr: „Die Leiche meines Sohnes wurde einen Monat später von einer Spaziergängerin entdeckt. Stefan lag unter 30 Zentimetern Sand mitten in einem beliebten Ausflugsgebiet. Ich bin sicher, dass Stefan dort viel später abgelegt wurde.“ Auch Dennis Rostel soll bereits eine Woche tot gewesen sein, als er ähnlich wie Stefan verbuddelt wurde. „Der Täter ist nekrophil veranlagt“, sagt der heute 68-jährige Jahr. Wochenlang habe der Täter die Leichen bei sich zu Hause gehabt.“ (Quelle: ROW People „Der lässt mich kalt“ vom 16.10.2011)

Die Ermittler um Jordan und Erftenbeck hingegen gingen davon aus, dass Stefan unmittelbar nach seiner Ermordung in der gleichen Nacht zum 31.03.1992 mit dem Auto nach Verden an die Stelle verbracht und dort begraben wurde. Demnach würde es sich erklären, warum Lukas B. ziemlich schnell aus dem Kreis der Verdächtigen ausgeschlossen wurde, weil er weder einen Ortsbezug zu Verden hatte noch über einen PKW verfügte.
Lediglich die dort tätigen und wohnhaften Lehrer und Schüler der Eichenschule, auf welche die Punkte zutrafen, blieben im Kreis der Verdächtigen.
Eine Ausweitung des möglichen Täterkreises auf Angehörige der Schüler oder auch Campingplatz-Besucher fand nach Aussage von Ulrich Jahr nicht statt.
Er spielt dabei auch auf den in den Fokus der Ermittlungen gerückten Krankengymnasten aus Belgien an. Dieser war im Mordfall Dennis Rostel als damals zuständiger Betreuer im Zeltlager Selker Noor verdächtig gewesen.
Im Jahr 1996 erging sogar ein Haftbefehl gegen ihn, im Jahr 1998 ein weiterer. Doch die Verdachtsmomente gegen den Belgier ließen sich nicht erhärten. Über diesen Fall hat auch der STERN am 28. November 2011 in seinem Artikel „Unschuldiger durchlebt 16 Jahre Hölle“ berichtet.

An dieser Stelle frage ich mich zum ersten Mal, ob 1997 bei dem verdächtigen Belgier auch der DNA-Vergleich mit dem bei Stefan Jahr aufgefundenem Haar durchgeführt wurde.
Leider habe ich hierzu keine expliziten Ausführungen aus offenen Quellen gefunden. Lediglich der Hinweis aus der  Welt Online vom 30.09.2001 führt mich zu dieser Frage, ob es sich bei dem Verdächtigen, bei dem man den DNA-Vergleich durchführte, um den besagten Belgier handelte.

Mir fiel nämlich beim Lesen des Stern-Artikels „Unschuldiger durchlebt 16 Jahre Hölle“ vom 28.11.2011 folgende Passage auf: „Inzwischen hat allerdings auch der Vater des 1992 ermordeten Stefan J. Peter Baum ins Visier genommen. Anders als die Kripo hat er schon nach dem Mord an Dennis R. den Verdacht, dass die Kinder einem Serienmörder zum Opfer gefallen sein könnten. Der Vater meint sich auch daran zu erinnern, dass sein Sohn Baums Namen mal erwähnt habe. Der Vater engagiert die Detektive Reginald N. und Vladimir N., die den Krankengymnasten zu Hause aufsuchen. Er habe die Detektive sogar in seine Wohnung gebeten, um „in Ruhe mit ihnen zu reden“, erinnert sich Baum. „Sie meinten, ich solle den Mord endlich zugeben. Als ich ablehnte, haben sie mich ein paar Tage lang regelrecht verfolgt. Sie standen sogar vor dem Fenster der Praxis, in der ich arbeitete, und riefen: ,Wir kriegen dich, du Schwein‘.“ Die Detektive übergeben der Kripo ein graues langes Haar, das sie von Baums Jacke geklaubt haben wollen. Kommissar P. schickt das Haar tatsächlich ans Bundeskriminalamt. Das BKA sendet das Haar im Januar 1997 postwendend nach Flensburg zurück. Zwischen den Zeilen drücken die Gutachter ihre Entrüstung darüber aus, dass sie ein rechtswidrig gewonnenes Beweismittel untersuchen sollten. Sie würden – „wie bekannt sein sollte“ – nur „sach- und fachgerecht“ entnommene Blut- und Haarproben begutachten, schreiben sie dem Kommissar.“

Bei dem Kommissar aus Flensburg dürfte es sich um Ketel Petersen handeln, damals zuständig für die Mordermittlungen im Fall Dennis Rostel.
Er hatte ausführlich über den Fall vor der Kamera in der 75 minütigen RTL2-Sondersendung „Ungeklärte Morde – SoKo Dennis“ berichtet.
Dort betonte er auch, dass der Fundort nicht der Tatort gewesen sein konnte und dass die Spuren (Leichenflecken, die sich verlagert hatten, hoher Verwesungsgrad, gelöste Leichenstarre) deutlich darauf hinwiesen, dass das Kind irgendwo zwischengelagert worden sein musste – genau, wie es auch der Vater von Stefan Jahr immer wieder bei seinem Sohn betonte.

Bitte schön, ich will hier keine ollen Kamellen wieder aufwärmen, aber hatte man bei Stefan Jahr nicht ein fast 11 cm langes dunkles Haar aufgefunden, was ich zumindest für ein männliches ausgefallenes Haar ziemlich lang empfinde?
Und wenn ich es richtig verstanden habe, konnte/wollte man den Belgier auch bis zum Geständnis von Martin Ney nicht vollständig von diesem Verdacht entlasten.

Ich komme noch später im Zusammenhang mit Martin Neys Geständnis zum Mordfall Dennis Rostel darauf zurück.

Zunächst bleibe ich aber erst einmal bei den Ermittlungsbeamten Uwe Jordan und Martin Eftenbeck sowie dem Gerichtsmediziner Klaus Püschel.

Jahre später hatten alle drei Protagonisten andere öffentlichen Auftritte der weniger schmeichelhaften Sorte.

Da berichtete doch der NDR am 04.05.2011 über Spitzelpläne der Polizei.

So kann man gleich zu Anfang lesen: „Die Polizei Verden im Rampenlicht:. Gern präsentiert sie den Medien Erfolge wie im Fall „Dennis“. Im Mittelpunkt auch Kriminalhauptkommissar Martin Erftenbeck und sein Chef, Kriminaldirektor Uwe Jordan, der sich explizit an die Medien wendet: „Meine Damen und Herren, ich möchte die Gelegenheit nutzen, um mich auch bei Ihnen für Ihre Arbeit und Ihren Anteil zu bedanken.“ Doch dieser Kriminaldirektor und sein Hauptkommissar sind nicht immer dankbar. Knallhart zeigten sie sich bei der Journalistin Christine Kröger vom Weser Kurier. Sie sollte ausspioniert werden, mit allen Mitteln: Durchsuchung, Telefondatenauswertung.“ (Quelle: NDR vom 04.05.2011 „Weser-Kurier: Spitzelpläne der Polizei“ von Jasmin Klofta)

Im Mittelpunkt steht die Weser-Kurier-Journalistin Christine Kröger, die in einem Mordfall recherchierte, bei dem ein Mann in Schwanewede bei Bremen erschossen wurde.
Der Familienvater libanesischer Abstammung Hussein E. wird auf offener Straße aus einem heranfahrenden BMW-Caprio erschossen, als er gerade seinen dreijährigen Sohn von der Großmutter abholen wollte. In dem Kugelhagel wurde auch seine Lebensgefährtin schwer verletzt.
Der Stern schreibt hierzu weiter: „Das Motiv stand für die Mordkommission Verden schnell fest: Blutrache. Immer wieder war Hussein E. von Angehörigen der kurdisch-libanesischen Großfamilie M. bedroht worden. Die Sippe, die zu den so genannten Mhallamiye-Kurden gehört, ist in Bremen so gefürchtet, wie die Mafia in Palermo. Der Clan schert sich nicht um Gesetze, nimmt das Recht in die eigene Hand. Die Hinrichtung des 44-jährigen Familienvaters im Januar 2009 auf offener Straße markiert nicht nur den traurigen Höhepunkt einer verfehlten Integrationspolitik, sie zeigt auch, wie machtlos Polizei und Justiz ethnischen Clans inzwischen gegenüber stehen. 2600 Angehörige zählt die Großfamilie allein in Bremen. Die Papierrolle, auf der die Kripo die Verwandtschaftsverhältnisse des weit verzweigten Clans entschlüsselt hat, ist acht Meter lang. Die Familien haben nicht selten zehn Kinder. 1466 Angehörige – also über die Hälfte der Großfamilie – ist schon einmal straffällig geworden. Darunter 207 Vielfachtäter und 66 Schwer- und Schwerstkriminelle. Mehr als 1100 Straftaten sollen Mitglieder des Clans allein im Jahr 2008 begangen haben. Es gibt ein paar Angehörige der Großfamilie, die gut integriert sind. Nach Polizeierkenntnissen sind das allerdings „absolute Ausnahmen“. (Quelle: Stern vom 05.06.2011 „Mord mit Ansage„)

Jedenfalls geriet Hussein E. selbst in die Fängen der Ermittler, als es um die Aufklärung eines Überfalls mit Todesfolge unter Clan-Mitgliedern in einer Kneipe gegangen war.
Er wurde 2007 von der Strafkammer wegen Mittäterschaft zu fünf Jahren und drei Monaten Haft verurteilt. Bereits da wird er schon von weiteren Clan-Mitgliedern mit dem Tod bedroht, sodass sich Hussein an die TAZ wandte, um nicht ins Gefängnis Oslebshausen einfahren zu müssen. Er erreichte, dass er ins Gefängnis Bremerhaven verlegt wurde. Der Stern schreibt dann weiter: „Unterdessen machen sich Mitglieder der Familie M. offenbar auf die Suche einem Auftragskiller, um den Tod von Ahmet E. zu rächen. Jedenfalls gibt ein Abschiebehäftling im August 2008 bei der Polizei in Bremen zu Protokoll, der Vater von Ahmet E. hätte ihm 60.000 Euro für den Mord an Hussein E. geboten worden. Doch die Polizei glaubt dem Zeugen nicht. Der wichtige Zeuge wird nach Mazedonien abgeschoben, wie der Bremer „Weser Kurier“ später enthüllt.“

Aufgrund guter Führung wurde Hussein schließlich zum Freigänger und brauchte seine Reststrafe im Gefängnis nur noch mehr abends abzusitzen. Untertags konnte er in den Blumenladen seiner Lebensgefährtin arbeiten und sich um seine Familie kümmern. Dabei wurde er dann erschossen.

Christine Kröger konnte sich bei ihren Recherchen auf interne Aktennotizen und Polizeiprotokolle stützen und somit den Skandal in ihrem Artikel vom 21.03.2009 „War Blutrache das Mordmotiv“ veröffentlichen, dass die Polizei schon Monate vorher von der geplanten Ermordung des Hussein E. gewusst hatte und diesen nicht verhinderte.

Dass diese Veröffentlichungen an dem Image und Stolz von Uwe Jordan und Martin Eftenbeck kratzte, kann ich mir schon vorstellen.
Deswegen versuchten die beiden auch, die Staatsanwälte Helmut Trentmann und Hansjürgen Schulz mit dem Vorschlag zu bedrängen, das Redaktionsbüro von Christine Kröger zu durchsuchen und ihre Telefonverbindungen zu überwachen. Darüber hatte offensichtlich der Verdener Oberstaatsanwalt Hansjürgen Schulz einen Aktenvermerk angefertigt und angesichts des ergangenen Urteils des Bundesverfassungsgericht zum „Cicero“-Fall aus dem Jahr 2007 die Beamten auf die Rechtswidrigkeit dieser geplanten Maßnahme hingewiesen. Damals hatte das Gericht im Urteil festgestellt: „Durchsuchungen und Beschlagnahmen in einem Ermittlungsverfahren gegen Presseangehörige sind verfassungsrechtlich unzulässig, wenn sie ausschließlich oder vorwiegend dem Zweck dienen, die Person des Informanten zu ermitteln.“

Der Weser-Kurier zitierte in seinem Artikel vom 29.04.2011 „Polizeibeamte wollten WESER-KURIER bespitzeln“ aus dem Vermerk: „Es müsse „präventiv ein Signal gesetzt und ergründet werden, wer Informationen weitergegeben hat“, eröffnete Jordan laut Vermerk das Gespräch mit Schulz und Trentmann. Dabei werde man sicher dann auch noch erfahren, „was Frau Kröger ‚sonst so treibt’“. Schon nach dieser Äußerung schritt Staatsanwalt Schulz nach eigenem Bekunden energisch ein: Ermittlungsverfahren seien „nicht dazu gedacht, Signale zu setzen“. Die Erhebung von Verbindungsdaten der Journalistin und ihrer möglichen Informanten sei unzulässig. Grundsätzlich seien Ermittlungen „lauter zu führen“, habe Schulz die Polizeibeamten ermahnt. Kriminalhauptkommissar Erftenbeck ließ nach diesem Rüffel offenbar noch nicht locker. Er habe nun gar „eine mögliche Durchsuchung bei Frau Kröger“ ins Gespräch gebracht, heißt es in Schulz’ Vermerk. Diesen Vorstoß konterte der Oberstaatsanwalt mit dem Hinweis auf das vielbeachtete „Cicero-Urteil“ des Bundesverfassungsgerichts.“

Das Ende vom Lied – dem ehemaligen Oberstaatsanwalt Schulz wurde erst jetzt im März 2016 der Prozess wegen Geheimnisverrat gemacht (siehe auch NDR „Prozess gegen Staatsanwalt wegen Geheimnisverrats“ vom 07.03.2016)

Aber auch Püschel, der sich bereits um seine Sporen im Kachelmann-Prozess verdient gemacht hatte, geriet zunehmend unter Beschuss, als es um den Yagmur-Prozess gegangen war. Zwar hatte er bei dem dreijährigem Mädchen Yagmur Y. schwerste Verletzungen festgestellt, die eindeutig auf Kindesmisshandlung hinwiesen und auch bei der zuständigen Staatsanwaltschaft Anzeige erstattet, aber als die Anzeige eingestellt wurde (Yagmur hätte da vermutlich heute noch leben können, wenn man rechtzeitig gegen den gewalttätigen Stiefvater eingeschritten wäre), hatte sich Püschel nicht mehr weiter darum gekümmert. Das Hamburger Abendblatt schrieb hierzu: „Sechs Stunden lang sind Klaus Püschel, Leiter des Instituts für Rechtsmedizin, und seine Kollegin Dragana Seifert am Montag als Zeugen im PUA Yagmur vernommen worden. Der Fall sei aufgrund der vielen massiven Verletzungen einzigartig, darin waren sich die Rechtsmediziner einig. Zudem betonte Püschel, dass seine Anzeige bei der Staatsanwaltschaft ein höchst ungewöhnlicher Vorgang gewesen sei. Umso irritierter zeigten sich die PUA-Mitglieder, dass die Mediziner nach Einstellung des Verfahrens ohne Ergebnis im November 2013 nicht aktiv geworden waren. „Professor Püschel hat mehrmals wiederholt, wie ungewöhnlich der Fall ist“, sagt der PUA-Vorsitzende André Trepoll (CDU) am Dienstag. „Deshalb wundert es mich, dass er sich nach der Verfahrenseinstellung nicht etwa an das Jugendamt gewandt hat.“ Püschel hatte eingeräumt, dass es rückblickend hilfreich hätte sein können, noch mal darauf hinzuweisen, dass dort etwas Schlimmes passiert ist. „Aber für mich waren damals andere zuständig.“ Aufgabe der Rechtsmedizin sei die Spurensuche und Dokumentation und nicht, sich um das Kind zu kümmern. Dragana Seifert gab an, dass sie enttäuscht gewesen sei, als sie von der Verfahrenseinstellung gehört habe. „Weil ich mir gewünscht hätte, dass weiter ermittelt wird.“ Sie würde es befürworten, wenn das Kinderkompetenzzentrum im Institut für Rechtsmedizin grundsätzlich bei Kindeswohlgefährdungen eingeschaltet würde.“ (Quelle: Hamburger Abendblatt vom 16.04.2014 „CDU verwundert über Rechtsmediziner Prof. Püschel„)

Aber es kommt noch besser, denn bereits am 19.10.2006 hatte der Flüchtlingsrat in Hamburg bei der damaligen Generalbundesanwältin Monika Harms eine Strafanzeige u.a. gegen Prof. Klaus Püschel wegen Nötigung, schwerer Körperverletzung und Beihilfe zur Körperverletzung durch den Einsatzes eines Brechmittels erstattet.

In der Begründung der Strafanzeige steht u.a.: „Mit seinem Urteil vom 11. Juli 2006 hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (Application No. 54810/00, Jalloh vs. Germany) klargestellt, dass der zwangsweise durchgeführte Brechmitteleinsatz eine unmenschliche und erniedrigende Behandlung darstellt, die gegen das Folterverbot des Artikel 3 der Europäischen Konvention der Menschenrechte und Grundfreiheiten (EMRK) verstößt. Wie Ihnen sicher bekannt ist, werden sogenannte „Brechmitteleinsätze“ in Hamburg seit dem Sommer 2001 durchgeführt. Vermeintlichen Drogenhändlern, die beim Herannahen von Polizeibeamtinnen oder -beamten Drogenpäckchen verschluckt haben sollen, wird im Hamburger Institut für Rechtsmedizin das Brechmittel Ipecacuanha verabreicht. Diese Prozedur wurde bis zum 1. August 2006 auch gewaltsam durchgeführt. Dabei wurden die Betroffenen festgehalten und es wurde ihnen entweder die Nase zugehalten, um sie zum Schlucken des Brechmittels zu zwingen, oder ihnen wurde das Brechmittel mittels einer durch die Nase eingeführten Magensonde verabreicht. Diese Vorgehensweise basiert auf einer gemeinsamen Verfügung der Staatsanwaltschaft und der Polizei vom 20. Juli 2001. Danach holen Polizeibeamte, die einen Brechmitteleinsatz durchzuführen beabsichtigen, zunächst die Genehmigung der Staatsanwaltschaft ein. Erfolgt diese, so werden die Betroffenen in das Institut für Rechtsmedizin gebracht, wo ihnen von den dortigen Ärzten das Brechmittel verabreicht wird. Bis zum 1. August 2006 wurde den Betroffenen, die das Brechmittel nicht „freiwillig“ trinken wollten, der Einsatz der Magensonde angedroht. Wie sich aus den Antworten des Hamburger Senats auf parlamentarische Anfragen ergibt, kam es in der Zeit vom 12. August 2001 bis zum 13. September 2005 in mindestens 486 Fällen zu derartigen Brechmitteleinsätzen.“ (Quelle: Kampagne gegen Brechmitteleinsatz)

Im Landgericht Bremen kam es dann im April/Mai 2008 zu den ersten Verhandlungen. Im Oktober 2013 wurde dann das Verfahren gegen Zahlung einer Geldbuße in Höhe von 20.000 Euro vorläufig eingestellt (siehe auch Spiegel-Artikel vom 01.11.2013 „Tödlicher Brechmitteleinsatz: Verfahren gegen ehemaligen Polizeiarzt eingestellt“)

Wisst Ihr, es mag weit hergeholt sein, aber als Martin Ney am 15. April 2011 zunächst wegen weiterer Befragungen von Bremen ins Polizeipräsidium Verden gebracht wurde, soll er beim Vorbeifahren am Verdener Stadtwald, wo man die Leiche von Stefan Jahr gefunden hatte, zusammengebrochen sein. In der Filmdokumentation von ZDFZoom „Der schwarze Mann – Jagd nach dem Kindermörder“ wird erzählt, dass Martin Ney daraufhin kotzen musste und am nächsten Tag die drei Morde an Stefan Jahr, Dennis Rostel und Dennis Klein gestanden habe.

Und zum Kachelmann-Prozess sei nur eine Passage des Spiegels erwähnt, für den die Gerichtsreporterin Giesela Friedrichsen verantwortlich zeichnet: „Der von Kachelmanns Anwalt [Anm.: Rechtsanwalt Schwenn] eingesetzte Kölner Rechtsmediziner Markus Rothschild zitierte vor Gericht aus dem „Handbuch für gerichtliche Medizin“ einen Zehn-Punkte-Katalog von Merkmalen, wie sie für Selbstverletzungen typisch seien. Verblüffend viele Merkmale trafen anscheinend auf die Nebenklägerin zu, etwa das Fehlen von Abwehrverletzungen, die leicht erreichbare Stelle, die oberflächlichen Ritzer an Bauch, linkem Schenkel und linkem Arm, die parallele Anordnung. „Eine solche Befundkonstellation jedenfalls habe ich noch nie gesehen“, so Rothschild. Noch eindeutiger äußerte sich Püschel. Er scheute sich nicht, von „eindeutigen Hinweisen auf Selbstverletzung“ zu sprechen. Ein „überfallartiges Geschehen“ schloss er aus. „Ich sehe viele Anhaltspunkte für Manipulation, entweder durch die Nebenklägerin selbst oder mit Hilfe einer weiteren Person“, sagte er. Derartige Hämatome, verursacht durch Kachelmanns Knie? „Das geht überhaupt nicht“ konstatierte Püschel und begründete dies überzeugend. Die Knie des Angeklagten kämen keinesfalls in Betracht. „Es ist im Übrigen nicht unsere Aufgabe“, fügte Püschel hinzu, „uns zu fragen, wie es gewesen sein könnte.“ (Quelle: Spiegel Online vom 09.02.2011 „Kachelmann-Prozess: Lehrstunden in Sachen Rechtsmedizin“)

Erstaunlich, die höheren Erkenntnisse von einer Frau Friedrichsen aus den o.g. „Befunden“ der beiden Gerichtsmediziner Rothschild/Püschel sowie die Aussagen von Püschel, wenn man an den U-Ausschuss zum Misshandlungsfall Yagmur Y. oder auch an das erste Gutachten von Püschel zum Todeszeitpunkt des ermordeten Stefan Jahr denkt.

Da muss ich dann auch gleich wieder an das Buch von Guido und Michael Grandt „Schwarzbuch Satanismus“ denken. Auf Seite 73 ff schreiben sie im Kapitel 3.1.3 „Den Kindern wird nicht geglaubt II. Der Bock zum Gärtner gemacht – eine SPIEGEL-Reportage“ über die organisierten Missbrauchsfälle in der holländischen Kleinstadt Oude Pekala. Sie beziehen sich dabei auf den von Giesela Friedrichsen und Gerhard Mauz geschriebenen Artikel „Jeder Mann ein Kinderschänder?“ vom 20.06.1994.
Guido und Michael Grandt schreiben hierzu: „Doch anstatt sachlich den Fall Oude Pekala darzustellen und das Für und Wider abzuwägen, bedient DER SPIEGEL in bekannt hämischer Manier lediglich die Vorurteile der Zweifler. Die Ärzte Fred und Jetje Jonker, die sich seit Jahren mit rituellem Mißbrauch auseinandersetzen und internationale Kontakte unterhalten, werden mit dem Etikett „begehrte Redner“ unterschwellig als populistische Profilneurotiker gebrandmarkt. Ihre Beurteilung der Vorgänge in der holländischen Kleinstadt tut das Blatt lässig als „Verschwörungstheorie“ ab. Und das, obwohl DER SPIEGEL über das tatsächliche Geschehen in Oude Pekala nicht allzugut informiert ist. Friedrichsen und Mauz haben weder vor Ort recherchiert, noch jemals mit den Jonkers persönlich gesprochen, wie Mauz uns gegenüber selbst eingesteht. Der Gerichts-Reporter des Hamburger Nachrichtenmagazins kennt nur ihre Vorträge und Fernsehauftritte. […] Zur Untermauerung seiner skeptischen Haltung führt Mauz einen vierjährigen Jungen an, der im Laufe von drei Jahren seine Aussagen „entscheidend geändert“ habe. Hat der Journalist noch nie etwas von Drohungen und Einschüchterungen gegenüber den Opfern gehört? Von unsachgemäßen Verhörpraktiken? Von perfekt organisiertem Mißbrauch, der die Kombinationsfähigkeit eines Kleinkindes weit überfordert?“

Die Grandt-Brüder stellen in ihrem Buch weiterhin fest, dass Mauz und Friedrichsen sich überwiegend auf das Buch „Sittenangst“ von Benjamin Rossen gestützt hatten, in dem er die Missbrauchsvorgänge in Oude Pekala als Massenhysterie bezeichnete und als Märchen abtat.

Interessant dabei ist, dass Benjamin Rossen selbst in Australien 1987 wegen Kindesmissbrauchs an einem 12 jährigen Jungen angeklagt wurde, sich deswegen aus dem Staub machte und seitdem in Holland lebte. Er war anschließend für das Pädophilen-Magazin „Paidika“ publizistisch tätig, das in Amsterdam herausgegeben und bis in die USA vertrieben wurde. Guido und Michael Grandt schreiben dazu auf Seite 76 des o.g. Kapitel aus dem Buch „Schwarzbuch Satanismus“ weiter: „Verbürgt ist von ihm unter anderem die Aussage, Kinderpornographie sei doch nicht so schlimm, denn sie könne „frustrierte Männer abhalten, Kinder zu nutzen …“ Einen ausgewiesenen „Kinderfreund“ adelt DER SPIEGEL zum kompetenten Experten für sexuellen und rituellen Mißbrauch. „Es ist bitter nötig“, schreibt das Reporter-Team zu Beginn seines Artikels, „sexuellen Mißbrauch zu verhindern, ihm vorzubeugen, ihn aufzudecken und zu verfolgen, wenn es zu ihm gekommen ist.“

So, nach diesem längeren, aber für die weiteren Ausführungen wichtigen Exkurs komme ich wieder auf den Mordfall Stefan Jahr zu sprechen.

Es scheint unbestritten zu sein, dass unmittelbar vor und auch nach dem Mord an Stefan Jahr immer wieder eine dunkle Gestalt in den Kinder- und Schullandheimen Cluvenhagen, Badenstedt,  Heptstedt und sogar in einem Fall im Zeltlager Selker Noor auftauchte und sich an den Kindern zu schaffen machte.
Diese Missbrauchsserie startete Ende Februar/Anfang März 1992 und endete vorerst  im November 1992.
Über ein Jahr lang wurde dann kein weiterer Missbrauchsfall mehr in den umliegenden Heimen verzeichnet.

Auffällig ist nach meinem Dafürhalten, dass gerade das mehrmalige Eindringen der Gestalt in Hepstedt, Badenstedt und Cluvenhagen vor dem Mord an Stefan Jahr so offensichtlich vonstattenging, dass man fast den Eindruck gewinnen könnte, als ob es der Täter regelrecht darauf angelegt hätte, vom Lehrpersonal und anderen Kindern entdeckt zu werden.
Dieses Verhalten potenzierte sich sogar noch während der anderen Missbrauchsfälle nach dem Mord an Stefan. So klopfte der Täter, der damals noch in dunklen Sachen mit Ski- oder Motorradhaube beschrieben wurde, offensiv an die Fenster, stellte sich Lehrern und Schülern in den Weg und sprach teilweise sogar unverblümt Kinder am helllichten Tag an.

Ich weiß zwar nicht, welche Phantasien Pädophile so haben, aber scheint es nicht logischer zu sein, sich einem bestimmten Kind vorsichtig und möglichst unbemerkt von anderen anzunähern, Vertrauen aufzubauen, um dann die tatsächliche Absicht eines Missbrauchs umzusetzen?

Der Missbrauch der Kinder beschränkte sich offensichtlich zu diesem Zeitpunkt auf Streicheln und Anfassen im Schambereich. Soweit ich das aus offenen Quellen rekapitulieren konnte, ließ sich der Täter selbst nie anfassen. Auch fand zunächst in keinem der Fälle eine Vergewaltigung oder schwere sexuelle Nötigung statt. Von erzwungenem Fotografieren in anzüglichen Posen war ebenso noch keine Rede.

Stefan Jahr schien eine Woche vor seinem Verschwinden vor etwas oder jemanden Angst gehabt zu haben und begann, sich am Abend im Zimmer einzuschließen. Wieso ausgerechnet Stefan Tage vorher diese Ängste entwickelte, obwohl es offensichtlich im Eichenwald-Internat in Scheeßel noch zu keine dokumentierten und/oder von anderen Kindern bestätigten Übergriffen oder Sichtungen einer unbefugten, ganz in schwarz gekleideten Gestalt kam, ist mir zunächst ein Rätsel.

Weiterhin ist mir ein Rätsel, warum man angesichts der Häufung dieser Vorkommnisse in verschiedenen Kinder- und Schullandheimen alleine in dem Jahr 1992 keine offizielle Warnung an die umliegenden Heime herausgab, denn die Polizei war des Öfteren vor Ort gewesen, um den angezeigten Sachverhalten nachzugehen. Es müssen also Einträge in Polizeitagebüchern und Aufnahmeprotokolle vorhanden gewesen sein, die eigentlich zu besonderen Vorsichtsmaßnahmen hätten animieren sollen, erst recht, nachdem man Stefan Jahr tot aufgefunden hatte.
Selbst ein Phantombild mit Beschreibung ist lange Zeit unterblieben, obwohl es danach weitere zahlreiche Missbrauchsfälle gegeben hatte.
Erst viel später, nämlich am 28.09.2001 nach dem dritten in Deutschland verübten Mord an Dennis Klein wurde überhaupt der Täter in der Gestalt des „Maskenmannes“ oder auch „Schwarzer Mann“ veröffentlicht.

Zumindest hätte ich erwartet, dass der für die Schulland- und Kinderheime verantwortliche Bremer Schullandheim e.V. in Bremen Horn-Lehe eine dienstinterne Verhaltensregelung  als vorbeugende Maßnahmen bzw. bei Auftreten solcher Vorkommnisse herausgibt und landesweit an seine zuständigen Heimleiter und Heimpersonal verteilt.

Selbst, als sich spätestens am 03. Mai 1992 herausstellte, dass ein schweres Verbrechen an einem Internatsschüler verübt wurde, gab es offensichtlich keinerlei Reaktion von dem Bremer Schullandheim e.V., was aus meiner Sicht schon äußerst verdächtig erscheint, zumal der Auffindungsort der Leiche von Stefan Jahr nur wenige hundert Meter vom nächsten Landschulheim Verdener Brunnen lag.

Deswegen betone ich an dieser Stelle, dass die nun folgenden Gedankengänge rein spekulativ sind und nicht weiter von mir mit entsprechenden Indizien, geschweige denn Belegen, untermauert werden können.

Diese Überlegungen sind rein aus dem offiziell vorliegenden Gesamtbild entstanden und beanspruchen in keinster Weise das Recht auf Richtigkeit.

So stellte ich mir die Kernfrage, ob Stefan Jahr nicht zufällig, sondern ganz bewusst ausgewählt wurde. Die vorherigen Ereignisse um das Kinderheim Hepstedt und die Landschulheime Cluvenhagen sowie Badenstedt könnten damit schon als Vorbereitung zum Legen einer falschen Spur gedacht gewesen sein. Aber wer hätte ein Motiv, so eine lang angelegte Aktion als Ablenkungsmanöver zu starten, um letztendlich nur Stefan Jahr habhaft zu werden?

Der Spiegel schrieb z.B. in seinem Artikel „Leben ohne Stefan“ vom 23.04.2011 Folgendes: „Ulrich Jahr, 68, hat den Blick gesenkt. „Ich muss erst Näheres wissen, um sicher sein zu können, dass er der Täter ist“, sagt er. Jahr ist unsicher, ob jetzt alles vorüber ist. All die Zeit hat er persönlich nach dem Mörder seines Sohnes gesucht. Rund 40 000 Euro hat er investiert, um DNA-Proben analysieren zu lassen, Flugblätter zu drucken, Detektive anzuheuern. Am Ende musste er sich selbst vor Gericht verantworten. […] Als Ulrich Jahr seinen Sohn am 29. März 1992 zum letzten Mal ins Internat fuhr, freuten sich Vater und Sohn auf die Osterferien, den Skiurlaub in Österreich. Drei Tage später wollte Ulrich Jahr seinen Sohn wieder abholen. „Tschüs, Papa, bis Mittwoch“, rief Stefan beim Abschied. Zwei Tage später war er verschwunden. „Dass er weggelaufen war, kam für uns nie in Frage“, sagt Ulrich Jahr. Der Informatiker im Ruhestand wählt seine Worte bedächtig, hat eine tiefe, ruhige Stimme. Sie dachten an Entführung, wegen der Namensgleichheit mit einer Hamburger Verlegerfamilie [Anm. von mir hervorgehoben]. Eine Fangschaltung wurde eingerichtet, niemand forderte Lösegeld. „Das Warten hat einen zerfressen“, sagt Ulrich Jahr. Er suchte Feldwege und Scheunen im Umkreis von Scheeßel ab. Danach saß er wochenlang auf dem Sofa, starrte das Telefon an. Nach fünf Wochen kam der Anruf der Polizei: „Herr Jahr, in den Verdener Dünen wurde die Leiche eines Jungen gefunden. Wir glauben, dass es Stefan ist.““

Der Vater von Stefan war als selbständiger Unternehmer im Bereich der Softwareberatung, Telekommunikation und Computerforensik tätig und hatte in Tangstedt, Pinneberger Landkreis bei Hamburg, nicht nur sein Wohnhaus, sondern dort auch ein eigenes Geschäft geführt.

Über seine konkreten Tätigkeiten und Aufträge konnte ich leider nichts aus offenen Quellen herausfinden, deswegen kann ich mich zu weiteren Überlegungen über möglicherweise brisante oder sogar geheimdienstliche Erkenntnisse des Vaters nicht weiter auslassen.
Auch nicht, ob er vielleicht vorher schon von Geschäftspartnern bedroht oder ob versucht wurde, ihn zu einer vielleicht nicht koscheren Aktion zu überreden.

Für den Fall, dass es schon vorher so eine Situation gegeben hat, wäre dann die Frage zu stellen, ob Ulrich Jahr schon früh diese Verbindung zum Verschwinden seines Sohnes hergestellt hat und wieso er sich dazu nicht weiter äußerte. Allerdings muss man bedenken, dass Stefan zu dem damaligen Zeitpunkt einen jüngeren Bruder hatte und Ulrich Jahr natürlich alles daran gesetzt hätte, dieses Kind nicht weiter in Gefahr zu bringen aufgrund unbedachter Äußerungen vor der Polizei.

Was ich aber sagen kann – und das lässt sich immer wieder aus zahlreichen offenen Quellen deutlich herauslesen – Ulrich Jahr hatte von Anfang an den Ermittlungsbeamten Uwe Jordan und Martin Erftenbeck sowie dem Gerichtsmediziner Prof. Klaus Püschel misstraut und ihnen mehr oder weniger Dilettantismus in der Ausübung ihrer Ermittlungsarbeiten vorgeworfen.
Mehrmals wöchentlich hatte er bei der Polizei angerufen, um weitergehende Informationen zum Ermittlungsstand zu erhalten und er äußerte von Anfang an den Verdacht, dass mehr als eine Person an dem Mord seines Sohnes beteiligt gewesen sein müssen.
Stefan war offenkundig missbraucht worden, und zwar nach seinem Tod, weswegen er sich auch zu der Äußerung hinreißen ließ, dass der Täter nekrophil veranlagt sei.

Und Ulrich Jahr hat bewusst in Kauf genommen, dass er möglicherweise selbst mal wegen falscher Verdächtigung und Verleumdung vor dem Kadi gezogen werden könnte.
Er sagte auch in seinen zahlreichen Interviews, dass er diese Situation heraufprovozieren wollte, um dann endlich in seinem eigenen Strafverfahren zu erwirken, dass bestimmte Fakten auf den Tisch gelegt werden.
Letztendlich hatte er sich aber in einem Vergleich mit einem der von ihm beschuldigten Lehrer aus der Eichenschule geeinigt.
Doch locker gelassen hatte er die ganze Zeit über nicht und mein Eindruck ist, dass man die Missbrauchs- und bis dahin erfolgten Tötungsfälle in Deutschland und Holland auch weiterhin unter dem Deckel gehalten hätte, wenn der Druck durch die Väter Jahr und Rostel nicht so hoch gewesen wäre, denn wie lässt sich sonst erklären, dass man erst Ende 2001 ein Phantombild des Maskenmannes veröffentlichte und erst dann im Jahr 2002 in Aktenzeichen XY ungelöst vorsichtig eine mögliche Verbindung der Missbrauchsfälle und Tötungsdelikte andeutete.

Nun werdet Ihr Euch sicherlich fragen, ob ich nicht mehr ganz dicht im Kopf bin und wie ich eigentlich auf so ein Gedankenkonstrukt kommen kann, wenn danach noch weitere kleine Jungs im Norddeutschen Raum ermordet oder missbraucht wurden und man letztendlich am 16. April 2011 von Martin Ney das Geständnis erhalten hatte, zumindest für die drei Morde an Stefan Jahr, Dennis Rostel und Dennis Klein verantwortlich zu sein.
Die Morde an Nikki Verstappen und Jonathan Coulom hat er allerdings bisher nicht zugegeben und an der verschlüsselten Festplatte seines Computers beißen sich bis heute die Ermittler die Zähne aus.

Im zweiten Teil dieser Serie werde ich Euch zumindest zu beweisen versuchen, dass ich durchaus noch im Besitz aller Tassen im Schrank bin.

Weiter mit Teil 2

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