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Zurück zu Teil 9

Deutschland – Kinderschänderland ?

Am späten Abend des 06. Juli 1993 gegen 22:00 Uhr fuhr der neunjährige Bernd Beckmann mit dem Bus zu seinen Großeltern in den Jenaer Stadtteil Lobeda.
Seit Wochen nagte an dem Jungen die – wie sich später herausstellte – ungerechtfertigte Beschuldigung, einem seiner Schulkameraden eine Armbanduhr gestohlen zu haben. Soweit die Polizei feststellen konnte, musste der Junge auch an der Wohnung seiner Großeltern angekommen sein. Diese waren jedoch urlaubsbedingt nicht zuhause und so brach Bernd wieder allein in der dunklen Nacht auf und verschwand spurlos. Sein Schicksal blieb zunächst unaufgeklärt, bis schließlich Spaziergänger am 18. Juli 1993 seine schon stark verweste Leiche in einem Gebüsch am Saaleufer in der Nähe der großelterlichen Wohnung fanden. Am Auffindungsort befand sich eine Gartenanlage, von der eine Augenzeugin eine merkwürdige Beobachtung machte. Etwa 4-5 Tage vor Auffindung des toten Jungen sah sie einen weißen Außenbordmotor der Marke Johnson in unmittelbarer Nähe des Leichenfundortes liegen. Die Leiche selbst konnte sie aufgrund des Buschwerkes nicht sehen, aber der Motor sprang ihr sofort ins Auge. Sie bekräftigte gegenüber der Polizei, dass dieser Motor maximal fünf Tage dort gelegen habe, obwohl Bernd Becker schon seit 12 Tagen am Fundort tot gelegen haben müsste. Allerdings hätte derjenige, der den Motor dort entsorgt hatte, in jedem Fall den toten Jungen bemerken müssen (siehe auch Aktenzeichen XY-ungelöst vom 02. September 1994).

Im weiteren Verlauf der Ermittlungen stellte sich heraus, dass dieser Motor zu einem kleinen Ruderdingi Midi 1 gehörte. Eigentümer dieses Bootes war Enrico Theile, der deswegen auch gleich in Verdacht geriet. Der Polizei erzählte Theile, dass ihm das Boot ca. eine Woche vor dem Verschwinden von Bernd Beckmann gestohlen worden sei. Theile besuchte damals zusammen mit Uwe Böhnhardt und Ralf Wohlleben die Rosa-Luxemburg-Schule in Jena. Auch privat hatte er viel Kontakt mit Uwe Böhnhardt gehabt.

Zusammen mit weiteren Jugendlichen, darunter Ingo Jüttner, Ronny Behse, Thomas Biernstiel, Marcel Meyer, Daniel Krasel sowie Sven und Michael Tittel machte diese Jugendgang Anfang der 90er Jahre Alt-Lobeda mit ihren Einbrüchen, Diebstählen, Körperverletzungen und sonstigen kleinkriminellen Straftaten unsicher. Enrico Theile hatte nach Aussage von Ingo Jüttner eine Garage in Alt Lobeda in der Nähe der Gärtnerei „Boock“ und Kläranlage gehabt, wo sie an alten Autoteilen herumgeschraubt hätten. Dort soll sich auch das Faltboot befunden haben. Während seiner ersten Zeugeneinvernahme im Jahr 1993 gab Theile an, dass er zusammen mit Böhnhardt öfter ihr Diebesgut im Dingi auf der Saale zu einem alten Brückenpfeiler transportiert und dort die Beute versteckt hätte. Vor dem Verschwinden von Bernd Beckmann habe es aber zwischen ihm und Böhnhardt einen Streit gegeben. Anlass war wohl, dass Böhnhardt bei einem niedrigen Wasserstand der Saale alleine zum Brückenpfeiler ging, um das Diebesgut an sich zu nehmen. Bei seiner ersten Zeugeneinvernahme gab Theile weiterhin an, dass Böhnhardt der einzige gewesen wäre, der wusste, wo sich das Boot zum damaligen Zeitpunkt befand. In diesem Kontext wurde dann auch Böhnhardt befragt, der selbst kurze Zeit vorher von Februar 1993 bis Juni 1993 in Hohenleuben im Gefängnis saß. Diese Befragung gab jedoch keinerlei Ermittlungsansatzpunkte für eine Beteiligung an dem Mord.

Interessant in diesem Zusammenhang ist, dass Ronny Behse zu dem damaligen Zeitpunkt eine Wohnung in Alt-Lobeda besaß, in der zeitweise auch Ingo Jüttner Unterschlupf fand.

Als Enrico Theile im April 2012 von der Polizei wegen der Ceska 83-Waffenlieferung befragt werden sollte, brachte er von sich aus ohne Not wieder den Mordfall Bernd Beckmann ins Spiel. Dort äußerte er den Verdacht, dass Uwe Böhnhardt selbst den Jungen umgebracht und versucht haben könnte, ihm (Theile) die Schuld in die Schuhe zu schieben, indem er falsche Spuren mit dem Außenbordmotor legte.

Thomas Biernstiel aus der damaligen Jugendclique gab, angesprochen auf den Mord an dem kleinen Jungen, vor dem Gericht in München im September 2014 laut Tagesspiegel vom 22.09.2014 „Ein gruseliges Bild mentaler Verwahrlosung“ folgendes an: „ Richter Götzl befragt den Zeugen auch zu einem Verbrechen an einem Kind. Die Polizei fand 1993 nahe der Saale die Leiche eines neunjährigen Jungen aus Jena. Der Täter wurde nie ermittelt. Bei einer Vernehmung nannte der Zeuge allerdings Enrico T. als möglichen Tatverdächtigen. Enrico T. „hatte die komische Art, dass er mit jungen Kindern mehr Kontakt hatte“, erzählte er einem Beamten. Konkret wusste der Zeuge aber offenbar nichts.“

Ein detailliertes Protokoll zur Aussage von Thomas Biernstiel kann man auch auf nsu-watch.info finden.

In diesem Zusammenhang ist es aus meiner Sicht auch wichtig, die ehemaligen Knast-Brüder von Uwe Böhnhardt, nämlich Sven Rosemann und Jürgen Länger genauer unter die Lupe zu nehmen. Jürgen Länger war nämlich wiederum gut mit Enrico Theile bekannt und bei seiner Vernehmung am 26.04.2012 gegenüber dem BKA gibt Länger an, dass er zusammen mit Sven „Rosi“ Rosemann einen Angelschein gemacht habe und auch einmal beim Angeln in Norwegen gewesen sei. Rosemann war zusammen mit dem V-Mann des Thüringer LfV Andreas Rachhausen Anführer der Skinheadszene in Rudolstadt, wo auch Tino Brandt mit seiner Anti-Antifa-Ostthüringen, dem späteren Thüringer Heimatschutz sein Wirkungsfeld hatte. Zudem hatte auch Kai Dalek mit Sven Rosemann Kontakt gehabt. In seiner Zeugenvernehmung vor dem Münchner Gericht sagte Kai Dalek zu Rosemann folgendes aus: „In der Vernehmung habe der Zeuge wiederholt von einem militanten Arm des THS gesprochen, den er um Sven Rosemann verortete. Der mache, wenn man ihn anstachle. Diese Aussage habe der Zeuge ausschließlich auf seine Menschenkenntnis gestützt. Der Zeuge habe zur Gruppe um Sven Rosemann und Sprengstoff geantwortet, dass das möglicherweise falsch protokolliert worden sei. Rosemann habe er seit 1990 gekannt, einen flippige Type mit Hang zur Aggression und Militarismus. Schließlich habe er hinzugefügt, „dann ist irgendwann die politische Linie vom Rosemann im THS aufgegangen”. Wieder habe Dalek auf die Vorfälle des Bierflaschenwerfens und des Schiessengehens verwiesen. Rosemann habe beim Hessgedenkmarsch in Rudolstadt Gegendemonstranten den Mittelfinger gezeigt. Der Zeuge aber bekundet, dass er nicht wisse, welche Seite mit Provokationen begonnen habe. Dem militanten Flügel könne man fünf bis zehn Leute zuordnen, dies beträfe aber die Zeit Anfang der 90er, zur Zeit der Deutschen Alternative. (Quelle: nsu-watch.info, Protokoll 163. Verhandlungstag)

Etwas Interessantes konnte dann der Nebenklägeranwalt Yavus Narin zum Verhältnis Böhnhardt/Rosemann in Erfahrung bringen.
Auf der Webseite ag-friedensforschung.de „Nicht nur Mitleid“ vom 21. November 2013 kann man Folgendes lesen: „In der Befragung durch die Nebenklage zeigte sich die Mutter des mutmaßlichen NSU-Mitbegründers Böhnhardt überrascht, als ihr vorgehalten wurde, er habe schon im Jahr 1993 als Jugendlicher im Gefängnis einen Mithäftling mißhandelt. Ihr Sohn hatte seinerzeit als Mitglied einer kriminellen Clique mit Kontakten zur Autoschiebermafia Straftaten begangen. Rechtsanwalt Yavuz Narin hielt ihr am Mittwoch aus dem Abschlußbericht des NSU-Untersuchungsausschusses im Bundestag vor, Böhnhardt und sein Neonazikamerad Sven Rosemann hätten dem Mitgefangenen seinerzeit Brandverletzungen mit einer angeschmolzenen Plastiktüte zugefügt. »Nein, ich meine, man hätte uns als Eltern informieren müssen, denn er war noch minderjährig«, so Brigitte Böhnhardt auf die Frage, ob ihr dieser Vorfall bekannt sei. Sie selbst habe immer befürchtet, ihr Sohn könne in der Haft sexuell mißbraucht werden oder sei sogar mißbraucht worden. Er habe ihr aber nur von einem anderen Jugendlichen berichtet, dem das passiert sei. Sie wolle aber »hier nicht sagen«, was er genau erzählt habe. Bereits am Vortag hatte Brigitte Böhnhardt diesbezüglich Andeutungen gemacht und dazu erklärt: »Als Mutter sieht man seinen Sohn in einem Männergefängnis eher als Opfer.« Sie denke, er habe aufgrund dieser Angst vor möglichen sexuellen Übergriffen nie wieder ins Gefängnis gewollt, sagte sie am Mittwoch.“

Und Tino Brandt sagte ergänzend aus: „Brandt bejaht Sven Rosemann zu kennen. Das sei jemand, der durchaus sich für Waffen interessiert habe, der sei mal im Fernsehen aufgetreten zu einer „Wehrsportgeschichte“, bei dem sei das schon eher so ein Thema gewesen. Auf Frage sagt Brandt: „Er war Rudolstädter. Oder ist Rudolstädter, nach wie vor, denke ich.“ Götzl fragt, wie Mundlos und Böhnhardt zu Rosemann standen. Die hätten sich mit Sicherheit auf den Mittwochsstammtischen genauso unterhalten, so Brandt. Böhnhardt habe sich mit Rosemann öfters unterhalten, die hätten sich mit Sicherheit gut gekannt. In der Vernehmung heiße es im Anschluss zu Böhnhardt, dass der sich auch innerhalb der Szene zusammengetan habe mit extrem militanten Typen. Brandt sagt, Rosemann sei in seiner damaligen Ansicht schon ein Militanter gewesen: „Wobei ich das jetzt nicht abwertend sehen will oder so.“ Auf Nachfrage sagt er, Rosemann habe ein „militantes Auftreten“ gehabt, aber insoweit, dass er nicht mit den Gesetzen in Konflikt geraten sei.“ (Quelle: nsu-watch.info, 127. Verhandlungstag)

Etwas später erfährt das Gericht von Tino Brandt Folgendes: „Danach macht Götzl den Vorhalt, dass Brandt angegeben habe, er könne sich z.B. daran erinnern Böhnhardt und Rosemann paramilitärisch gekleidet in Begleitung von Jugendlichen auf dem Weg von oder zu einer Wehrsportübung an einer Tankstelle getroffen zu haben. Brandt sagt, daran könne er sich erinnern, aber er habe das geschlussfolgert, dass die zu oder von einer Wehrsportübung kamen, anhand der militärischen Kleidung, die hätten das nicht gesagt. Götzl fragt, ob sich die Personen, die Brandt mit der KS Jena verbinde, unterschieden haben von anderen KS. Die KS Saalfeld-Rudolstadt, so Brandt, sei eine KS mit vielen Jugendlichen gewesen, sie hätten mehr „Quantität statt Qualität“ gehabt, während Jena den anderen Weg genommen habe. Die hätten gesagt: kleinere Gruppe, nicht so viele Leute, dafür eben gefestigter. In Saalfeld hätten sie mit den vielen Jugendlichen, 16, 17 teilweise, viele Schulungen machen müssen. Rechtsschulungen, damit da nichts schief läuft mit der Polizei, dass die da nichts falsch machen, dass es nicht zu Straftaten kommt, was ist erlaubt, was nicht. Damals sei das mit den „Gaudreiecken“ aktuell gewesen. Das habe man bei ihnen verstärkt machen müssen, bei der kleinen Gruppe in Jena habe man das nicht machen müssen. Da habe man auch keinen weltanschaulichen Schulungen machen müssen, das Weltbild sei da, wie gesagt, gefestigt gewesen. Bei ihnen seien immer wieder Leute dazugekommen und weggefallen, da habe man kontinuierlich Schulungen machen und die Leute mit Infomaterial versorgen müssen. Vorhalt aus der Vernehmung: Die KS Jena habe nach Brandts Eindruck ein elitäres Selbstverständnis, während sie durchaus 60, 70 Mitglieder gehabt hätten, seien die aus Jena weitgehend unter sich geblieben, weiterhin habe die KS Jena neben persönlicher Freundschaft ein gefestigtes ideologisches Selbstverständnis verbunden. Brandt bejaht das. Götzl macht den Vorhalt, dass sie in Saalfeld-Rudolstadt und die KS Jena nationale Sozialisten gewesen seine, man ideologisch dem Nationalsozialismus nahe gestanden habe. Dann hält er vor, dass es zwischen Brandt, Kapke und Mundlos häufiger Streit in Strategiediskussionen zur Jugendarbeit gegeben habe. Brandt sagt, Kapke sei der Meinung gewesen, was will man soviel Leuten, wenn das Weltbild nicht gefestigt ist. Da hätten sie unterschiedliche Meinungen gehabt. Vorhalt: Statt vieler Gefolgsleute eher weniger, aber dafür hundertprozentig überzeugte Kameraden; zwar sehe Masse auf Demonstrationen gut aus, aber die politische Arbeit vor Ort sei dann weniger gewährleistet. Das sei Kapkes Meinung gewesen so Brandt. (Quelle: nsu-watch.info, 127. Verhandlungstag)

Theoretisch könnte es jedenfalls sein, dass Böhnhardt während seiner Haft auch Sven Kai Rosemann und Jürgen Länger von dem Faltboot und dem Beuteversteck erzählt hat. Auch wenn Theile vor der Polizei angab, dass nur Böhnhardt von dem Bootsversteck wusste, halte ich es trotzdem nicht unbedingt für ausgeschlossen, dass er möglicherweise auch Jürgen Länger von dem Versteck erzählt hat. Leider konnte ich nicht herausfinden, ob Länger und Rosemann etwa zur selben Zeit aus dem Knast gekommen sind wie Uwe Böhnhardt.

Fakt scheint aber zumindest zu sein, dass die Jenaer Jugendgang um Theile, Behse, Länger, Rosemann und Böhnhardt im gleichen Stadtteil aktiv war, in dem Bernd Beckmann zuletzt gesehen worden war. Zudem schien der kleine Junge noch nicht die Probleme in der Schule verdaut zu haben. Möglich wäre es also schon, dass zu später Abendstunde zwischen 22:30 Uhr und 23:00 Uhr Bernd einigen Gruppenmitgliedern um Böhnhardt und Theile direkt in die Arme gelaufen ist. Es bleibt zwar Spekulation, was dann passierte, aber aus meiner Sicht kann es kein Zufall sein, dass just wenige Tage später ausgerechnet der Außenbordmotor von Theiles Faltboot an der Stelle aufgefunden wurde, wo man schließlich auch die Leiche des Jungen entdeckt hatte. Ferner halte ich es bisher nicht für ausgeschlossen, dass man tatsächlich eine falsche Spur zu Enrico Theile legen wollte und seine anfängliche Aussage gegenüber der Polizei, ihm sei zuvor das Boot gestohlen worden, durchaus der Wahrheit entsprechen könnte. Gerade in der rechtsradikalen Szene sind Intrigen und Beschiss untereinander an der Tagesordnung. In dem Fall kann ich ruhig auch auf die Zustände innerhalb der SA um Ernst Röhm und der SS aus dem Dritten Reich verweisen. Wenn nicht gerade gemeinsame Feindbilder zugegen waren, hatte man sich selbst gegenseitig im Streit um attraktive Pöstchen in die Pfanne gehauen und denunziert.

Es mutet jedenfalls äußerst seltsam und verdächtig an, dass der Außenbordmotor von Enrico Theile ganz in der Nähe des Leichenfundortes abgelegt wurde. Vielleicht wollte man sich so auf diese Weise den unter der Kameradschaft eher als Außenseiter und „schwuchtelig“ anmutenden Theile entledigen. Der Außenbordmotor verrät mir jedenfalls, dass die Täter aus Theiles Umfeld kommen müssen und dabei kann Böhnhardt durchaus auch beteiligt gewesen sein – entweder als Mitwisser, Spurenleger oder sogar Tatbeteiligter. Damit wäre es auch denkbar, dass es sich um ein so genanntes Aufnahmeritual für Uwe Böhnhardt gehandelt haben könnte, um die Bande innerhalb der Jenaer Kameradschaft zu stärken. Kriminelles Potential hatte Böhnhardt bereits vor dem Mordfall an den Tag gelegt, bei seinen Bekannten galt er als wohlüberlegt, aber auch aggressiv und gewaltbereit, sofern ihm etwas gegen den Strich ging.

Dass Enrico Theile erst 9 Jahre später seinen Verdacht gegen Uwe Böhnhardt gegenüber den BKA-Kriminalbeamten kundtat, mag daran liegen, dass er zuvor Angst hatte, gegen seine ehemalige Clique auszusagen. Mit Uwe Böhnhardts Tod hatte er möglicherweise eine Gelegenheit gesehen, sich endgültig von dem immer über ihn schwebenden Verdacht eines Kindermordes zu befreien, ohne andere noch lebende „Kameraden“ mit reinzuziehen und sich damit einem Racheakt auszusetzen.

Dieser Fall erinnert mich jedenfalls stark an einen anderen Mord an dem 16-jährigen Marinus Schöberl in Potzlow (siehe hierzu Spiegel „Spur eines Verbrechens: Das Dorf, der Mord und das Schweigen“ vom 20.12.2008)

Auf brutalste Weise wurde der Jugendliche gequält, sexuell erniedrigt, schließlich mit einem so genannten Bordsteinkantenkick getötet und auf dem Hof eines ehemaligen Schweinezuchtbetriebs in einer Jauchegrube versenkt. An dieser Stelle kann ich auch in Anlehnung an die Gerichtsprotokolle den Film „Der Kick“ von Andres Veiel wärmstens empfehlen, der in Form eines erstklassig gespielten Theaterstücks die Vorgänge in Potzlow nachzeichnet.

Auch wenn die Polizei aus Jena bisher keine konkreten Spuren zur Aufklärung des Mordfalls Bernd Beckmann vorweisen konnte, wäre es durchaus möglich, dass Uwe Böhnhardt genau wegen dieses Vorfalls ins Visier des Thüringer Verfassungsschutzes oder auch Staatsschutzes gekommen war, mit dem man ihn versuchte unter Druck zu setzen und zu einer Zusammenarbeit in dem Milieu zu bewegen. Die Szene wimmelte schon damals von V-Leuten und es wäre durchaus möglich, dass einer der V-Leute aus der Kameradschaft Jena oder auch Kameradschaft Sonneberg und Rudolstadt auch einige Hinweise zu dem Mordfall Bernd Beckmann beigesteuert hat, die man aus welchen Gründen auch immer bisher nicht ausermitteln konnte oder wollte.

Hier erkenne ich auch wieder das Muster des TLfV im Fall Tino Brandt. Nach der Wirtshausschlägerei in Gräfenthaal am 27.01.1996 wurde Tino Brandt zwar in erster Instanz auf Betreiben des Staatsanwalt Gerd Michael Schultz in Gera wegen Landfriedensbruch verurteilt, aber auf Intervention des TLfV in zweiter Instanz freigesprochen. Die Öffentlichkeit erfuhr erst im Jahr 2001 von diesem Vorfall. Hajo Funke schreibt hierzu in seinem Buch „Staatsaffäre NSU. Eine offene Untersuchung auf Seite 155: „Während Brandt als Spitzel arbeitete, liefen 35 Ermittlungsverfahren gegen ihn, unter anderem eines wegen des Verdachts der Bildung einer kriminellen Vereinigung, verurteilt wurde er nie. Ermittler wie Melzer hatten den Eindruck, dass Brandt immer rechtzeitig vor Polizeimaßnahmen gewarnt wurde.“ Und weiter heißt es ebd. „[…] dort sagte er [Anm. StA Gerd Schultz], der Thüringer Verfassungsschutz habe damals alle paar Wochen bei der Geraer Staatsanwaltschaft vorbeigeschaut, Akten gelesen und Informationen abgefragt. Und einmal, dass müsse 1996 oder 1997 gewesen sein, habe ein Verfassungsschützer Auskunft verlangt, warum er ausgerechnet Tino Brandt hinter Gitter bringen wolle.“

Damaliger Vorgesetzter von Staatsanwalt Gerd Schultz war Arndt Koeppen, von 1993 bis 1999 Leitender Oberstaatsanwalt in Gera. Er veranlasste, dass auch die Ermittlungen gegen Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt eingestellt wurden. Im Jahr 2004 wurde er schließlich Justiz-Staatssekretär.

Helmut Roewer war von 1994 bis 2000 Präsident des LfV Thüringen und hat maßgeblich zum Ausbau und Vernetzung der Neonaziszene um die NSU-Zelle beigetragen, und zwar unter der Aufsicht des damaligen Innenstaatssekretärs Michael Lippert und dem Innenminister Richard Dewes. Hajo Funke schrieb dazu in dem bereits oben zitierten Buch auf Seite 172: „Roewer hatte sich darüber hinaus entschieden, seinen eigenen Think-Tank weitgehend rechtsorientierter Universitätsabsolventen zu etablieren. Dazu gehörte das Tarnunternehmen aus dem Jahr 1997, der Heron-Verlag, in dem Sammelbände mit Vorträgen aus dem Amt schienen, die zum Teil kostenlos an alle Hochschulen, Kreis- und Stadtbibliotheken und an Schulen Thüringens verteilt wurden.“

Vor seinem Einsatz beim LfV Thüringen war Roewer interessanterweise Panzeroffizier bei der Bundeswehr und dann beim BfV.

Wie eng offensichtlich die Verbindungen zur Bundeswehr bzw. dem MAD sind, wenn man in dem Sumpf um den NSU zu graben beginnt, zeigt auch der Fall Thomas Richter alias „Corelli“. Er soll auch Beziehungen zu Gary Lauck und zum KKK-Führer Dennis Mahon in den USA im Auftrag des BfV geknüpft haben, so jedenfalls will es das BKA bereits 1997 festgestellt haben. Auch Carsten Szczepanski alias „Piatto“ stand regelmäßig in Kontakt zur White Arayan Resistance um Tom Metzger sowie zu Dennis Mahon und seinem KKK. Dennis Mahon selbst war von 1971 bis 1974 bei der amerikanischen Küstenwache eingesetzt und besuchte anschließend die Schule der US-Navy in Jacksonville. Dort findet auch die Ausbildung der Navy Seals statt. Zusammen mit den Exilkubanern hat er dann Anschläge in Kuba vorbereitet und durchgeführt. Interessant ist folgende Passage: „Die Schweiz ist der Raum der Waffenorganisierung von Alexander Larrass und Thomas G., ersterer hält sich in Winterthur auf. Der wiederholt wegen Volksverhetzung verurteilte Larrass hielt nach der Haftentlassung 1997 engen Kontakt zu dem bayerischen Neonazi Anton Pfahler, einem ehemaligen Funktionär der verbotenen, paramilitärischen Wehrsportgruppe Hoffmann. Gegen Hoffmann lagen Erkenntnisse über den Besitz von Waffenmunition vor. Nach dem Verkauf von fünf Maschinenpistolen und drei Handgranaten durch Pfahler und Larrass an einen verdeckten Ermittler schlug die Polizei am 24. Juni 1998 zu. In insgesamt 22 Objekten wurden unter anderem elf Maschinenpistolen und fünf Handgranaten sichergestellt, 300 Polizeibeamte waren im Einsatz. Alexander Larrass war im Oktober 1999 wegen illegalen Waffenhandels zu vier Jahren und drei Monaten Haft verurteilt worden. Noch in der Haft plante Larrass einem BfV-Report von 2004 zufolge den Aufbau einer rechten Terrorgruppe. Er habe, schrieb der inhaftierte Göppinger Neonazi anderen einsitzenden Kameraden, ein Netzwerk von insgesamt vier Personen aufgebaut, zu den er selbst gehöre – körperlich und geistig hoch belastbare Kameraden, die extrem hart zupacken können und sich nicht davor scheuen, den Weg von Blut, Schweiß und Tränen zu gehen. Er brauche Männer mit Eiern wie Kokosnüsse, die sich auch nicht davor scheuen, Blut zu lassen und Blut fließen zu lassen. Man müsse Kameraden finden, die bereit seien, den Abzug durchzuziehen“ (Quelle: Hajo Funke, „Staatsaffäre NSU. Eine offene Untersuchung, Seite 208).

Das erinnert wiederum stark an die Deutschen Aktionsgruppen um Manfred Roeder in den 80er Jahren. Nach Bodo Ramelows Buch „Schreddern, Spitzeln, Staatsversagen“ soll es einen Thüringer Unternehmer namens Claus Nordbruch geben, der seine Farm in Südafrika für Bundeswehrsoldaten zur Verfügung gestellt hatte, um Schießübungen durchzuführen. Mehrere Angehörige der Polizeieinheit von Michele Kiesewetter waren Mitglieder im KKK und sollen in Libyen als Ausbilder eingesetzt gewesen sein. Und der bereits bekannte Michael Kühnen soll schon 1990 ein Strategiepapier „Arbeitsplan Ost“ entwickelt haben, in dem beschrieben wurde, wie militante Neonazi-Strukturen in Ostdeutschland aufgebaut werden sollten.

Während also die Ermittlungen gegen Tino Brandt und im weiteren Verlauf gegen Mundlos, Zschäpe und Böhnhardt eingestellt wurden, sah sich die SoKo „Rex“ regelrecht eingekesselt zwischen den Sicherheitsbehörden unter Maßgabe des BfV-Referats Rechtsextremismus mit Lothar Lingen, Martin Thein, Menhorn sowie Teilen des LKA Thüringen in der Person von Jürgen Dressler und aus dem LfV Thüringen mit Peter Nocken und Norbert Wießner.

Dazu schreibt dann Hajo Funke seinem Buch „Staatsaffäre NSU. Eine offene Untersuchung auf Seite 156 weiter: „Es gab einen Hinweis, dass die Gruppe um Brandt an mehreren Orten in Thüringen Wehrsport treibt – wie Michael See [Anm.: geführt beim BfV als „Tarif“], Thomas Dienel, Thorsten Heise und viele andere auch. An Truppenübungsplätzen wurde das Auto Tino Brandts identifiziert. Als erkennbar wurde, dass Brandt auch im Kontakt mit dem aus Kahla stammenden Karl-Heinz Hoffmann stand, dem zuweilen sehr gute Kontakte mit Behörden zugeschrieben werden, erhielten die Ermittler der SoKo „Rex“ den Hinweis, sie sollen besser nicht weiter in diese Richtung ermitteln. Die Autoren Stefan Aust Dirk Laabs betonen, dass die SoKo „Rex“ oft auf solche überraschenden Widerstände in den eigenen Sicherheitsbehörden stießen.“

Interessanterweise heißt es dann im o.g. Buch von Hajo Funke auf Seite 167 weiter: „Neben dem Thüringer Heimatschutz versuchte er [Anm. Tino Brandt] 1996, auch den Fränkischen Heimatschutz zu gründen. Im Juli 1996 wurde für Brandt ein großes Grundstück in thüringischen Kahla gekauft, auf dem Neonazis Schießübungen durchgeführt haben. Nach Zeugenaussagen war neben Tino Brandt auch Böhnhardt dort.“

Innerhalb der Führungsstrukturen des THS waren wieder einmal auch Thomas Dienel, Kai Dalek, Frank Schwerdt und André Kapke dabei. So bekam die SoKo „Rex“ auch mit, dass sie selbst einschließlich Staatsanwälte und Richter vom TLfV mittels ihrer V-Männner und dem V-Mannführer Rainer Bode ausspioniert wurden. Über das Thule-Netz wurden z.T. sehr professionelle Späh-Berichte hochgeladen, das fand das BKA heraus. U.a. konnte man dort lesen, „wie as BKA vorgeht, wie es Beschuldigte verhört, wie man sich als Aktivist zu verhalten habe und wer gequatscht hat. Weiter hieß es in den Spähberichten, die im Thule-Netz zu finden waren, über den Auslandsbesuch des rechten Kaders (und langjährigen V-Manns) Stefan Wiesel bei dem Holocaust-Leugner Ernst Zündel, dass der BND-Agent Axel Kuhn gegenüber Wiesel angab, dem BND sei viel daran gelegen, die Kontakte zu (Ernst) Zündel zu stören bzw. zu unterbrechen.“ (Quelle: Hajo Funke „Staatsaffäre NSU. Eine offene Untersuchung“, S. 157).

Eine weitere interessante Parallele zum Oktoberfestattentat ergibt sich durch die Operationen, die in Gemeinschaftskooperation verschiedener Geheimdienst- und Sicherheitsbehörden liefen – hier die Operation Rennsteig mit MAD, LfV Bayern sowie BfV am 20.03.1997, dort die Operation Wandervogel am 25.09.1980, bei der drei Landesämter für Verfassungsschutz beteiligt waren, nämlich Bayern, Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg. Als die Operation Rennsteig anlief, wurde auch die Anti-Antifa-Ostthüringen in den Thüringer Heimatschutz umgewandelt. Auftakt zur Operation Rennsteig bot eine Puppe mit Davidstern, die an einer Autobahnbrücke in der Nähe von Jena am 13.04.1996 baumelte (das wiederum erinnert stark an die Aktion der damaligen Aktionsgruppen Deutschland um Manfred Roeder – siehe auch das Oktoberfestattentat – Das rechtsextreme Umfeld – Teil 5).
Danach folgte am die Bombenattrappe unter der Tribüne des ebenfalls in Jena befindlichen Ernst-Abbe-Stadion. Am 02.09.1997 fand man am Jenaer Theater einen mit Hakenkreuzen versehenen Koffer, in dem eine Bombe enthalten war. Anhand der Fingerabdrücke, die Melzer vom Fundstück nehmen konnte und der Machart, deutete bereits viel auf Uwe Böhnhardt hin. Böhnhardt selbst hatte auch zu der kriminellen Bande um die Zwillingsbrüder Ron und Gil Erhardt regen Kontakt gehabt. Die Brüder hatten bereits zu DDR-Zeiten ein kriminelles Netz von geschätzt 150 Leuten im Sinne der Organisierten Kriminalität aufgebaut gehabt. Melzer wagte es bei der Besprechung 1997 mit LfV und LKA zu erwähnen, dass diese Aktionen mit Wissen der Sicherheitsbehörden stattgefunden haben müssen. Kurze Zeit später wurde er von seiner Funktion bei der SoKo „Rex“ abgezogen. Es fand eine Abspeckung der SoKo „Rex“ mit Umbenennung in „Einsatzgruppe-Tex“ statt. Schließlich wurde daraus die „Zentralstelle Extremismus“ (ZEX) im Staatsschutz unter Leitung von Achim Koch, der sich später selbst umbrachte. Der Abschiedsbrief von ihm wurde nie öffentlich gemacht. Am 10.11.1997 stellte auch die Staatsanwaltschaft das Strukturermittlungsverfahren gegen den THS sowie der Jenaer Kameradschaft um Böhnardt, Mundlos und Zschäpe ein. Den Abschlussbericht vom 15.10.1997 zur Einstellung des Verfahrens hatte noch Jürgen Dressler, Leiter der EG-Tex, erstellt. Nur fünf Tage vorher hatte er in Folge der Bombenattrappen, Kofferbombe und Puppe selbst noch festgestellt, dass die Kameradschaft Jena dafür verantwortlich ist.

Kommen wir damit zum Vermisstenfall Peggy Knobloch, der sich am 07. Mai 2001 in Lichtenberg zutrug.
An diesem Tag war Peggy normal zur Schule gegangen. Von den Schulkameraden und Passanten wurde sie noch mehrfach am Nachmittag nach der Schule gesehen. Zwei Schulkameraden beobachteten, wie sie schließlich in Begleitung eines etwa gleichaltrigen dunkelhaarigen Mädchens in einen roten Mercedes mit tschechischem Nummernschild gestiegen sein soll. Derselbe Wagen wurde dann aber in der Ortschaft Lichtenberg noch einmal am frühen Abend gesehen, wie er Peggy absetzte. Irgendwann tauchte sie aber nirgendwo mehr auf und verschwand bis zum heutigen Tag. Soweit also zur Kurzfassung dieses mehr als mysteriösen Falles. Ich spare mir an dieser Stelle jetzt die Einzelheiten zu den weiteren Vorgängen um Ulvi Kulac, den unter massiven Druck gesetzten Augenzeugen, die unabhängig voneinander noch bestätigt hatten, Peggy am Nachmittag des 07.05.2001 gesehen zu haben oder die Abläufe im Gerichtsprozess. Hierzu verweise ich auf das sehr gut recherchierte Buch von Ina Jung und Christoph Lemmer „Der Fall Peggy Knobloch“.

Worauf es mir ankommt, sind die möglichen Verbindungen zum Sachsensumpf und der NSU-Zelle, insbesondere im Hinblick auf den Mordfall Michele Kiesewetter.

Peggy Knobloch soll ja bereits Monate vor ihrem Verschwinden ein auffälliges Verhalten an den Tag gelegt haben. Dies bestätigt auch ihre Mutter Susanne, die deswegen mit ihr mehrfach beim Kinderarzt war. Peggy fing an, wieder ins Bett zu machen, warf ihre gebrauchten Unterhosen weg und verkroch sich immer mehr in der Wohnung entgegen ihrer sonstigen Gepflogenheiten. Sie wurde sehr still und in sich gekehrt, wollte nicht mehr in die Schule gehen, schreckte bei Telefonklingeln auf und war sehr nervös.

Mittlerweile ist bekannt, dass sich Mitglieder der verbotenen Skinheads Sächsische Schweiz, die Chemnitzer Blood & Honour Sektion sowie andere Gruppierungen aus dem rechtsextremistischen Lager überwiegend Rockerbanden wie Bandidos, Hells Angels, Gremium MC, Oder City etc. angeschlossen hatten und weiterhin im Milieu der Organisierten Kriminalität aktiv waren/sind. Im Mittelpunkt dieser Szene steht der Handel mit Drogen, Prostitution und Kindesmissbrauch.

Die Crystal-Meth-Route von Tschechien nach Deutschland stellt in der Szene eine begehrte Einnahmequelle dar. V-Männer wie Andreas Rachhausen, Michael See, Carsten Szczepanski, Tino Brandt, Marcel Degner, Nick Greger, Thomas Starke, Achim Schmid, Didier Magnien, Sebastian Seemann, Andrée ZimmermannThomas Richter, Kai Dalek, Ralf Marschner und Mirko Hesse waren in dieses Netzwerk unter staatlicher Aufsicht fest integriert. Über Ralf Marschner (V-Mann „Primus“ beim BfV von 1992 bis 2002) hieß es zum Beispiel, dass er einen „Bauservice Marschner“ betrieben und Wohnmobile für die Zeiträume im Jahr 2001 angemietet hatte. 1997 hatte er den Szeneladen „Last Resort“ sowie ein Modegeschäft, das „VIPers“ in Zwickau eröffnet. Kontakte soll auch mit dem Scientologen Fliegerbauer bestanden haben. Der Blog Antifa Recherche Team Zwickau schreibt über Marschner u.a.: „Laut ZeugInnen neige Marschner zur Gewalt und habe sich viele Feinde gemacht. Und, er sei kein guter Geschäftsmann gewesen. Mehrmals bekamen seine MitarbeiterInnen nicht das, was ihnen zustand. Mindestens fünf Firmen hob er aus der Taufe. Eine davon, die zu den anderen gar nicht passen mag, war der »Bauservice Marschner«: eine Firma, über die es beim Gewerbeamt keinerlei Unterlagen gibt. Bundesweit nahm sie Aufträge an, um diese gibt es heute einige Ungereimtheiten. Über die Firma wurden mehrere Autos gemietet, auch an den Tagen, an denen der NSU in Nürnberg Abdurrahim Özüdoğru und in München Habil Kılıç ermordete. Beides im Jahr 2001, in dem er auch Max-Florian Burkhardt anstellte, der dem Trio drei Jahre zuvor Unterschlupf gewährte. Nicht nur durch seine Firmen ist Marschner bald stadtbekannt. Als Fußballhooligan tritt er Anfang des Jahrtausends mit Mitgliedern der »HooNaRa« (»Hooligans Nazis Rassisten«) bei Spielen des FSV Zwickau auf. Die Gruppe machte sich bundesweit einen Ruf als gefürchtete Schlägertruppe. Im Jahr 2002 kontaktiert ein ehemaliger Verfassungsschützer seine ehemaligen KollegInnen. In seiner neuen Funktion als LKA-Beamter will er wissen, ob es Neuigkeiten zum untergetauchten Trio gibt. Nebenbei erkundigt er sich auch nach den V-Leuten Mirko Hesse und Ralf Marschner. Wie er auf diese Verbindung kommt, ist unklar, zumal beide V-Leute nach eigenen Angaben mit dem Trio nie etwas zu tun hatten. Kurz darauf wird Marschner alias »Primus« abgeschaltet. Wegen zu hoher Schulden muss Marschner im gleichen Jahr den »Last Resort Shop« verkaufen, dazu kommt ein Jahr später ein Ermittlungsverfahren wegen Volksverhetzung gegen seine bereits aufgelöste Band. Er wird wegen unerlaubten Drogenbesitzes verurteilt, die Nachricht macht schnell die Runde. Hinzu kommt die Spielsucht, wie später eine Zeugin aussagt. Mit der Gründung von »Heaven & Hell« und »Barstool Sports« versucht er der Misere zu entkommen, 2007 verlässt er aber fluchtartig die Stadt. »Barstool« verkauft er. Den »Last Resort Shop« lässt er ohne ein Wort zurück, nachdem er die Kasse geplündert hat. Über Irland und Österreich gelangt der »Irrländer« schließlich in die Schweiz. »Irrländer « ist sein Internet-Pseudonym, unter dem er schnell wieder ausfindig gemacht wird, in der Stadt Chur. Hier will er einen Neuanfang wagen, organisiert als »Kit Rock« Punk- und Grauzonenkonzerte und arbeitet zunächst in einem Modegeschäft, später bietet er Entrümpelungen und Fahrdienste an. Nebenbei verkauft er Gebrauchtwaren im Netz.“ (Quelle: Antifa Recherche Team Zwickau vom November 2014 „V-Mann Ralf Marschner“)

Im Ort Lichtenberg gab es eine Gaststätte „Zur goldenen Sonne“, die einen zweifelhaften Ruf genoss. Dort sollen sich immer wieder mehrere Kinder, auch Peggy, aufgehalten haben. Ulvi Kulac hatte öfter am Schank ausgeholfen und Bier ausgeschenkt. Der Wirt „Zur goldenen Sonne“, Ben Schneider, erzählte, dass Peggy fast jeden Tag bei ihm im Lokal verkehrte. Auf seinem Wochenendgrundstück am See hätten Beamte jede Menge Stofftiere aufgefunden und so gab er zu, dass er öfter die Kinder dort auch betreut hätte.

Das ist insofern bemerkenswert, wenn man in Hajo Funkes Buch „Staatsaffäre NSU. Eine offene Untersuchung“ auf Seite 169 Folgendes liest: „Inzwischen ist aktenkundig, dass zu Brandts Rollen – wie besonders im Fall Böhnhardt – auch die „Organisierte Kriminalität“ (Missbrauch, ggf. Menschenhandel) zu gehören scheint. Welche Weiterungen auch in die damaligen Institutionen die haben wird, ob auch ins Innenministerium und in die höhere Politik, ist noch nicht bekannt. In der Thüringer Allgemeinen vom 1.12.2014 heißt es: „Die zweite Strafkammer hat die Anklage gegen Brandt zugelassen. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm in der Anklageschrift 157 Straftaten vor. So soll er männliche Minderjährige für Sexspiele bezahlt haben, aber Minderjährige auch in 45 Fällen an Erwachsene vermittelt haben. Bis zu 450 Euro habe er dafür kassiert.“

Dann gab es auch die dubiose Rolle des Thorsten Engelhard, mittlerweile ebenfalls ein verurteilter Kinderschänder. Er war ein Verwandter der ehemaligen Nachbarn von Susanne Knobloch. Die Familie hieß Kaiser und stammte aus einem Dorf zwischen Leipzig und Halle. Thorsten Engelhardt kam im Sommer 2000 nach Lichtenberg zu Besuch und ab diesem Zeitpunkt veränderte sich auch das Verhalten von Peggy signifikant. Zum Zeitpunkt des Verschwindens von Peggy Knobloch hatte Engelhard die Schule geschwänzt und zwar schon die Woche vorher und die Tage danach auch. Sein Alibi, sich angeblich nachmittags mit Freunden im Klubhaus getroffen zu haben, erwies sich ebenfalls als falsch. Das Treffen habe laut Auskunft seiner Freunde erst am 08. Mai 2001 stattgefunden. Nach Peggys Verschwinden soll sich auch Thorsten Engelhard verändert und sich von seinem früheren Freundeskreis abgesondert haben. Von da ab wäre er viel mit einem Frank Haller herumgehangen. Das alles fand bereits die Soko „Peggy 1“ bis zum 30. Mai 2001 heraus. Wolfgang Geier, der schließlich auf Weisung von Günther Beckstein die Soko „Peggy 2“ leitete, verfolgte die Spur um Thorsten Engelhard noch bis Juni 2002. Während der Vernehmung äußerte sich Maik Kaiser, der quasi brüderliche Onkel von Thorsten Engelhard, dahingehend, dass man die Peggy niemals finden würde, wenn er sie weggeschafft hätte.

Ulvi Kulac war zum Zeitpunkt der Ermittlungen durch die SoKo „Peggy 1“ zwar auch als Tatverdächtiger geführt, aber man hatte in dieser Zeit noch mehrere Ermittlungsansätze, die u.a. auch in Richtung Türkei führten; insbesondere geriet der damalige Lebensgefährte von Susanne Knobloch, Ahmed Yilmaz, in Verdacht. Susanne und Ahmed hatten sich in Halle kennengelernt, bevor sie dann nach Lichtenberg umzogen. Kurze Zeit nach dem Verschwinden von Peggy erhielt die Polizei ein Email von einer Tarnadresse ichweissbescheid@yahoo.com, wonach sich Peggy angeblich in dem türkischen Dorf Elmabagi aufhalten soll. Abgesendet wurde das Email in einem Internet-Cafe in Mersin westlich von Adana, Türkei. Allerdings konnte die türkische Polizei den Absender nicht ermitteln. Komischerweise brachte sich kurze Zeit später auch ein bulgarischer V-Mann ins Spiel, der ebenfalls behauptete, Peggy wäre über Russland in die Türkei verbracht worden. Diesen bulgarischen V-Mann bekam die bayerische Polizei jedoch nie zu Gesicht, der Kontakt wurde immer nur über einen tschechischen Kollegen hergestellt. Irgendwann verlor sich die Spur, weil es keine handfesten Hinweise gab, weder auf türkischer noch auf deutscher Seite.

Dafür gab es eine weitere merkwürdige Begebenheit. Am 10.05.2001 machte sich Dirk Wimmer aus Helmbrechts, etwa 15 km von Kronach entfernt, auf seinen alltäglichen abendlichen Spaziergang. Dort entdeckte er mitten auf dem Feld ein totes kleines Mädchen. Er rannte sofort nach Hause zurück und ließ dort über seine Tochter die Polizei anrufen. Als die Polizei zur Stelle kam, war dort aber keinerlei Anzeichen einer Leiche zu finden. Später unterzog sich Dirk Wimmer einer Hypnose und der Psychologe kam zu dem Ergebnis, dass Wimmer nicht phantasierte, sondern tatsächlich so ein Erlebnis gehabt haben könnte. Ein weiterer Tipp führte dann schließlich zu einem leerstehenden Haus in der Brauhausstraße, Lichtenberg. Dort soll sich Peggy öfter aufgehalten und in dem Haus gespielt haben. Als die Polizei ausgebildete Leichenspürhunde aus Thüringen anfordern wollten, wurde ihnen das aus Kostengründen verwehrt. Die bayerischen Spürhunde waren aber auf den speziellen menschlichen Leichengeruch nicht ausgebildet. Als die bayerischen Hunde anschlugen, hatte man das ganze Haus abgetragen, fand aber in der Sickergrube nur vergammeltes Fleisch, Öl und Sauerkrautfässer. Der Tipp mit dem Haus führte aber auch zu Ulvi Kulac, der sich dort ebenfalls immer wieder herumgetrieben und sich vor Kindern entblößt hatte. Ab da beginnt es seltsam zu werden.

Als Ulvi Kulac wegen seines Exhibitionismus und sexuellen Belästigung von Dorfkindern in der Psychiatrie von Bayereuth behandelt wurde, schickte man ihm einen bekannten Polizeispitzel auf den Hals. Fritz Hermann war selbst ein Krimineller und hielt sich von September 2001 bis Dezember 2001 in der Psychiatrie auf. Von 1996 bis 1998 hatte er für die Ermittler in Hof als V-Mann gearbeitet, dessen V-Mann-Führer ein gewisser Gerhard Förster war, der auch zusammen mit seinem Kollegen und Drogenfahnder Wolfram Pilz (ist der möglicherweise mit dem damaligen sächsischen Landespolizeipräsidenten Eberhard Pilz verwandt?) bei der SoKo „Peggy 1“ eingesetzt war.

Zu Eberhard Pilz gibt es nämlich noch eine andere äußerst interessante Geschichte. So heißt es bei http://www.karl-nolle.de/aktuell/medien/id/4391 vom 13.03.2004: „Die Vergangenheit holt einen immer im ungünstigsten Moment ein. Als sich Sachsens Landespolizeipräsident Eberhard Pilz am Dienstag dieser Woche der Presse stellte, schien die Welt für ihn noch in Ordnung–halbwegs zumindest. Immerhin muss sich der 59-Jährige ungewöhnlichen Vorwürfen stellen. So soll sich der oberste Polizist im Land des Mobbings von Kollegen, der sexuellen Belästigung, der ungenehmigten Tätigkeit als Aufsichtsratsmitglied, der privaten Umzugshilfe durch Unterstellte und nicht zuletzt der Genehmigung eines Lustflugs von Polizeigewerkschaftern per Hubschrauber schuldig gemacht haben. Ärgerlich sind auch die süffisanten Schlagzeilen der Boulevard-Presse, die besorgt in großen Lettern fragt: „Trinkt Polizei-Chef Pilz zu viel Pils?“ […] Vor allem Michael Antoni, Staatssekretär im sächsischen Innenministerium, tat sich dabei durch ungewöhnliche Angriffe gegen kritische Journalistenfragen hervor. Ein knallharter Spitzenbeamter, der in dem Ruf steht, auch Kritikern in den eigenen Reihen gern und schnell hart auf die Finger zu klopfen – notfalls sogar mit Razzien wie jüngst in der Landespolizeischule Bautzen, wo Antoni offenbar den Hort der Pilz-Gegner vermutet. Der Staatssekretär dürfte jedoch verblüfft sein, wenn er jetzt erfährt, dass die Akte Pilz viele weitere Seiten hat, die der sächsischen Öffentlichkeit bisher völlig unbekannt waren. So hatte sein Ober-Polizist Pilz schon vor Jahren ähnliche Probleme. Offenbar gezielt wurde den Medien jetzt ein Bericht der „Süddeutschen Zeitung“ aus München vom 9. März 1993 zugespielt. Und der liest sich fast so, als wäre er dieser Tage in Sachsen erschienen. Demnach musste sich der damalige Polizeihauptkommissar bereits während seiner Dienstzeit in der Grenzpolizeiinspektion Furth am Wald einer ganzen Reihe von Vorwürfen stellen: Kollegen-Mobbing, Trunkenheit am Steuer, versuchte Strafvereitelung im Amt und Verrat von Privatgeheimnissen. Sogar eine geheimdienstliche Tätigkeit für den einstigen Ostblock-Staat CSSR wurde vermutet. Eine Vorprüfung durch den Generalbundesanwalt wurde aber ergebnislos eingestellt. Auf 175 Seiten hatten Pilz-Untergebene 1992 Vorwürfe nicht nur gegen ihren Chef, sondern auch gegen eine Reihe von Polizeiführern per Strafanzeige aufgelistet. Auf der Deckseite prangte die Warnung „Verdunklungsgefahr!“, weil die Beschuldigten – neben hochrangigen Grenzpolizisten auch ein ehemaliger Ministerialrat und ein Oberlandesanwalt – Zugang zu den Beweismitteln hatten. Im Fall von Eberhard Pilz gingen die Attacken jedoch immer glimpflich vorüber. Eine erste Strafanzeige gegen ihn, die einer seiner Mitarbeiter bereits 1989 gestellt hatte, war von der Regensburger Staatsanwaltschaft nach fünf Monaten eingestellt worden. Der Anzeigeerstatter – ein ehemaliger Kriminalbeamter – glaubte zu wissen, warum. Ein Geflecht aus beruflichen Abhängigkeiten, Freundschaftsdiensten und parteipolitischen Verbindungen habe Pilz damals geschützt. Doch der Beweis fehlt bis heute. Tatsächlich hatte der Grenzbeamte Pilz nicht nur bei Prüfungen immer gute Noten. Als günstig dürfte sich auch die Mitgliedschaft in der CSU erwiesen haben, wo er im „Arbeitskreis Polizei“ laut dem Zeitungsbericht hohe Ämter innehatte. Und nicht zuletzt konnte sich Pilz über seinen Schwager freuen. Dem millionenschweren Kötztinger Unternehmer Anton Staudinger gehören Bade-Thermen auf der italienischen Insel Ischia, die von Parteigrößen wie dem damaligen bayrischen Ministerpräsidenten Max Streibl und dem CSU-Fraktionsvorsitzenden Gerold Tandler gern besucht wurden. Tandler soll später sogar persönlich dafür gekämpft haben, dass der einfache Beamte Pilz einen Leitungsposten erhält, für den er nicht qualifiziert war.“

Jedenfalls erzählte Kulac dem Polizeispitzel Fritz Hermann eine interessante Geschichte, die der V-Mann sich eigentlich nicht so ausgedacht haben kann. Laut Ulvi Kulac sei ein gewisser Mirko Scholz in seiner Wohnung gewesen, wo er auch die Peggy umgebracht hätte. Ulvis bester Freund Tim Scholz (nicht mit Mirko Scholz verwandt) habe dann geholfen, die Leiche wegzubringen. Man hätte sie in der Nähe von Lobenstein, Thüringen an einem Bach unter der Brücke hingelegt. Der Pfleger von Ulvi Kulac, Rainer Wenzel, hatte zumindest bestätigt, dass Ulvi auch ihm gegenüber einen gewissen Mirko Scholz erwähnt hätte, der wisse, wo die Leiche von Peggy läge. Und ein anderer Pfleger, Wolfgang Pötzsch, habe während seiner Sozialanamnese von Ulvi Kulac erfahren, dass Mirko Scholz bei der am 03. Mai 2001 stattgefundenen Vergewaltigung von Peggy Knobloch dabei gewesen sein soll. Deswegen wurde im September 2001 gegen Mirko Scholz ein Ermittlungsverfahren eingeleitet, das bis zum 22. Mai 2002 dauerte. Bei der Hausdurchsuchung und Durchsuchung seines Autos konnten die Kriminaltechniker jedoch keine Spuren finden. Interessanterweise stellte sich aber im Nachgang heraus, dass Ulvi Kulac diese Informationen bei einem Vatertagausflug am 24.05.2001 aufgeschnappt hatte. Mirko Scholz war auch dabei. In der Männerrunde fand man es wohl besonders witzig, sich darüber zu unterhalten, was man so alles mit Peggy angestellt hätte und wo man schließlich ihre Leiche abgelegt hätte – eben bei Lobenstein. Tim Scholz, der selbst lange Zeit im Drogengeschäft aktiv war, wurde dann auch vernommen, es stellte sich aber heraus, dass er zum Tatzeitpunkt ein wasserdichtes Alibi hatte. Mit der Zeit wurde Hermann von Pilz und Förster immer härter herangenommen und mit Fragen so verwirrt, dass er schließlich irgendwann behauptete, Ulvi hätte ihm den Mord an Peggy gestanden. Kein anderer außer Ulvi hätte die Peggy umgebracht. Der damalige Leiter der Soko „Peggy 1“, Herbert Manhart, hatte aber an diesem „Geständnis“ durch Ulvi Kulac erhebliche Zweifel. Schließlich mischte sich Beckstein Ende 2001 ein und tauschte Manhart gegen Geier aus. Später gaben die ehemaligen Ermittler der Soko „Peggy 1“ an, dass ihnen zuvor das ungewöhnliche Interesse von Ministerialbeamten aus München aufgefallen war. Es gab immer wieder Streit unter den Ermittlern und der Druck auf die Gruppe wuchs ständig. Unter Geier drehte sich dann das Blatt radikal zum Nachteil von Ulvi Kulac. Entlastende Zeugenaussagen wurden entweder unter dem Tisch fallengelassen oder ins Gegenteil verkehrt, Spuren zum Nachteil von Ulvi Kulac angedichtet und last but not least Ulvi Kulac als offenkundiger geistig Schwerbehinderter ohne Beistand und anwaltliche Beratung über Stunden vernommen und massiv unter Druck gesetzt, um von ihm ein Geständnis regelrecht herauszupressen. Als weitere Belastungszeugin wurde dann die Mutter von Mirko Scholz, Edith Scholz, herangezogen. Sie hatte erst ein Jahr nach dem Verschwinden des Mädchens und unmittelbar nach der Einstellung des Verfahrens gegen ihren Sohn am 22.05.2002 bei der Polizei ausgesagt, Ulvi Kulac gegen 13:15 Uhr auf der Parkbank sitzen gesehen zu haben, als sie am 07. Mai 2001 wegen des Geburtstags ihres Sohnes in den Ort gefahren sei, um Kerzen zu kaufen. Mirko selbst wurde dann noch mal am 13.06.2002 diesmal als Zeuge befragt. Er gab an, dass er an der Suchaktion von Peggy als Mitglied der Lichtenberger Feuerwehr beteiligt war und dass er am 07. Mai 2001 Urlaub genommen habe, weil er noch in Hof und Naila bei den Finanzämtern etwas zu erledigen gehabt hätte. Er konnte keine Angaben zur Mittagszeit machen.

Seltsam ist das ganze Vorgehen schon deswegen, weil Edith Scholz vor ihrer Aussage bei der Polizei bereits mehrfach befragt wurde und diesbezüglich keine Angaben gemacht hatte. Die Arbeitskollegin von Edith Scholz, Regina Göpfert, erzählte wiederum, dass Frau Scholz vor dem Mai 2002 immer wieder mal erwähnt hatte, dass die Peggy öfter bei ihr ihm Hof gespielt hätte. Nach ihrer Aussage bestritt sie plötzlich, die Peggy überhaupt zu kennen.

Nach den Aussagen der damaligen Schulkameraden von Peggy, Sebastian Röder und Jakob Demel, sahen sie Peggy an dem besagten Tag zwischen 14:45 Uhr und 15:00 Uhr noch vor der Bäckerei im Ort. Dann kam ein roter Mercedes-Coupé mit tschechischem Kennzeichen vorbei. Peggy ist eingestiegen. Hinten saß noch ein anderes Mädchen. Selbst die Bekleidung von Peggy konnten beide Jungs beschreiben. Am Abend gegen 19:00 Uhr wäre der Mercedes wieder zum Marktplatz zurückgekehrt und Peggy ausgestiegen. Das alles schien aber überhaupt nicht zu interessieren. Ulvi Kulac wurde der Prozess gemacht. Er wurde zwar wegen seiner geistigen Behinderung für schuldunfähig erklärt, kam aber zur Sicherheitsverwahrung in die Psychiatrie.

Die Lokalpolitikerin der CSU, Ina Hager-Dietel, wurde als Schöffin im Prozess gegen Ulvi Kulac ausgewählt. Sie saß im Hofer Stadtrat neben ihrem Fraktionskollegen und Bürgermeister von Hof, Eberhard Siller. Dieser wiederum war auch Vizechef der Staatsanwaltschaft Hof und somit auch Vorgesetzter des im Fall Peggy ermittelnden Staatsanwalts Heindl. Zudem hatte Siller selbst am Fall Peggy mitgewirkt.

So schließt sich also wieder der Kreis um politische Abhängigkeiten, V-Mann-Einsätze und Vertuschung von kriminellen Handlungen, wenn staatliche Sicherheitsbelange betroffen sind, um Klaus-Dieter Fritsche an dieser Stelle zu zitieren.

Immerhin hat das ZDF zu diesem Fall in künstlerischer Freiheit einen Krimi „Das unsichtbare Mädchen“ ausgestrahlt, der vielleicht näher an der Wahrheit liegen dürfte, als man uns aus der offiziellen Berichterstattung weismachen will.

Es gäbe noch einige Vermissten- und Mordfälle an kleinen Kindern unter diesem Aspekt zu hinterfragen. So würden mir auf Anhieb folgende Mord- bzw. Vermisstenfälle einfallen:

+ Die Mordserie von Martin Ney als Schwarzer Mann, dem 1992 Stefan Jahr, 1995
Stefan Rostel, 1998 Nicky Verstappen, Dennis Klein 2001 und Jonathan Coulom
2004 zum Opfer fielen

+ Manuel Schadwald (12 Jahre), vermisst seit 24.07.1993 in Berlin-Tempelhof

+ Stefan Lamprecht (13 Jahre), vermisst am 02.08.1995 Berlin-Prenzlauer Berg,
ermordet aufgefunden am 08.08.1995 in Mittenwalde. Zu empfehlen ist der
Artikel aus der Berliner Morgenpost „Vier Schicksale, ein Täterkreis?“ vom
10.02.2003.

+ Markus Wachtel (13 Jahre), ermordet am 11.03.1998

+ Tristan Brübach (13 Jahre) ermordet am 26.03.1998,

+ Jessica Kopsch (11 Jahre), vermisst am 28.10.1998 in Berlin-Reinickendorf,
ermordet aufgefunden am 09.01.1999 in einer Kaolin-Grube bei Halle,

+ Johanna Bohnacker (8 Jahre), vermisst am 02. September 1999 in Bobenhausen,
ermordet aufgefunden am 01.04.2000 in Alsfeld

+ Sandra Wißmann (12 Jahre), vermisst seit 28.11.2000 in Kreuzberg-Berlin

+ Katrin Konert (15 Jahre), vermisst seit 01.01.2001 bei Lüchow

+ Pascal Zimmer (5 Jahre), vermisst seit 30.09.2001 in Burbach, zuletzt vermutet in
der berüchtigten Tosa-Klause der Wirtin Christa W., ebenfalls als Polizeispitzel
und Informantin tätig

Diese Liste ist nicht abschließend, zeigt aber schon ansatzweise auf, dass nicht nur beispielsweise in Belgien, Holland, Amerika, Tschechei, Bulgarien und Rumänien, sondern auch hier mitten in Deutschland möglicherweise ein sehr ernstes Problem besteht, das bis in hohe politische und juristische Kreise reicht, wenn es um das Thema Kindesmissbrauch, Kinderhandel und –prostitution geht.

Damit möchte ich die Serie um den Sachsensumpf vorerst abschließen.

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