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Uwe Barschels Vermächtnis

Nach dem GAU von Tschernobyl am 26.04.1986 wies Uwe Barschel an, dass die zum 13.06.1986 geplante Inbetriebnahme des neu gebauten Druckwasserreaktors in Brokdorf ausgesetzt wird. Zu der Zeit galten Druckwasserreaktoren als die „sichersten Reaktoren“ weltweit.

Der Spiegel „Liebe, lache, kämpfe“ vom 02.06.1986 schrieb hierzu: „Kiels Ministerpräsident Uwe Barschel geht mit dieser Entscheidung weiter als alle anderen CDU-Landeschefs. Er will Brokdorf erst dann einschalten lassen, wenn überprüft worden ist, ob nach Tschernobyl für den Reaktor und die im Lande bereits laufenden Atomkraftwerke Brunsbüttel und Krümel „weitere sicherheitstechnische Auflagen erforderlich sind.“

Offensichtlich hatte Barschel aus irgendeinem Grund kein Vertrauen in Brokdorf gehabt – wie sich später herausstellte, auch zu recht.

Nun kam es am 07. Juni 1986, wenige Tage nach Barschels öffentlicher Ankündigung zum Aussetzen der Inbetriebnahme des Reaktors, zu einer Anti-AKW-Demonstration auf dem Parkplatz des KKW Brokdorf – offensichtlich von der DKP initiiert. Die Veranstaltung mit einigen tausend Menschen lief friedlich ab, bis auf einmal kurz vor dem Ende der Versammlung Polizei und Bundesgrenzschutz unter der Leitung von Grenzschutzgeneral Ulrich Wegner, der sich schon bei der erfolgreichen Befreiung der Geiseln in Mogadischu 1977 als Held feiern lassen konnte, ohne ersichtlichen Grund Gasgranaten in die Menge schmissen. Viele Menschen wollten in heller Panik fliehen, aber tieffliegende Hubschrauber kesselten die Demonstranten im Umkreis des Parkplatzes ein, während Wasserwerfer zum Einsatz kamen und auf die Menge zielten. Es gab zahlreiche Verletzte und sonstige körperliche Beeinträchtigungen.

Daraufhin folgte eine Anzeige des DKP-Bezirksvorsitzenden Heinz Stehr und dem Bezirkssekretariatsmitglied Helmut Grimm gegen die vor Ort aktiven Polizisten und BGS-Beamten bei der Itzehoer Staatsanwaltschaft.

Nach 17 Monaten wurde das Verfahren eingestellt mit der Begründung, dass keine konkret verantwortlichen Personen für den Reizstoffeinsatz ermittelt werden konnten. Alle dazu vernommenen Beamten einschließlich des zuständigen Einsatzleiters Hempel hätten bestritten, damit etwas zu tun gehabt zu haben. Grundsätzlich wurde aber auch seitens der Polizei und des BGS zugegeben, dass es tatsächlich keinen Anlass für das militante Vorgehen von Polizei und BGS gegeben hätte. Der Übergriff war damit nicht nur unverhältnismäßig, sondern schlicht und ergreifend rechtswidrig.

Oberstaatsanwalt Schwarz wird dazu folgendermaßen zitiert: „Ich muss zwar angesichts des Beweisergebnisses davon ausgehen, daß die teils verantwortlichen, teils zeugenschaftlich vernommenen Beamten zumindest vereinzelt die Unwahrheit bekundet haben, um absprachegemäß oder stillschweigender Übereinstimmung sich selbst, Kollegen oder Vorgesetzte vor strafrechtlicher Verfolgung zu bewahren. Allerdings kann bei jedem einzelnen Beamten nicht festgestellt werden, ob gerade er wahrheitswidrig ausgesagt oder tatsächlich infolge des Einsatzgeschehens keine Beobachtung gemacht hat.“ (Quelle: http://www.luebeck-kunterbunt.de/BRD-System/Brokdorf.htm)

Für diesen illegalen Einsatz wurde der Innenminister Karl Eduard Claussen und Justizminister Heiko Hoffmann, später nach dem Tod von Uwe Barschel 1988 Spitzenkandidat der CDU für die Landtagswahl in Schleswig-Holstein, verantwortlich gemacht.

Es fällt in jedem Fall die zeitliche Nähe zur Ankündigung von Barschel und dem Vorfall beim KKW Brokdorf auf. Hatte Barschel schon hier empfindliche Kreise der Atomlobby um PreussenElektra und HEW (Hamburgische Elektrizitäts-Werke AG) gestört und war damit das Vorgehen von Polizei und BGS bewusst als False-Flag-Operation zum Einsatz gekommen, um Barschel einzuschüchtern und ihn vorzuwarnen? Die willkürlichen Aktionen gegen die bereits im Abzug befindlich gewesenen Demonstranten lassen eigentlich keinen anderen Schluss zu, als von einer geplanten Provokation höchstwahrscheinlich mit Wissen von DKP-Kreisen auszugehen.

Zu dieser Schlussfolgerung komme ich, weil die Bundesregierung über die Verfassungsschutzberichte seit 1971 detailliert Kenntnisse über die SED-Parteifirmen besaß, die vor allem die DKP finanziell unterstützten. Dazu steht im Köppe-Bericht, Anlage B SED-Firmen, dass die Bundesregierung die genauen Besitzverhältnisse der SED-geführten Firmen,
die handelnden Personen und die Konstruktionen als Briefkastenfirmen in Liechtenstein,
die Ziele und Aufgaben der Parteifirmen,
die Geschäftspraktiken im Bereich der Steuerhinterziehung und der Provisionszahlungen an die Firma Simpex, durch die der SED im Jahr ca. 50 Millionen DM unversteuert zuflossen und
die Finanzierung der DKP über Scheinarbeitsverhältnisse für DKP-Funktionäre und den Einsatz der Geschäftsführer der Parteifirmen als Geldkuriere kannte.

Die Klärung der Frage, wer tatsächlich hinter dem „Befehl“ gesteckt hatte, auf die Demonstranten loszugehen, wäre sicherlich hilfreich und würde vielleicht auch die bis heute tief im Untergrund verborgenen Umstände, die zu Uwe Barschels Tod im Beau Rivage geführt haben, etwas näher an die Oberfläche rücken.

Als Brokdorf schließlich im Oktober 1986 ans Netz ging, kam es bereits im Dezember 1986 zum ersten Störfall, bei dem sich im brandneuen Rohrsystem ein Haarriss entwickelte hatte, aus dem 100 Liter radioaktives Kühlwasser austrat und die radioaktiven Edelgase Krypton und Xenon über den Schornstein in die Luft entwichen. Dieser Vorfall blieb über Stunden unentdeckt.

Der Vorfall in Geesthacht am 12.09.1986 (siehe Ausführungen in Teil 5) wurde zu diesem Zeitpunkt bereits mit aller Konsequenz vor der Öffentlichkeit vertuscht.

Doch damit nicht genug – Björn Engholm, politischer SPD-Widersacher von CDU-Mann Uwe Barschel, befand sich im März 1986 als Oppositionsführer und Leiter der SPD-Delegation in Ost-Berlin. Begleitet hatten ihn Günter Jansen (der später unter Engholm Sozialminister wurde) und sein Spezi Gerd Walter (späterer Justizminister unter Heide Simonis). Dort wurde angeblich vereinbart, dass der gesamte Ost-West-handel über die Industrie- und Handelskammer Lübeck abgewickelt werden sollte (siehe http://www.luebeck-kunterbunt.de/Luebeck/Bjoern_Heinz.htm) – eigentlich ein ungeheuerlicher Vorgang, wenn man bedenkt, dass zu dieser Zeit Uwe Barschel amtierender Ministerpräsident von Schleswig-Holstein war. Es sieht zumindest so aus, als ob Engholm schon recht früh mit „hellseherischen Fähigkeiten“ zum Schicksal von Uwe Barschel ausgestattet war, sollten die in Lübeck-Kunterbunt aufgestellten Behauptungen richtig sein. Focus „Subversives Geflecht“ vom 30.04.2001) scheint zumindest darin übereinzustimmen, was die grundsätzliche Tätigkeit eines Björn Engholms für die Stasi betrifft. Hierzu steht: „Der Historiker und Fachbuchautor Hubertus Knabe, 41, der als Mitarbeiter der Gauck-Behörde jahrelang StasiAktionen im Westen erforschte, kommt nach Lektüre der geheimen FDJ-Papiere über Engholms DDR-Kontakte zu diesem Schluss: „Er hat politisch konspiriert mit den Vertretern der SED-Diktatur. Engholm hat ihnen Dinge gesagt, die er nicht sagen durfte. Er hat konspiriert mit dem Gegner – gegen die eigene Partei.“

Vielleicht sollte ich an dieser Stelle erst einmal mit einem Spiegelbericht „Freunde, wo ist das Motiv?“ vom 02.01.1995) fortsetzen. In diesem Artikel verweist der Spiegel auf ein Dossier des BND an die Lübecker Staatsanwaltschaft, das kein anderer als der damalige BND-Abteilungsleiter Eigensicherung/Gegenspionage Volker Foertsch verfasst hatte (im vierten Teil zur Plutonium-Affäre hatte dieser Herr am 04.05.1995 vorab die Einsicht in Ermittlungsakten zum Prozess gegen BND-Mitarbeiter im Plutonium-Fall beantragt und auch bekommen.)

Der BND kam in dem Dossier zum dem Schluss, dass eine Gruppe AGM/S den Mord an Barschel durchgeführt habe. Der Spiegel hierzu: „“An der Ermordung des Dr. Uwe Barschel“, so die vom BND kolportierte Verschwörungstheorie, sei die Stasi mit einer „Arbeitsgruppe Mielke/Sicherheit, bestehend aus 40 Personen“ beteiligt gewesen. Diese Gruppe AGM/S sei direkt dem früheren Stasi-Minister Erich Mielke unterstellt gewesen. Die AGM/S habe sich mit „dem perfekten Töten (Kontaktgifte) befaßt“. Nach der Ermordung Barschels habe die Gruppe noch Ende 1992 ein Waffenlager der Bundeswehr überfallen und sei vorher am „Umsturz in der DDR“ beteiligt gewesen: „Man bedaure heute noch, daß dieser unblutig verlaufen sei.“ Diskret teilten die BND-Ermittler den Lübecker Staatsanwälten die Namen von vier angeblichen Mitgliedern der Killertruppe Barschel mit. Es trifft sich, daß alle vier in einem Autohaus in Sachsen-Anhalt arbeiten – das dürfte den späteren Zugriff erleichtern. Die AGM/S ist kein reines Phantasieprodukt. Sie existierte tatsächlich seit 1964 und sollte im Kriegsfall „Kommandounternehmen auf dem Territorium des Gegners“ durchführen. Nach Stasi-Unterlagen hatte die AGM/S mal 573 Planstellen. Im Wende-Herbst 1989 zählte sie im Bereich der sogenannten Kampfkräfte 110 bis 120 Mitarbeiter. […]Bezeichnend für die Qualität des BND-Schriftstücks ist das kolportierte Gerücht über ein angebliches Treffen Barschels mit einem Stasi-Mitarbeiter. Nicht nur der Zeitpunkt verwirrt. „Ein Herr Feuchtenberger“ soll sich kurz vor dem 10. Oktober 1987 mit dem Kieler Regierungschef in Genf getroffen haben. Angeblicher Deckname: Robert Roloff.“

Dieser Artikel ist insofern bemerkenswert, weil der Spiegel einen leicht zu übersehenden Hinweis darauf gibt, dass es sich bei dem Namen „Robert Roloff“ um einen Decknamen handeln soll.

Ottokar Hermann, IMB „Rohloff“

Über die Person Robert Roloff wurde viel spekuliert, aber interessanterweise immer die Stasi-Verbindung mit diesem Namen ausgeklammert. Dabei hat es in der Tat beim MfS ein als IM geführten Mann mit Tarnnamen „Rohloff“ gegeben, hinter dem sich kein anderer verbarg, als der eingebürgerte Schweizer Ottokar Hermann, Direktor der INTRAC S.A. Lugano und Geschäftsführer der BEFISA S.S. in Zürich, Schweiz. Als Gesellschafter beider Firmen war Manfred Seidel, MfS-OibE und Stellvertreter von KoKo-Leiter Alexander Schalck-Golodkowski, eingetragen.

Ottokar Hermann alias „Rohloff“ wurde schon seit Januar 1965 zuerst als KP, dann IM und später IMB von der Stasi geführt und sollte zusammen mit einem gewissen Dr. Gerhard Beil und Jochen Steyer aus dem Ministerium für Außenhandel und Innerdeutschen Handel (MAI) in Spanien eine Firma gründen. Hierzu steht im Koeppe-Minderheitenbericht zum Untersuchungsausschuss KoKo, Anlage C Embargo über die Besetzungspolitik der Treuhandanstalt (THA) ergänzend: Die „mit der Abwicklung der DDR- und KoKo-Firmen beauftragten Mitarbeiter der Treuhandanstalt rekrutierten sich während eines langen Zeitraumes aus ehemaligen leitenden Außenhandelsfunktionären der DDR sowie führenden MfS-Mitarbeitern. So waren Waltraud Lisowski (Abteilungsleiterin bei Schalck-Golodkowski) und Jochen Steyer (stellvertretender Außenhandelsminister der DDR und nach Angaben der ZERV Offizier im besonderen Einsatz – OibE des MfS) mit der Abwicklung der z.T. in den Embargohandel verstrickten SED-Parteifirmen beauftragt.“

Hinzu kam eine sträfliche Naivität und Fahrlässigkeit seitens eines Dr. Strecker und dem Rechtsanwalt Reuther in der THA. Sie nahmen nicht nur alte DDR-Kader in die Anstalt auf, sondern vertrauten ihnen auch blind. Als die Zentrale Ermittlungsstelle für Regierungs- und Vereinigungskriminalität (ZERV) bei ihren Ermittlungen zur Aufklärung möglicher Straftaten aus dem Bereich Embargohandel und Betrugsfälle Unterstützung seitens der THA erbaten, wurde ihnen diese oft verweigert.

Hinzu kam ein nicht nachvollziehbarer Personalmangel bei den zuständigen Berliner Staatsanwaltschaften und Ermittlungsbehörden. So kam es, dass viele Verfahren und Ermittlungen in diesen Bereichen gegen MfS-, KoKo- und SED-Kadern eingestellt werden mussten. Dieses Vorgehen kritisierte der damalige Landespolizeidirektor und Leiter der ZERV, Klaus Kittlaus öffentlich: „Er warf den westlichen Bundesländern vor, die Ermittlungen der ZERV bewußt zu verschleppen. „Die seien gar nicht mehr daran interessiert, die DDR-Schurken vor den Kadi zu bringen.“ Kittlaus befürchtete eine „Amnestie auf kaltem Wege“. In fünf Jahren, so prophezeite er, werde das Schwarzgeld aus Schalcks KoKo „reingewaschen und nicht mehr auffindbar“ sein. Dann gebe es eine neue Kriminellenszene, die „als Bumerang“ auch Richtung Westen zurückschleudere.“ (Quelle: Köppe-Bericht, Anlage C Embargo).

Ferner stellt man in diesem Bericht fest: „Besonders gravierende Versäumnisse bzw. Begünstigungen früherer KoKo-Seilschaften sind auffälligerweise bei den ehemaligen KoKo- bzw. SED-Parteifirmen festzustellen, über die die westdeutschen Geheimdienste in der Vergangenheit besonders gut unterrichtet waren.“

Dazu gehören insbesondere Intrac Lugano, Günter Forgber, F.C. Gerlach, Allimex (Michael Grossauer), Jan Plon (dänische Firma, die vor allem zur finanziellen Abwicklung von Embargogütern herangezogen wurde), Asimex (Geschäftsführerin Ruth Lerche), Impag, Intertechna, Interport, Peter Lüdemann (Firma Unischiff), Caramant (Manfred Hardt), Richard Müller (Müller kaufte das Gut Marutendorf am Westensee bei Kiel, das er von Klaus Reckmann, einem Teilhaber der Firma Unischiff, erworben haben soll; gegen ihn ist auch in Washington DC ein Strafverfahren wegen Embargoverstößen anhängig gewesen. Sein Verteidiger ist im übrigen Otto Schily), Transocean GmbH in Hamburg, Devia GmbH und die Finanzberatungsfirma Iberma.

Dr. Gerhard Beil war Leiter des DDR-Firmenkonzerns IBERMA, zu dem die IAI Industrieanlagen Import, die ITA Ingenieurtechnischer Außenhandel, Dr Ackert & Partner GmbH sowie die AHB Intercoop und Intercoop GmbH i.A. zählten.

Die Intercoop wiederum ist ein besonderes Unternehmen der HVA gewesen. Dort „arbeiteten“ 22.000 hochqualifizierte Wissenschaftler der Akademie der Wissenschaft.

Im Köppe-Bericht, Anlage C Embargo wird aus dem Buch von Peter Ferdinand Koch „Das Schalck-Imperium lebt“ zitiert: „Achtungsgebietend regierte der Generaldirektor Hans Norbert Wichmann ein Imperium, das selbst im entlegensten Winkel der Erde Präsenz dokumentierte. Unbemerkt hatte sich intercoop Anfang der 80er Jahre zu einem imponierenden High-Tech-Monoplisten entwickelt… Jahrelang hatten DDR-Agenten vertrauliche Analysen nach Ost-Berlin geschleppt, geheimgehaltene Warenmuster abgeliefert, Expertisen der Mikroelektronik sowie der Informationsverarbeitung und der Automatisierung in die DDR eingeführt… Im Ost-Berliner Stadtbezirk Prenzlauer Berg saß bis zum Zusammenbruch der DDR die intercoop in der Storkower Straße 120. Nach der Einheit verzog die intercoop in die Clara-Zetkin-Straße 86-89. Von nun an hieß die intercoop „Intercoop Export-Import GmbH“. Doch kein Handelsregisterauszug weist solch eine „Intercoop GmbH“ aus, „Intercoop“ ist ein reales Phantasieprodukt. In den alten intercoop-Büros ließ sich die Varicom Export-Import GmbH nieder“ (Peter-Ferdinand Koch, Das Schalck-Imperium lebt, München-Zürich, 1992, S. 196ff)“.

Nun kommt ein weiterer interessanter Vermerk seitens des Köppe-Berichts, wonach Konrad Porzner vor dem Untersuchungsausschuss angab, dass der BND im Bereich KoKo „sechs nachrichtendienstliche Verbindungen“ platziert hatte, unter ihnen einen Direktor bei Intercoop AHG.

Neben INTRAC S.A. Lugano und Befisa S.S., Zürich unterstanden Ottokar Hermann alias „Rohloff“ auch die Firmen WAN und WARIMEX, mit denen er nach Kenntnissen des BfV im Zeitraum 1969 bis 1973 gegen innerdeutsche Handelsbeziehungen im Warenwert von 70 Millionen DM verstoßen haben soll.

Spätestens seit Anfang 1980 muss auch der BND über die Machenschaften des Ottokar Hermann Kenntnis erhalten haben, denn die CIA wusste ebenfalls über Rohloff bestens Bescheid, und zwar schon seit 1970.

Und dann folgert der Köppe-Bericht, Anlage C Embaro: „Angesichts der detaillierten BND-Meldungen seit 1983 über die Embargotätigkeit von Ottokar Hermann ist umso bemerkenswerter, daß die Bundesregierung später sogar dessen Hochtechnologie- und mutmaßlichen Embargo-Exporte in die DDR offiziell genehmigte. Es ging um die Lieferung von zwei Leiterplattenwerken im Wert von ca. 300 Millionen DM ab 1987 sowie die geplante Lieferung eines dritten Werkes ab 1989 durch die Hösch-Tochter Fuba, die Parteifirma der SED, Trans-Ver-Service in Essen, und die Intrac Lugano.“ Unverständlicherweise genehmigten sowohl das schweizerische Bundesamt für Außenwirtschaft für Intrac S.A. als auch die BRD-BAW für Fuba und Trans-Ver-Service die Einfuhr, nachdem Ottokar Hermann selbst bestätigt hätte, es würde sich nicht um Embargogüter handeln. Trotz der Erkenntnisse und des Vorlaufs wurden Hermanns Angaben nicht weiter überprüft.

Und der BND warnte das BMWi am 22.03.1988: „Der Schwerpunkt der Beschaffungsaktivitäten liegt eindeutig bei der Firma INTRAC S.A. in Lugano, Schweiz. Direktor dieses Unternehmens ist der Schweizer Bürger Ottokar Hermann, der seit vielen Jahren einschlägig als TechnologieBeschaffer bekannt ist. … In diesem Zusammenhang sind auch die Bemühungen der DDR zum Ankauf einer gesamten Fertigungslinie (Ausstattung eines Werkes) für Leiterplatten im Wert von 140 Mio DM … zu sehen. Diese Lieferungen sollen nun – nach Ausstieg japanischer Lieferanten auf der Druck der USA – über die Schweiz durchgeführt werden. … Die beschafften Geräte und Anlagen unterliegen zum weitaus größten Teil den COCOM-Bestimmungen. Bei Vorliegen offizieller Exportanträge dürften sie von den zuständigen Behörden der COCOM-Staaten nicht für einen Export in die DDR oder andere COMECOM-Staaten genehmigt werden.“ (Quelle: Köppe-Bericht, Anlage C Embargo).

Eberhart Seidel (IMB „Siegfried), stellvertretender Generaldirektor der INTRAC berichtete auch umfangreich über Adolf Hilmer, FDP-Politiker und Geschäftsführer der Fa. Hanseatisches Baustoffkontor GmbH (HBK) und damit Hauptvertragspartner der INTRAC für das Betreiben der Mülldeponie Ihlenberg (volkssprachlich auch Deponie Schönberg genannt).

Die Mülldeponie Ihlenberg wird als das größte Dreckloch Europas bezeichnet und verklappt dort vor allem Sondermüll aus Österreich, Italien, Frankreich und der Schweiz. Die Transporte werden von Adolf Hilmer über die Firma INTRAC organisiert und ausgeführt.

Bis heute hält sich das Gerücht, basierend auf den Recherchen des Journalisten Ekkehart Sieker, dass die 41 Fässer des Seveso-Gifts Dioxin aus der italienischen Chemiefabrik ICMESA, einer Tochter des Schweizer Chemie-Konzernriesen Roche, 1981 über Frankreich mit einigen Tonnen zusätzlichem Sondermüll vermischt, zur Mülldeponie Ihlenberg gebracht und dort vergraben wurde.
In Wikipedia steht ergänzend: „Am 23. November 1981 traf eine Lieferung von Fässern aus Italien auf der Deponie ein, deren Inhaltsstoffe auf der Schönberger Deponie nicht bekannt waren. Wegen dieses Zwischenfalls auf der Deponie wurde der Zivilschutz aus Grevesmühlen hinzugezogen. Die Abfallstoffe – teilweise flüssig und in verschlossenen Fässern – wurden, so die Aktenlage, später in einem Sondergraben Sauer eingehaust. Durch „gezielte Maßnahmen” der Stasi und mit Unterstützung des Hauptgesellschafters des HBK konnte der in diesem Zusammenhang mediengeführte „umweltpolitische Aufruhr” auf westdeutscher Seite zurückgedrängt werden. Der Deponiebetreiber behauptet, dass ein Kataster für die hier eingelagerten Stoffe existiere. Den Beweis dafür konnte und wollte er bis heute jedoch nicht erbringen. Zu den am strengsten gehüteten Geheimnissen des Deponiebetreibers gehören die Deklarationsanalysen der angelieferten Abfallstoffe. Diese Deklarationsanalysen wurden zu DDR-Zeiten in der Deponie-Vertriebszentrale in Berlin-Pankow bewertet und archiviert. Der VEB-Schönberg ließ zusätzlich Proben von verschieden Abfällen beim Unternehmen Intercontrol in Wismar anfertigen.“ (Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Deponie_Ihlenberg)

Ferner steht diese Mülldeponie nach wie vor im Verdacht, auch nukleare Abfallprodukte aus den Forschungsreaktoren Garching und GKSS, insbesondere aus der Zeit nach dem 12.09.1986 entsorgt zu haben.

Wenn man sich das Desaster von deutschen Atom-Endlagerstätten wie Gorleben oder auch Asse ansieht, dann kann man sich ja vorstellen, wie mit solchem Atommüll in der ehemaligen DDR ohne Kontrolle umgegangen wurde – rein ins Loch und fertig. Möglicherweise gab es aber auch noch andere Verwendungen für solche atomaren Nebenprodukte, die über den Entsorgungskreislauf von Ihlenberg illegal wieder an andere Kunden unter der Hand verkauft wurden.

Ich jedenfalls gehe davon aus, dass zu den Kunden der Mülldeponie Ihlenberg, die seit 1979 in Betrieb ist, auch die ehemaligen GUS-Staaten, insbesondere die Nachbarländer wie Polen und Tschechei zählten und wahrscheinlich noch zählen. Über diese Länder könnten schließlich auch nukleares Material aus der Ukraine, Bulgarien, Rumänien oder Weißrussland illegal nach Ostdeutschland gekommen und über viele Jahre dort zwischen- oder endgelagert worden sein.

Adolf Hilmer bezeichnete sich selbst als enger Freund von Björn Engholm und ausgerechnet dieser Björn Engholm, der sich selbst immer gerne als energischer Atomgegner bezeichnete, nun aber auch noch seit seinem politischen Fall mit der PreussenElektra paktiert, hatte sich bereits am 05.11.1979, damals noch in seiner Funktion als parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft in Bonn, ausdrücklich für die skandalumwitterte Mülldeponie Ihlenberg ausgesprochen, die auch noch knapp sechs Kilometer an der Stadtgrenze zu Lübeck liegt (siehe auch http://www.luebeck-kunterbunt.de/TOP100/Engholm_&_Konsorten.htm)

Dazu sagte Eberhard Seidel vor dem Untersuchungsausschuss des Bundestages Folgendes aus: Entsprechend dem mir übergebenen Auftrag habe ich 2 Probleme weitergeführt: Problem politische Betätigung des Herrn H. in der FDP. Wir hatten bereits mehrfach einen Gesprächsansatz darüber, daß es nicht schlecht wäre, wenn Herr H. in irgendeiner Weise sich kommunalpolitisch betätigen würde. Diese kommunalpolitische Betätigung würde unmittelbar für unser Geschäft von Vorteil sein, da dieses Abfallstoff-Geschäft erhebliche politische Dimension bekommen hat, wie alle Umweltfragen der BRD, und er sich schon seit langem in Interviews mit dem Problem der Abfallstoff-Transporte nach der DDR (Deponie Schönberg) auseinanderzusetzen hatte. Außerdem hat Herr H. schon mehrfach seit mindestens 1 ½ Jahren mir gegenüber die Befürchtung geäußert, daß es doch so sein könne, daß er jetzt das Geschäft für die DDR aufbaut und daß dann im Zuge der Bevorzugung der Konzerne dieses aufgebaute Geschäft weggenommen würde, wofür ich dann auch nichts könne, und es würde dann von einem anderen Konzern, z.B. von STINNES, übernommen, und das würde er natürlich nicht wollen. Ich habe dann nochmals diesen Gedanken aufgegriffen, daß in dem Moment, wo er sich politisch betätigt und durch seine politische Betätigung auch echt Beiträge zum Geschäft bringt, ein solcher Wechsel nicht zu befürchten ist.“ (Quelle: Köppe-Bericht, Anlage C Embargo)

Im Köppe-Bericht wird hierzu dann weiter ausgeführt: „In den Unterlagen der AG BKK [Anm.: gemeint ist die Arbeitsgruppe Bereich Kommerzielle Koordinierung] wird festgestellt, daß der IMB “Siegfried“ seit 1978 engen persönlichen Kontakt zu Hilmer unterhielt und „dessen berufliche und politische Entwicklung maßgeblich mitbeeinflußt“ habe. „Zur Unterstützung seiner Geschäftsinteressen trat der H. 1983 der FDP bei, was seiner liberalen Grundhaltung und seinen geschäftlichen Ambitionen am besten entsprach.““ (Quelle: Köppe-Bericht, Anlage C Embargo)

Richtig merkwürdig wird es dann, als Seidel seinem Verbindungsoffizier im MfS über ein Treffen am 23.09.1987, also knapp drei Wochen vor Uwe Barschels Tod, mit dem Leiter der AG BKK und dem stellvertretenden Leiter der HVA II berichtete: „Das Ziel des Treffens bestand darin, durch den Einsatz des IMB Informationen über die gegenwärtige und zukünftige politische Entwicklung in Schleswig-Holstein zu erarbeiten. Der IMB wurde beauftragt, seinen egnen und vertrauensvollen Kontakt zum BRD-Bürger Hilmer, Adolf zu nutzen, um Informationen zu den gegenwärtigen Vorgängen in Schleswig-Holstein , zu den in diese Vorgänge integrierten Politikern (Barschel, Zumpfort) sowie solche Aufklärungsergebnisse zu erarbeiten, die eine objektive Einschätzung der Lage und der möglichen Entwicklung gestatten.“ (Quelle: Köppe-Bericht).

Die HVA – so der Köppe-Bericht weiter – interessierte sich im Zusammenhang mit Hilmer nicht nur für den bis 1987 amtierenden Landesvorsitzenden der FDP in S-W Wolf-Dieter Zumpfort, sondern auch für Björn Engholm, Frank Darendorf, SPD-Mitglied der Hamburger Bürgerschaft, Peter-Uwe Conrad (CDU), damaliger Ministerialdirigent und Abteilungsleiter im Umweltministerium in S-W, Fritz Homann, damaliger Oberregierungsrat im Bundeswirtschaftsministerium, Helmut Haussmann (FDP/DVP), damaliger Bundeswirtschaftsminister und Hans-Dietrich Genscher, damaliger Bundesaußenminister.

Seidel gab dann gegenüber seinem Führungsoffizier folgende Information, die aus einem Treffen zwischen ihn und Hilmer am 06.09.1989 stammte. Demnach hätte Hilmer nach eigenen Angaben einen besonders guten Draht zu Dr. Homann. Von ihm habe er erfahren können, dass „in nächster Zeit in Parteifirmen zwei BND-Leute eingebaut werden.“

Interessant ist jedenfalls noch ein weiterer Umstand im Zusammenhang mit IMB „Siegfried“ und Ottokar Hermann alias „Rohloff“ – von 1966 bis 1989 hatte Eberhard Seidel im Auftrag des MfS auch Kontakt zur CIA gehalten. Dabei schien die CIA besonders die Vorgänge um die damals noch in Planung befindliche Deponie Schönberg interessiert zu haben.

Dass der BND mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit über die Einzelheiten der Barschel-Affäre bestens informiert, wenn nicht sogar involviert war, dürfte sich nicht nur aus dem Spiegel-Artikel „Freunde, wo bleibt das Motiv?“ vom 02.01.1995, sondern auch aus der Vernehmung des Leiters der HVA-Abteilung IX, Harry Schütt, ergeben: Er gab an, die wichtigsten Quellen des BND in Osteuropa zu kennen. Über „die BND-Quellen in der DDR, darunter auch z.B. eine in Kirchenkreisen der DDR operierende BND-Quelle, könne er fast eine vollständige Übersicht geben, auch könne er den BND über dessen Pannen bei der Arbeit Richtung Osten aufklären und hätte wichtiges über den KGB und über sogenannte Nachrichtenspiele zu berichten. (Quelle: Köppe-Bericht). Er führte gegenüber dem BND aus, dass die meisten aller BND-Quellen vom MfS vollständig aufgeklärt waren und für ihre Zwecke „umgedreht“ wurden, d.h. man hat sie entweder bewusst mit falschen Informationen angefüttert oder in Positionen eingesetzt, wo sie für die SED-Diktatur keinen Schaden mehr anrichten konnten bzw. unwissentlich Aufträge für die Stasi ausführten.

Offensichtlich gehörten dann auch solche BND- und BfV-Quellen wie Claus Weihrauch von der Westberliner SED-Firma Chemplast dazu. Seine vom BND beauftragten Aufklärungsziele waren die Speditionsfirma Ihle, Plast-Elast-Chemie, Plambeck & Co in Neuss oder auch Wittenbecher & Co in Essen und Berlin.

„Rohloff“ und der Warnemünder Kreis (AHB-Geheimbund)

Die damaligen Stasi- und CIA-Informanten Eberhard Lehmann, Deckname „Glasschüssel“ und Rainer Wiegand, Deckname „Stromdreieck“ lieferten gegenüber dem BfV einige Hinweise, die Schalck-Golodkowski mit der U-Boot-Affäre ins Spiel brachten. „Glasschüssel“ – so das BfV gegenüber dem GBA am 22.01.1991 – habe berichtet, „daß man in ehemaligen MfS-Kreisen offen darüber spreche, daß Schalck-Golodkowski Waffen- und Embargogeschäfte, auch für Konzerne der Bundesrepublik, in immensen Größenordnungen abgewickelt haben soll. Auch die U-Boot-Affäre sei über Schalck-Golodkowski gelaufen.“ (Quelle: Köppe-Bericht)

Und weiter heißt es in seinen Berichten, dass Dieter Uhlig, der Vertreter von Schalck-Golodkowski für die so genannten „heißen Waffen“ zuständig gewesen sei. Könnte mit „heißen Waffen“ Nuklearmaterial wie waffenfähiges Plutonium und Uran gemeint gewesen sein?

Nach Aussagen des Überläufers Horst Schuster gegenüber dem BND spiele im Waffenhandel mit Westafrika die Fa. United Sterling in der Heddon Street, London eine große Rolle. Sie sei auch Lieferantin von Embargogütern der CoCom-Liste A und C in der DDR. Sterlings Partner sei u.a. die Fa. Caramant in Wiesbaden. Der Holländer Henry Wasmeoth, Inhaber der Firmen Kintraco BV und Traco-Supplies BV in Alkmar, sei nach Aussage von Schuster Informant des KGB, der HVA und des militärischen Nachrichtendienstes der DDR. „Neben Geschäftskontakten zu Intertechna habe Wasmoeth auch Beziehungen zur DDR-Firma Robotron und zur Firma Archivanalagen, Wien (Inhaber: [Werner] Wittenberg [aus Wien, österreichischer Embargohändler]), mit der er gemeinsam Embargo-Computer-Teile an die DDR, Ungarn, CSSR und die Sowjetunion liefere. Nach Informationen Schusters habe Wasmoeth auch angeboten, militärisch-elektronsiche Bauteile, Waffen und Ausrüstung an die DDR zu liefern. Diesbezüglich unterhalte Wasmoeth Kontakte zu den Vertretern der Verwaltung Aufklärung der NVA, Royek, Pfotenhauer und Raupach.“ (Quelle: Köppe-Bericht)

Daneben soll es enge Geschäftsbeziehungen mit der VR Nordkorea geben. Dies wäre für die DDR und den Ostblock ein lebensnotwendig, da viele Ostblock-Firmen zwar über Rubel, aber nicht über konvertierbare Devisen verfügen. Nordkorea nimmt wiederum Rubel an und tauscht sie gegen US-Dollar um. Schuster berichtete, „daß die österreichischen Embargohändler Werner Wittenberg und Peter Linsbichler während der Leipziger Frühjahrs- und Herbstmesse 1982 mit Vertretern der nordkoreanischen Botschaft in Ostberlin über die Lieferung von militärischen Ausrüstungen, Mikrowellensendern verschiedener Größen, Sprachanalysatoren und Chiffriergeräten westlicher Bauart verhandelt hätten.“ (Quelle: Köppe-Bericht, Anlage C Embargo).

Wenn man also bedenkt, dass die VR Nordkorea seit den 80er Jahren an atomaren Waffen herangekommen war (für die man ggf. auch Plutonium 239 braucht), mit denen sie schließlich nach den Anschlägen vom 11. September 2001 die USA bedrohen konnten, wäre es durchaus möglich, dass von dort auch spaltbares Nuklearmaterial wie Plutonium 239 an die ehemalige DDR geliefert wurde.

Am Embargohandel mit der DDR beteiligte sich auch eine US-Firma. Es handelt sich hierbei um Green Financial California, Las Vegas. Vor allem ging es um Lieferungen von EDV-Hardware und EDV-Anlagen. Die Abwicklung dieser Geschäfte erfolgte über die Wiener Niederlassung, deren Leiter ein gewisser Herr Euler war.

Dr. Roland Winckler, Generaldirektor der AHB Elektrotechnik, bildete zusammen mit Dr. Jost Brecher, Waldemar Harz und Helmut Schindler den harten Kern des so genannten „AHB Geheimbund“, auch als Warnemünder Kreis bezeichnet, zu dem ebenfalls Artur Wenzel zählte, bevor er am Nikolaustag des Jahres 1989 (Camp Nikolaus lässt grüßen) mit einem Hosengürtel erhängt in seiner Zelle aufgefunden wurde.

Weitere Mitglieder waren Bernd Zimmermann aus der HVA-Abteilung Technik und Wissenschaft und der Schwede Hans Jochheim mit Kontakten zum russischen und tschechischen Geheimdienst. Dessen Partner war im Übrigen Richard Müller und Günter Forgber. Hans Jochheim beaufsichtigte und verwaltete vor allem das Kontengeflecht in Österreich, der Schweiz und Israel.

Forgber wiederum pflegte offensichtlich auch gute Kontakte zu Udo Proksch, von dem ich schon viel im Zusammenhang mit dem Münchner Oktoberfest-Bombenanschlag im Teil 7 „Die Rolle der Stasi“ gesprochen hatte.

Daneben sind im weiteren Umfeld des Warnemünder Kreis auch folgende Personen zu nennen: Gerhard Ronneberg (mutmaßliche CIA-Quelle), der Artur Wenzel regelmäßig mit Informationen über westliche Unternehmer und Zwischenhändler berichtete, Dietrich Kupfer, Dieter Uhlig mit seinen Kontakten zu afrikanischen und islamischen Geheimdiensten und Geschäftsleuten sowie Peer Ikier als Leiter der Ost-Berliner Außenstelle des Carl Zeiss Kombinats (Quelle: Berliner Zeitung vom 18.4.1995 „Durch Erhängen mit seinem Hosengürtel am Fenster“)

Peer Ikier war vor allem für die DDR-Großprojekte im außenpolitischen Handel zuständig.

Aufmerksame Leser meiner Ausführungen zur Firma Telemit (Analyse zum Oktoberfest-Bombenanschlag, Teil 8 „Das politische Umfeld, der Milliardenkredit und Gaddafi sowie „Die Atlantikbrücke e.V. – das kriminelle Netzwerk um Holger Pfahls – Teil 4) wissen bereits, dass das DDR-Kombinat Carl Zeiss Jena z.B. Tagzielgeräte für den Kampfpanzer T-72 aus polnischer und tschechischer Produktion an den Irak geliefert hatte. Für die Vermittlung des Exports über die konspirativ tätige DDR-Waffenschmiede IMES mit dem Waffenlager in Kavelstorf war die Münchner Telemit und der Wild Leitz Vertrieb Deutschland GmbH in Frankfurt a.M. zuständig. Die Telemit hatte das Carl Zeiss Jena Kombinat auch bei der Entwicklung militärisch nutzbarer Mikroelektronik unterstützt. Bernd Barschel arbeitete für Zeiss Jena und Eike Barschel war bis 1988 Vertriebsleiter im Elektronikunternehmen Wild Leitz Vertrieb Deutschland GmbH. In dieser Funktion hatte er sich um die IMES-Kontakte gekümmert.

Die Berliner Literaturkritik vom 25.01.2008 führt in ihrem Artikel „Spannend wie ein deutscher Michel Crichton „Das Projekt Hannibal“ von Eduard Breitmann“) noch ein weiteres interessantes Detail aus der Zeit der Barschel-Brüder aus: „Zur gleichen Zeit lieferte auch die Schweizer Firma Mebo Bombenzünder und andere elektronische Bauteile sowohl an die DDR als auch an Libyen. Mebo-Besitzer Edwin Bollier versorgte die DDR ebenfalls mit hochgiftigen Chemikalien und anderen Materialien. Bollier gilt als Schlüsselfigur im Fall Lockerbie. Er wurde auch im Fall Barschel vernommen, doch die Ergebnisse dieser Vernehmung müssen in eine ganz spezielle Sonderakte aus den Ermittlungsakten heraus ausgelagert worden sein.“

Wäre es also auch denkbar, dass Uwe Barschel in Wahrheit eine von der CIA-geführte Quelle war, während Björn Engholm auf der anderen Seite mit SED-Kadern konspirierte?

Über Ottokar Hermann alias „Rohloff“ wickelte Roland Winckler die wichtigsten Embargoimporte auf dem Gebiet der Elektrotechnik ab. Ottokar Hermann koordiniert und steuert dabei den Handel über die der Firma Intrac/Lugano zugehörigen Firmen (Chemoplast, Wan, Warimes, Intex (alle in Westberlin), Tetren (Wien und Befisa (Schweiz). So sollen die Embargogüter in der Schweiz beschafft und über die Schweiz oder den innendeutschen Handel an die DDR geliefert worden sein. Die KoKo-Mitarbeiterin Inge Emmerich habe dabei die Konten u.a. bei der Schweizer Bankenvereinigung verwaltet und beaufsichtigt. (Quelle: Köppe-Bericht, Anlage C Embargo)

In der Berliner Zeitung vom 28.09.1994 „Schalck-Ausschuß fand Geheimkonten“ wird berichtet, dass Schalck bei der Berliner Otto Scheurmann Bank die Vollmacht auf mehrere Konten seit den 60er Jahren besaß. Eines davon konnte den in die BRD geflohenen Simon Goldenberg zugewiesen werden. Ein zweites teilte er sich mit Ottokar Hermann alias „Rohloff“, für das Nummernkonto 63 700 waren auch seine Frau Sigrid und Manfred Seidel unterschriftsbefugt. Schalck hatte schließlich die Verbindung der KoKo-Firma Moridessa zur Scheurmann Bank zugegeben.

Ich frage mich wiederum, ob das Indizien dafür sind, dass Schalck-Golodkowski in Wahrheit schon immer ein verdeckter BND-Mann gewesen war. Im BND wurde er unter dem Decknamen „Schneewittchen“ geführt; wie der Untersuchungsausschuss des Deutschen Bundestages herausgefunden hatte, tauchte dieser Deckname in den BND-Akten bereits 1954 auf. (Quelle: Köppe-Bericht)

An dieser Stelle wären dann auch die Verbindungen des „Superagenten“ Werner Mauss und Schalck-Golodkowski zum ehemaligen BND-Oberst Joachim Philipp genauer zu durchleuchten, denn Philipp war lange Zeit der BND-Verbindungsmann von Günter Asbeck der Firma ASIMEX gewesen und hat schließlich auch Schalck mit Ausweispapieren und Unterkunft ausgeholfen.

Ottokar Hermann alias „Rohloff“ und Detlef Karsten Rohwedder

Im Umfeld von Ottokar Hermann hat sich am 01.04.1991 noch ein anderer berühmt-berüchtigter Mordfall ereignet. Es handelt sich hier um den damals frisch gekürten Präsident der Treuhandanstalt Detlef Karsten Rohwedder.

Detlef Rohwedder war vor dem Mauerfall einmal Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium gewesen und fungierte nun als Vorstandsvorsitzender der Hoesch Stahl AG, geradezu prädestiniert für eine Lobbyisten-Rolle.

In dieser Funktion wendeten sich deswegen noch vor der Wende die Hoesch-Tochter FUBA (Hoesch-Beteiligung von 37%) im Auftrag der INTRAC S.A. und der DDR-Firma Trans-Ver-Service an ihn, um eine Verlängerung der geplanten Auslieferungen von Ausrüstungen zum Aufbau von Leiterplattenwerke in Dresden-Gorbitz und Berlin Marzahn sowie eines geplanten dritten Leiterplattenwerkes zu erhalten. Obwohl damals schon bekannt war, dass es sich hier um gegen CoCom verstoßenden Handel mit Embargogüter handelte, wie auch die Toshiba-Affäre in der gleichen Sache zeigte, erteilte die Landeszentralbank Niedersachsen als Hauptverwaltung der Deutschen Bank am 14.04.1988 der Firma FUBA eine Genehmigung für das Leiterplattenprojekt. „Auf dem Genehmigungsantrag ist vermerkt, daß die Lieferung im Auftrag der Schweizer Firma Intrac Lugano erfolgte.“ (Quelle: Köppe-Bericht, Anlage C Embargo).

Die hierfür erteilte Genehmigung lief nun zum 01.06.1990 aus.

Am 31.08.1989 erhielt Rohwedder per Telefax ein Schreiben von der FUBA mit folgendem Inhalt: „„Errichtung von Fabriken zur Herstellung von Gedruckten Schaltungen in der DDR Sehr geehrter Herr Dr. Rohwedder, ich danke Ihnen für die Eröffnung der Möglichkeit das Wirtschaftsministerium in unserem Sinne tätig werden zu lassen. Die beiden größten Produktionsstätten allerdings errichten wir z.Zt. in der DDR. Auf diese beiden in der DDR entstehenden Fabriken möchte ich näher eingehen, um unser Anliegen noch deutlicher herausstellen zu können. Im Jahre 1987 hatten wir über unseren Konsortialpartner Intrac S.A., Lugano (Via del Piano, CH-6925 Pambia-Noranco), zwei Verträge mit dem Außenhandelsbüro ELEI (Elektronik Export Import) zur schlüsselfertigen Errichtung von Fabriken für die Kombinate ROBOTRON (Meßelektronik) in Dresden und KAAB (EAB) in Berlin abgeschlossen. Die Übergabe/Übernahme wird am 1.4.1990 bzw. 1.10.1990 erfolgen. Es handelt sich hierbei um Projekte in der Größenordnung von je ca. 150 Mio DM mit einer Ausstoßleistung per anno von ca. 80.000 m2 für durchkontaktierte und Multilayer-Schaltungen. Die Produktionsflächen liegen bei 18.000 m2 bzw. 14.000 m2. Aus dem vorgenannten ist zu ersehen, daß formaljuristisch ein Vertrag zwischen der DDR und einem schweizer Unternehmen, nämlich der Intrac S. A., abgeschlossen wurde. Die Firma Hans Kolbe & Co, Unternehmensbereich Gedruckte Schaltungen, (also Fuba, Anm.d.Verf.) tritt gegenüber der Firma Intrac als Konsortialpartner und Hauptauftragnehmer, un das ist entscheidend, somit als Verfahrensträger auf. Als bundesrepublikanische Firmen ist die einschlägige Lieferindustrie für die Maschinen und Anlagen, die ihren Einsatz in den zu errichtenden Fabriken finden, zu über 90% in der Bundesrepublik angesiedelt. Z.Zt. ist für die DDR ein drittes Projekt für das Kombinat Werkzeugmaschinen „Fritz Heckert“ in der Anfrage- bzw. Angebotsphase. Bei diesem dritten Objekt, das in der Größenordnung aufgrund der bisher vorliegenden Spezifikation mit einer noch größeren Kapazität ausgestattet werden soll, liegen wir in Mitbewerb mit der Firma Thomson in Frankreich … Es besteht die Gefahr, daß anläßlich eines vorgesehenen Treffens zwischen dem Staatsratsvorsitzenden Honnecker und dem Präsidenten Mitterrand dieser Vorgang in Form einer Absichtserklärung zum Vertragsabschluß Frankreich zugesagt wird. Wir sehen einen wesentlichen Vorteil darin, wenn das Wirtschaftsministerium anläßlich des Treffens auf der Leipziger Messe wirtschaftspolitisch unsere als auch die Interessen der einschlägigen Zulieferindustrie der Bundesrepublik vertreten würde, damit es zu einem Vertragsabschluß zwischen der DDR und der Firma Intrac kommt. Sollte das Wirtschaftsministerium diesen unseren Vorstellungen folgen, wäre es der Sache dienlich, wenn wir im nachhinein erfahren könnten, welche Resonanz es aus diesem Gespräch gibt und welche Gesprächspartner dieses Thema behandelt haben, damit die Firma Intrac, die ebenfalls über entsprechende Verbindungen wirtschaftspolitischer Art in der DDR verfügt, die Verhandlungen konsequent und folgerichtig weiterführen kann.“ (Quelle: Köppe-Bericht, Anlage C Embargo)

In der Angelegenheit wandte sich Rohwedder noch am selben Tag an Dr. Elmer Becker im BMWi.

Jedenfalls hat sich Rohwedder dann mit Ottokar Hermann getroffen, um weitere Verhandlungen zu dem dritten geplanten Leiterplattenwerk zu führen. Das Treffen kam nach Aussage von Ottokar Herman kurz vor dem Mauerfall zustande, so dass dieses Projekt nicht mehr weiterverfolgt werden konnte.

Fritz Homann, damals Oberregierungsrat im BMWi, hatte sich allerdings im Mai 1990 gegen die Verlängerung der Genehmigung ausgesprochen. Da war aber das Leiterplattenwerk Robotron in Dresden bereits fertiggestellt und der Bau des Leiterplattenwerkes der AHB Elektronik kurz vor dem Abschluss.

Ottokar Hermann ging daraufhin noch einmal auf Fritz Homann zu – ob mit Erfolg, ließ sich zumindest nicht mehr durch den Untersuchungsausschuss feststellen.

So heißt es im Köppe-Bericht, Anlage C Embargo weiter: „In einem Vermerk der Effekt-Gesellschaft wird angegeben, daß die Treuhandanstalt die Zahlungsverpflichtung des AHB Elektronik gegenüber der Intrac S.A. im Grundsatz anerkannt hat.“

Daraus muss wiederum geschlossen werden, dass es noch einiger Zusatzverhandlungen bedurfte, möglicherweise zur Art und Menge der Zahlungsverpflichtungen. Es ist also nicht sicher, ob damit die Treuhandanstalt unter Rohwedder die Übernahme der Zahlungsverpflichtungen für das zweite Leiterplattenwerk KAAB in voller Höhe von 14,7 Mio. DM übernommen hatte.

Angesichts dessen hatte sich daraufhin Ottokar Hermann unbefugter Weise des zur Effekt-Gesellschaft gehörenden Treuhandkontos Befisa bedient und von dort auf sein Konto bei der BfG Luxemburg insgesamt 6.407.142,10 DM überwiesen.

So setzte er die Treuhand unter Druck, die ihm angeblich vertraglich zustehenden Beträge in Höhe von 14,7 Millionen DM zu zahlen.

Hierüber gibt es auch einen Schriftverkehr seitens der Effekt-Gesellschaft an die Treuhand, der letztendlich aus diesen Verträgen die Summe von 6,4 Mio. DM zugestanden hätte, aber nun von Hermann widerrechtlich als Pfand einkassiert wurde.

Effekt-Gesellschaft bat die Treuhand, an die Firma Intrac S.A. die stolze Summe von rund 15,5 Mio. DM (die aus den Zahlungsverpflichtungen entstandenen 14, 7 Mio. DM plus Zinsen in Höhe von über 750.000 DM) zu überweisen, damit die Effekt-Gesellschaft wieder ihren Anteil von knapp 6,4 Mio. DM zurückerhält.

Dieses Spiel wiederholte Ottokar Hermann, angeblich wegen noch offen stehender Zahlungen aus den Verträgen zum Leiterplattenwerk KAAB, diesmal in Höhe von knapp 75.000 DM. Weder die 6,4 Mio. noch die 75.000 DM bekam Effekt-Gesellschaft zurück.

Und bevor ihm der Zugriff auf das Befisa-Treuhandkonto entzogen wurde, hatte er ein drittes Mal 100.000 Schweizer Franken abgehoben, angeblich Spesenabrechnungen.

Trotz der Unterschlagung und des Betrugs passierte Ottokar überhaupt nichts. Er durfte sogar 1992 den BRD-Anteil (übernommen von der AG BKK, die damals an der Intrac Lugano mit 40% beteiligt war) an der Intrac Lugano billig kaufen. Für eine lächerliche Summe von 12 Millionen Schweizer Franken (der40%ige Anteil war zu diesem Zeitpunkt noch zwischen 80 und 100 Mio. DM wert) erhielt Hermann nicht nur die Intrac Lugano, sondern auch die Intex, Westberlin und die Intrag, ebenfalls Westberlin.

Das Pikante an dieser Geschichte ist jedoch, dass die Intrac Lugano zu 100% der Treuhand gehört hätte, denn die Intrac Lugano war die Bestell- und Abwickler-Firma für die Passdruckmaschinen der HVA; sie befand sich damit im Eigentum der DDR.

Hermann hatte mittlerweile mit seiner Komplizin Waltraud Lisowski weiter versucht, so illegal an ehemalige KoKo-, SED- und MfS-Auslandsfirmen zu kommen. Als Rohwedder schließlich Treuhandpräsident wurde, hatte sich Ottokar erneut mit ihm getroffen. Hierbei wollte er sich auch noch das Leiterplattenwerk unter den Nagel reißen. Letztmalig hat sich Hermann dann zwei Wochen vor Rohwedders Ermordung mit ihm getroffen. Offensichtlich gab es aber keine zufriedenstellende Übereinkunft mit Detlef Karsten Rohwedder, denn danach wurde er in seiner Wohnung in Düsseldorf durchs geschlossene Fenster erschossen – angeblich von der RAF.

Seit 1982/1983 waren der Bundesregierung über den BND der Embargo-Handel der DDR und die permanenten Verstöße gegen CoCom-Vereinbarungen (Coordinating Comitee für East West Trade Policy; seine Aufgabe war, Lieferungen von Kriegsmaterial und „dual-use“-Gütern in den Ostblock zu verhindern) bekannt und blieb weiterhin untätig, im Gegenteil, sie machte dabei sogar noch mit, denn auf diese Weise ließen sich noch mehr Gelder in die schwarzen Parteikassen der BRD pumpen.

Im Februar 1986 kam es dann zwischen den USA und der BRD zu einem Beinah-Eklat. Anlass war Hans Jochheim, der mit seinem Kontengeflecht ins Visier der US-Behörden geriet. Dezent wurde daraufhin die Bundesregierung hingewiesen, dass der Beitritt zum SDI-Programm gefährdet wäre und von der künftigen Einhaltung des CoCom-Embargos abhängig gemacht wird. Damit die Sprache auch für uns Deutsche verständlich rüberkommt, haben die USA ein Einspruchsrecht beim BRD-Export von Hightech-Equipment und –Material festgelegt und „eine dreimonatige Unterbrechung jeglicher Aktivitäten eines Unternehmens in Exportgeschäften“ ausbedungen, sofern hier sicherheitliche Interessen der Amerikaner berührt werden. (Quelle: Köppe-Bericht, Anlage C Embargo)

Und ob das der Fall ist, entscheiden die Amerikaner selbst ohne „wenn“ und „aber“.

Dass man den Deutschen aber weiterhin nicht über den Weg trauen konnte, zeigte sich dann an der laschen Handhabung in der Verfolgung von Verstößen gegen das Außenhandelsgesetz. Hier wären vor allem die Firmen Telemit, der Nuklearexporteuer Leybold-Heräus, Siemens und Rhode & Schwarz zu nennen.

Hierzu schreibt der Köppe-Bericht, Anlage C Embargo weiter: „Der BND setzte sich sogar dem Vorwurf der Strafvereitelung aus, als es die o.g. Firmen über die Aussagen von Schalck-Golodkowski warnte. Die Bundesregierung war darüber im Bild. So konnte auch die Firma Leybold-Heräus nach wie vor gegen einschlägige Bestimmungen zum illegalen Technologietransfer verstoßen.“

Siegfried Stöcker alias IM „Leo“, der bereits über die Hintergründe der Leiterplattenwerke berichtete, was auch von Gerhard Ronneberg bestätigt wurde, erzählte seinem Führungsoffizier in der AG BKK am 20.11.1987 Folgendes: „Unter den Direktlieferanten, fällt mir ein, gibt es eine Firma Leiphold Heräus aus der BRD, die bisher bereit war, auch hochbrisante, d.h. Ausrüstungen mit hohem Embargoanspruch, zu liefern; allerdings mit einer mündlichen Vereinbarung, daß diese Ausrüstungen im Vertrag technisch unterdeklariert sind, d.h. in den technischen Dokumentationen Werte angegeben sind, die nicht stimmen. Diese Waren sind auch bisher ohne Zoll- oder Export- oder Importbeanstandungen geliefert worden.“(Quelle: Köppe-Bericht, Anlage C Embargo).

Und weiter heißt es im Köppe-Bericht: „Erst ab Dezember 1988 hatte der Vorstand der Firma Leybold-Heräus eine leicht geänderte Haltung eingenommen. Dies könnte mit bekanntgewordenen illegalen Lieferungen von Leybold-Heräus an Pakistan und die Sowjetunion sowie mit dem Bekanntwerden des Rabta-Skandals und dem damit stark zugenommenen Druck der Amerikaner auf die Bundesregierung zusammenhängen.“

Und so resümierte der Köppe-Bericht, Anlage C Embargo weiter: „Die Firma Leybold bediente sich nunmehr des Fachverstands eines pensionierten Beamten des BAW. Bereits im Fall der Lieferungen der Firma Gildemeister an den Irak und der Lieferungen der Firma HDW an Südafrika war ein ählicher Fall bekannt geworden. Diese Firmen bedienten sich des pensionierten BAW-Beamten Dr. Jürgen Welzien. Damals hatten die Bundesbehörden keine Maßnahmen gegen diesen Mißbrauch amtlich erworbenen Wissens eingeleitet. Dr. Welzien erhielt lediglich Hausverbot beim BAW, nachdem die Beratertätigkeit für Rüstungsfirmen bekannt geworden war. Welzien ging anch seiner Pensionierung auch bei „Nuklearexporteuren wie Leybold, ein und aus.““

Und was ist aus den Protagonisten des „Warnemünder Kreises geworden? Dazu schreibt die Berliner Zeitung, dass gegen keinen aus der Gesellschaft – sofern sie nicht ermordet wurden oder sich selbst ins Jenseits befördert haben, Anklage erhoben wurde. Dazu hatte ja die Treuhandanstalt unter Birgit Breuel zusammen mit den in die THA übernommenen SED-Kadern gesorgt. Roland Winckler konnte sich wieder in Berlin aufhalten und unbehelligt von französischen oder amerikanischen Strafverfolgungsbehörden eine eigene Firma aufbauen, die im Bürohaus residiert das dem Internationalen Handelszentrum gehört. Erfahrung hat er ja genug gemacht, der gute Mann.

Die Berliner Zeitung schreibt weiter: „An der kurz vor der Währungsunion von Winckler-Vertrauten gegründeten Societe Generale Financiere GmbH ist eine bei Genf domizilierte Aktiengesellschaft namens Primaco beteiligt, deren Eintragung mittlerweile im Genfer Handelsregister gelöscht ist. Das Berliner Unternehmen betreibt den „Ex- und Import von Konsum- und Investitionsgütern sowie die finanzielle Beteiligung an Kapital- und Personengesellschaften“.“ (Quelle: Berliner Zeitung, 18.04.1995 „Auskünfte beim Bundesnachrichtendienst“)

Hans Jochheim und Gerhard Ronneberger machten nach der Wende eine Elektronik-Handeslfirma auf. Vorsichtshalber packte Ronneberg aber noch sein Wissen über den KoKo-Embargohandel gegenüber BND und BKA aus

Günter Forgber tauchte Ende 1994 ab, als er doch noch zu seinen Geschäften und vor allem Konten befragt werden sollte.

„Dieter Uhlig wurde mit seinem alten Partner, dem früheren Chef der KoKo-Waffenhandelsfirma IMES, in Karlshorst seßhaft. Dort betreibt der Iraner Hossein Alimoradian einen Gewerbepark, auf dem auch Ex-Partner von der Stasi mit neugegründeten Handels- und Immobilienfirmen unterkamen. Alimoradian war bis Mitte der 80er Jahre der engste Geschäftspartner von Roland Winckler. Mit dessen Hilfe erfolgte die Belieferung des Ayatollah-Regimes mit Elektronik und Waffen.“ (Quelle: Berliner Zeitung, 18.04.1995 „Auskünfte beim Bundesnachrichtendienst“)

All diese Vorgänge rund um das Kernkraftwerk Brokdorf, den Zwischenfall auf dem GKSS-Gelände am 12.09.1986, die Mülldeponie Ihlenberg und den illegalen Handel mit Embargogütern zwischen BRD und DDR verleiten mich zu der Annahme, dass das am Flughafen München-Erding sichergestellte Plutonium niemals die BRD verlassen hatte. Vielmehr komme ich zu dem Schluss, dass diese relativ große Menge (363,4 Gramm) aus den lange Jahre vorher eingelagerten Beständen entweder in Berlin selbst (mglw. über das Hahn-Meitner-Institut) oder auf ehemaligem DDR-Boden, z.B. aus dem Kernforschungszentrum Rossendorf kam. Selbst eine Herkunft aus dem Bestand des Kernenergieforschungsinstitut GKSS oder Garching kann nicht ausgeschlossen werden. Dazu heißt es nämlich auf der Webseite kommunisten-online.de „Atomwaffenversuche an der Elbe?“) : „Die GKSS wurde in den 50er Jahren auf dem Gelände der ehemaligen Dynamitfabrik Nobel in Geesthacht von Physikern mit massiver Unterstützung des damaligen Atomministers Franz-Josef-Strauß mitbegründet. Einer der Gründer war Professor Erich Bagge, der zu den deutschen Physikern gehörte, die es glücklicherweise nicht schafften, für Hitler die Atombombe zu bauen. Anders als etliche seiner berühmten Kollegen wie Max Born, Otto Hahn, Walter Gerlach und Werner Heisenberg hat Bagge jedoch die von Carl Friedrich von Weizsäcker initiierte Göttinger Erklärung gegen den Einsatz von Atomwaffen vom 12. April 1957 nicht unterzeichnet“

Aber selbst die Schlapphüte aus Pullach können nicht so blöd gewesen sein, eine relativ große Menge an waffenfähigem Plutonium illegal und ohne Aufsicht sowie Sicherungsvorkehrungen von einem Laien nach Deutschland einführen zu lassen. Schmidbauer betonte ja, dass es sich um eine Präventivaktion gehandelt hatte. Es mag vielleicht angehen, dass Torres eine untaugliche und entschärfte Probe aus Moskau mitgebracht hatte, aber danach – so stelle ich mir das jedenfalls vor – wurde Torres ohne Plutonium, sondern mit einem Placebo von Moskau nach München geschickt. Am Flughafen hat man dann einfach seinen Koffer vom Band genommen, mit echtem Plutonium bestückt und ihn dann medienwirksam festnehmen lassen, während ein paar Meter weiter Sidorenko von einer bayerischen Delegation abgeholt wurde.

Ich gehe sogar so weit zu behaupten, dass die CIA bei dieser Operation im Hintergrund die Fäden zog und bewusst den BND reinlaufen hat lassen, wie man später an den ganzen Presseveröffentlichungen und den folgenden beiden Untersuchungsausschüssen feststellen kann.

Dafür spricht die Verbindung des Roberto Rauschberg zu internationalen Drogenhändlern, insbesondere aus Mittel- und Lateinamerika, die ja in erster Linie Operationsgebiete der DIA und CIA sind, sowie der plötzlich aus dem Nichts aufgetauchte Rafa, der letztendlich dem LKA mit Wissen des BND das Zuckerl eines fingierten Atommaterial-Schmuggels hingelegt hatte, was auch begeistert aufgenommen wurde.

Die zuvor bei Adolf Jaekle aufgefundene Plutoniumprobe wurde ebenfalls noch einmal von Spezialisten des Los Alamos Atomstützpunkt untersucht mit dem für die Bundesregierung und BND peinlichen Ergebnis, was allerdings nicht mehr groß in der Presse breitgetreten wurde.

Komischerweise gab es dann aber keine Analyse- oder Untersuchungsergebnisse mehr für das am Flughafen sichergestellte Plutonium – jedenfalls hatte man darüber nie wieder etwas gehört.

BND-Mann Willy Weitzel wurde schließlich im Jahr 2004 in seinem Appartement in Tirana tot aufgefunden. Offiziell soll er freiwillig aus dem Leben geschieden sein, inoffiziell hatte man allerdings bei ihm schwere Schlagverletzungen festgestellt – ob es sich hierbei um einen Racheakt seiten des Hoxha-Clans gehandelt hat, lass ich mal dahingestellt sein.

Robert Rauschberg hat in Spanien neuneinhalb Jahre Gefängnis aufs Auge gedrückt bekommen, wahrscheinlich wegen seinen eigenen Mauscheleien mit Drogenhändlern. Dabei dürfte er wohl auch der CIA in die Quere gekommen sein, die daraufhin still und leise ihre Beziehungen spielen ließ und Rauschberg mit zwei Atomdealern bekannt machte. Den Rest erledigte Rafa, denn der ist bei diesem Spiel am besten weggekommen.

Damit beende ich vorerst die Reihe aus dem Themenkomplex „Die Plutonium-Affäre“.

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