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Plutonium und Uran – „Operation Hades“ in der Unterwelt

Grundsätzlich ist anzumerken, dass hochangereichertes, waffenfähiges Uran (HEU) nur in Forschungsreaktoren für angeblich zivile Zwecke verwendet wird. Um einen Missbrauch von HEU zu minimieren, hatten die USA bereits 1978 das „Internationale Programm zur Reduktion der Anreicherung in Forschungs- und Testreaktoren (RERTR-Programm)“ gestartet. Mit Hilfe dieses Programms sollten alle Forschungsreaktoren, sofern möglich, auf niedrig angereichertes Uran (LEU) umsteigen. Dies erfolgte innerhalb Deutschland bei den Forschungsreaktoren am Hahn-Meitner-Institut in Berlin und beim GKSS in Geesthacht.

In den USA selbst wurden die Pläne zum Bau der „Advanced Neutron Source (ANS)“ in Oak Ridge deswegen wieder verworfen, anders wohl im Freistaat Bayern.

Just im Zeitraum der zahlreichen Vorgänge um den illegalen Nuklearmaterial-Schmuggel entschied sich die Bayerische Landesregierung, in Garching an der Technischen Universität München einen neuen Reaktor für die Verwendung von HEU als Brennstoff zu bauen (FRM-2). Es war bekannt, dass zum Ende des Kalten Krieges Russland aufgrund der atomaren Abrüstung große Vorräte (geschätzt 1.000 Tonnen) an HEU lagerte. Auf Initiative der amerikanischen Senatoren Samuel Nunn und Richard Lugar wurde deswegen ein weiteres Programm, das „Nunn-Lugar-Programm“ angestoßen, um den Russen für damals 2 Milliarden US Dollar 500 Tonnen HEU abzukaufen und es dann waffenuntauglich abzureichern. Für die restlichen HEU-Bestände waren mit den Russen zu diesem Zeitpunkt noch keine Verträge abgeschlossen worden. Die Amerikaner hatten den Bayern bereits signalisiert, dass der FRM-2 in Garching kein HEU bekommen wird, was automatisch wieder die Möglichkeit für Bayern eröffnete, gleich selbst mit den Russen ins Geschäft zu kommen. Interessanterweise fanden tatsächlich auf diesem Gebiet zwischen der dafür zuständigen EURATOM und der MINATOM des russischen Atom-Ministeriums Gespräche für entsprechende Rahmenvereinbarungen statt, also in einer Zeit, in der auch der Plutoniumschmuggel in München 1994 so richtig Fahrt aufgenommen hatte.

Kommen wir damit zu einem Vorfall, der sich acht (!) Jahre früher an einem Septemberabend ereignet hatte. Zuvor hatte es im April 1986 in Tschernobyl den bis dahin größten Gau in der Geschichte der Atomkraftwerke gegeben.

Auf dem Gelände des staatlichen Forschungszentrums GKSS (Gesellschaft für Kernenergieforschung in Schiffbau und Schifffahrt) brach am 12.09.1986 ein merkwürdiger Brand aus, der zwar von etlichen Augenzeugen beobachtet, aber trotzdem bis zum Jahr 2001 von den Behörden vor einer größeren Öffentlichkeit verheimlicht werden konnte. Die Augenzeugen berichteten von einer riesigen, grünlich leuchtenden Feuersäule, die aus Richtung des Geländes der GKSS in Geesthacht zu kommen schien. Jedenfalls wurde kurze Zeit später nach dem 12.09.1986 in der näheren Umgebung eine erhöhte Radioaktivität gemessen, infolgedessen es auch zu einem rapiden Anstieg von Leukämieerkrankungen in der Elbmarsch gekommen war.

Das Augenmerk richtete sich zunächst auf das Atomkraftwerk Krümel, bei dem die Landesregierung Schleswig-Holstein sowie Bundesstellen und Aufsichtsbehörden auch Untersuchungen einleiteten. Das in der Nähe befindliche GKSS wurde offensichtlich bewusst aus den Untersuchungen herausgelassen und nur der einen Spur zum AKW Krümel nachgegangen, denn es fanden sich keinerlei Unterlagen und Gutachten zu Bodenproben auf dem Gelände der GKSS, Protokolle über Befragungen von den in der GKSS beschäftigten Mitarbeiter oder sonstige Unterlagen zu Durchsuchungsbeschlüssen oder durchgeführten Inspektionen auf dem Gelände und in dem Reaktor der GKSS selbst. Die Feuerwehr in der Umgebung, die zum Zeitpunkt des Brands ausgerückt war, hatte man erst gar nicht in die Ermittlungen miteinbezogen. Einsatzprotokolle und durch die Feuerwehr eingesammelte Gegenstände wurden schlichtweg ignoriert. Danach ging auch am 01.09.1991 die für den Löscheinsatz auf dem GKSS-Gelände verantwortliche Feuerwehrzenrale in Flammen auf – zusammen mit allen Unterlagen, die dort noch verborgen waren.

Den Anwohnern wurde weisgemacht, dass die hohe Radioaktivität ihre Ursache im AKW Krümel hätte. Unterdessen wurde weiter belastendes Material beiseite geschafft. Interessanterweise fiel auch der für Geesthacht vorgesehene Strahlendetektor „3/9“ (Lokalisierung GKSS Tesperlude/Institut für Physik) durch so genannte Standortverlegung unmittelbar nach dem Brand über 12 Wochen aus.

Zwischen dem 15.09.1986 und 14.09.1987 wurden dann per LKW verstrahlte Brennabschnitte ins bayerische Karlstein transportiert (Quelle:Wolf Wetzel „Tschernobyl ist überall“ vom 13.11.2006)

Der Transport nach Karlstein wurde nicht zufällig ausgewählt, denn dort befand sich auch ein Zwischenlager für Brennelemente. Karlstein liegt in der Oberpfalz ca. 20 km nördlich von Regensburg gelegen. Bei Landshut befindet sich wiederum das AKW Ohu. Das Zwischenlager in Karlstein wurde schließlich 1993 stillgelegt.

Wolf Wetzel schreibt in seinem Artikel „Tschernobyl ist überall“ weiter: „Die behördliche Unterlassung von Untersuchungen auf dem Gelände der GKSS, die gezielte Untätigkeit der Staatsanwaltschaft, das Unterbleiben eines Ermittlungsverfahrens, das Nichteinschalten des LKA, die verschwundenen Deklarations-Unterlagen über die Transporte ins atomare Zwischenlager Karlstein, die unauffindbaren Protokolle über all das, was in Karlstein „entsorgt“ wurde, kann man für eine lückenlose Verkettung von sagenhaften Zufällen halten. Weniger mystisch lässt sich darin der von Robert Jungk skizzierte Atomstaat erkennen. Ein vorsichtiger Versuch, das perfekte Zusammenspiel von privaten Atomfirmen und staatlicher Atomforschung, atomaren Aufsichtsbehörden und (Landes/Bundes)-Regierung, Justiz und Polizei, Staatsschutzbehörden (LKA/MAD) und Militär nicht mit Zufälligkeiten, sondern mit Systematik zu erklären.“ (Quelle:(Wolf Wetzel „Tschernobyl ist überall“ vom 13.11.2006).

Erst 15 Jahre später konnte der Nachweis erbracht werden, das nicht das AKW, sondern die GKSS für die nach außen getretene Radioaktivität mit den für die Anwohner und Natur verheerenden Folgen verantwortlich war.

1992 wurde zunächst von der schleswig-holsteinischen Landesregierung die „Untersuchungskommission Leukämie“ ins Leben gerufen, die aber aufgrund der zuvor erfolgten einseitigen Ermittlungen sich auf die Vorgänge rund um das AKW Krümel konzentrierten.

Erst im Jahr 2002 verfolgte diese Kommission auch andere Spuren. Wissenschaftlicher der Arbeitsgemeinschaft für Physikalische Analytik und Messtechnik (Arge PhAM) entdeckten in der Umgebung, auf Dachböden und im Erdreich millimetergroße Kügelchen, so genannte PAC-Kügelchen, die weder in zivilen Atomreaktoren noch in der Natur oder aufgrund eines oberirdischen Atombombenversuchs entstehen oder vom Tschernobyl-Gau stammten.

Diese Kügelchen bestehen aus Uran, Plutonium-241, Americium-241 und Curium, wie die Sacharow-Universität in Minsk nachweisen konnte. Es handelt sich hierbei um so genannte Dual-use-Komponenten, die sowohl als Brennstoff für Hochtemperaturreaktoren als auch für militärische Zwecke genutzt werden können.

Wolf Wetzel resümiert richtig, wenn er sagt, dass bei Auffinden dieser Kügelchen zu einem früheren Zeitpunkt nachgewiesen hätte werden können, dass die BRD „seit Jahren den von ihr unterschriebenen Atomwaffensperrvertrag gebrochen hat“.

Im Jahr 2004 legte die „Untersuchungskommission Leukämie“ ihren Abschlussbericht der Landesregierung vor. Dabei stellte sie u.a. fest, dass die aufgefundenen PAC-Kügelchen eher von kerntechnischen Experimenten stammten, die möglicherweise für militärische Zwecke angedacht waren; jegliche Unterstützungsanfragen und Bitten um Vorlage von weiteren Unterlagen, die diesen Verdacht ausräumen oder auch erhärten hätten können, wurden von den zuständigen Behörden konterkariert, weswegen eine Analyse dieser Kügelchen auch in Minsk erfolgen musste. Kein einziges staatliches Forschungsinstitut innerhalb Deutschland war bereit, diese Analyse vorzunehmen.

Natürlich setzte die Landesregierung Schleswig-Holstein alles daran, um die Feststellungen im Abschlussbericht zu diskreditieren. Dafür wurden Gegengutachten in Auftrag gegeben, die natürlich den Steuerzahler eine Menge Geld gekostet haben. Als Gutachter haben sie ausgerechnet Dr. Wolters beauftragt, der zu dieser Zeit noch für die Fachaufsicht der GKSS und AKW Krümel zuständig war. Mit Trick 17 wurde er zunächst in den vorzeitigen Ruhestand versetzt, woraufhin er prompt eine Anstellung bei der Firma „SAST“ bekam. Und dort erhielt er dann den Auftrag, die so genannten Fachexpertisen und Gegengutachten anzufertigen mit dem von der Landesregierung gewünschtem Ergebnis.

Nicht nur Wolf Wetzel, sondern ich selbst habe mich auch oft gefragt, ob die politische Vernichtung und schließlich auch der Tod von Uwe Barschel mit illegalen Atommaterialtransfers aus dem Osten oder eben dem Geesthacht-Vorfall zusammenhängen. Das Wissen um illegale U-Bootgeschäfte mit Südafrika oder mit Israel hätte aus meiner Sicht nie allein als Motiv für eine politische Zersetzung und Ermordung ausgereicht. Dazu steckte Uwe Barschel selbst viel zu tief drin.

Die Ausführungen von Viktor Ostrovsky zum Motiv und Ablauf der Ermordung durch ein israelisches Mossad-Kidon-Team hätten genauso gut auch auf die Stasi, dem russischen FSB oder die SBO (Stay-Behind-Organisation) gepasst und dienten meines Erachtens nur als Ablenkungsmanöver. Abgesehen davon hatte auch Franz Josef Strauß bis dahin schon zahlreiche Skandale und Affären an der Backe, insbesondere, was das Rüstungsgeschäft aus seiner Zeit als Bundesverteidigungsminister anging. Seine Korruptionsveranlagung, permanenten Verstöße gegen das KWKG und damit verbunden Finanzierung von schwarzen CSU-Kassen waren in internationalen Geheimdienstkreisen, ganz besonders Israel, Amerika, der DDR und natürlich auch Russland bekannt und es hat ihm im Grunde nie geschadet.

Gut, er ist zwar als Bundesminister ausgewechselt worden und war dann erst einmal damit beschäftigt, sich als CSU-Vorsitzender und schließlich Landesfürst von Bayern Respekt zu verschaffen, aber in dieser Zeit hatte er sich trotzdem auf offensichtlich beste Beziehungen im In- und Ausland verlassen können, wie man auch an dem Milliardenkredit für die DDR unschwer erkennen kann – meines Erachtens der Wegbereiter für die Wiedervereinigung sieben Jahre später.

Mit Uwe Barschel schien er bestens klar gekommen zu sein, die beiden hatten offensichtlich viel gemeinsam. Interessanterweise war Franz Josef Strauß unter Konrad Adenauer auch für ein Jahr Atomminister (1955 bis 1956), bevor er ins Verteidigungsministerium wechselte.

Was aber hätte Uwe Barschel vor dem Untersuchungsausschuss sagen können, das die Republik und auch deren weltweites Ansehen immens hätte schaden können?

Die illegalen Waffengeschäfte mit irgendwelchen Apartheid-Regimen und Diktaturen, über die Waffen-Embargos verhängt wurden, bestimmt nicht; das wäre genauso im Sande verlaufen wie schon zahlreiche Affären und Skandale von Politikern vorher und auch nachher.

Das Volk vergisst sehr schnell, was sich immer und immer wieder in der Vergangenheit gezeigt hat. Deswegen wird auch regelmäßig fleißig zu den Wahlurnen gegangen, um den Parteien freiwillig weiterhin ihre Legitimität zum Regieren dieses Landes zu geben, damit das „Business as usal“ nach einer vorgegebenen Agenda weiterlaufen kann. Da spielt es keine Rolle, welche Partei-(Diktatur) gerade am Regierungsruder sitzt.

Ich werde jedenfalls noch auf Uwe Barschel gesondert zurückkommen. Nun aber weiter im Text mit der Plutonium-Affäre und der Operation Hades in der Unterwelt.

Angesichts des Geesthacht-Vorfalls wäre es also durchaus möglich, dass große Teile der Bundesregierung, allen voran CDU/CSU, dringend daran interessiert waren, die Einfuhr von atomaren, militärisch nutzbaren Stoffen über die Geheimdienste zu legalisieren. Damit hätte man auch geschickt den Atomwaffensperrvertrag durchlöchern können mit zahlreichen, glaubhaften Erklärungen. Zunächst müsste aber auch eine Rechtfertigung geschaffen werden, um den Fuß in die Tür zu bekommen wie zum Beispiel eine Gefährdung der Sicherheit durch eine international operierende Atomdealer-Mafia. Das hätte möglicherweise auch große Unterstützung und Anklang bei der internationalen Community gefunden wie auch später der internationale Kampf gegen den Terrorismus nach den Anschlägen auf das World Trade Center am 11. September 2001.

Und dazu würde auch das Statement von Bernd Schmidbauer vor laufender Kamera passen, das von Focus „In Bonn von allen abgesegnet“ vom 15.04.1995 publiziert wurde: „Verblüffung hat im Kanzleramt nur der ungelenkte Auftritt von Bernd Schmidbauer hervorgerufen. Der Geheimdienst-Koordinator schwadronierte, kurz bevor er vor einer Woche in den Spanien-Urlaub entschwebte, vor laufender Kamera von einer „erfolgreichen Aktion“, die wichtig sei. Schmidbauer: „Besser eine Präventivoperation als hinterherzurecherchieren – siehe den Giftgasanschlag in Tokio.“ Das schaffte Raum für Spekulationen.“

Dann führte o.g. Artikel im Focus aus, dass vom BKA im Jahr 1994 insgesamt 267 Fälle von illegalem Handel mit Nuklearmaterial registriert wurden. Zwei Jahre zuvor waren es 158 und 1993 bereits 241 Fälle. Das BKA hatte also zum ersten Mal 1992 über Fälle von illegalen atomaren Stoffen berichtet, genau in der Zeit, in der auch die „Untersuchungskommission Leukämie“ zum Fall Geesthacht ihre Arbeit aufnahm. Ob das Zufall war oder nicht, überlasse ich jedem selbst.

Aber ein weiteres bemerkenswertes Detail zu dieser Causa findet sich im Spiegel vom 15.05.1995 „Der Mann, der alles weiß“. Thema ist Adolf Jaekle, in dessen Garage im baden-württembergischen Tengen-Wiechs sechs Gramm waffenfähiges Plutonium 239 gefunden wurde. Schmidbauer stellte dazu vollmundig fest, dass dieses Material aus dem militärisch-industriellen Komplex Russlands stammte – das hätten Labors bei der Analyse herausgefunden. Alles wurde auf das Moskauer Kurtchatow-Institut deuten.

Allerdings gab es wohl nach dem 01. August 1994 eine weitere Analyse der Plutoniumprobe von Tengen durch ein Speziallabor des allseits bekannten und berüchtigten amerikanischen Atom-Stützpunkt Los Alamos, welches die militärische Herkunft aus russischen Beständen anzweifelte. Hierzu steht im o.g. Spiegel-Artikel weiter: „“Vielmehr wird für nahezu sicher gehalten“, faßt Ministerialrat Bernd Fechner in einem Papier die US-Berichte zusammen, daß das Tengener Plutonium „für Forschungszwecke hergestellt wurde.“ […] „Eine Herkunft aus dem Kernwaffenbereich (wird) ausgeschlossen“, heißt es in einem VS-Bericht des BND, und der Tengen-Fund stamme auch „nicht direkt aus einem Reaktor“. […] Das extrem reine Plutonium, das ist längst gesicherte Annahme auch der deutschen Fachleute, stammt ursprünglich zwar aus Rußland, ist dort aber schon in den sechziger Jahren produziert worden – insgesamt 1200 Gramm als „Laborstandard“. Viele Institute im damaligen Ostblock wurden damit beliefert, in kleinen Mengen.“ (Quelle: Der Spiegel „Der Mann, der alles weiß“ vom 15.05.1995)

Neben Bulgarien, Rumänien, Kasachstan und Ukraine hatte auch das Kernforschungszentrum der ehemaligen DDR in Rossendorf solche Proben erhalten.

An dieser Stelle muss noch ein merkwürdiger Zufall Erwähnung finden. Auf dem Flug von Moskau nach München saß neben Torres und seinem berüchtigten Plutonium-Koffer auch der russische Vizeminister für Atomenergie Wiktor Alexejewitsch Sidorenko im gleichen Flugzeug, was den Verdacht, die 363,4 Gramm schwere Plutoniumlast von München stamme aus russischen Militärbeständen, zusätzlich Auftrieb gab.

Der Spiegel führte mit Sidorenko hierzu ein Interview, das ich gerne im Originallaut hier einfügen möchte:

SPIEGEL: Wiktor Alexejewitsch, sind Sie in die Münchner Plutonium-Affäre verwickelt?

Sidorenko: Alles absurd.

SPIEGEL: Immerhin saßen Sie in derselben Lufthansa-Maschine wie die Atomschmuggler. Reiner Zufall?

Sidorenko: Nicht ich habe die Idee zu dieser Reise gehabt, sondern der bayerische Staatsminister für Umwelt Thomas Goppel. Der hatte mich im Juli darum gebeten, zu diesem Termin nach München zu kommen. Auf einer gemeinsamen Pressekonferenz wollte Goppel ein Gutachten über eine neue Generation russischer Kernkraftwerke vorstellen. Die Flugtickets für mich und den mich begleitenden Experten aus St. Petersburg wurden von München aus bestellt.

SPIEGEL: Waren Sie wirklich überrascht, als Sie von der Verhaftung der Plutonium-Dealer hörten?

Sidorenko: Doch. Überrascht war ich davon, daß der Schmuggel und meine Reise zusammenfielen. So etwas passiert doch nicht zufällig. Von meinen Gastgebern habe ich erfahren, daß das Umweltministerium zuständigkeitshalber vorab von der Aktion auf dem Münchner Flughafen in Kenntnis gesetzt worden war. Meine Gastgeber seien besorgt gewesen, weil auch ich mit derselben Maschine erwartet wurde. In Absprache mit den deutschen Diensten sollte ich deswegen bei der Ankunft von der Operation ferngehalten werden.

SPIEGEL: Wie denn?

Sidorenko: Man nahm mich gleich in der Maschine in Empfang, führte mich über eine Treppe hinunter aufs Flugfeld und setzte mich dort in ein Auto. Niemand hat mich bis zu meinem Abflug zum Plutoniumschmuggel befragt. Im übrigen: Die bayerischen Kollegen haben inzwischen angerufen und die Verdächtigungen gegen mich als „Quatsch“ bezeichnet. Am 19. Mai wollen sie mir hier in Moskau ihre offizielle Stellungnahme übergeben.

SPIEGEL: Könnte bei der Aktion der russische Geheimdienst seine Hand im Spiel gehabt haben?

Sidorenko: Ich kenne den Sicherheitsdienst durch meine Arbeit in der Atombranche aus nächster Nähe und konnte mich stets auf ihn verlassen. Auch in Zukunft möchte ich davon ausgehen, daß dieser Dienst die Interessen des Staates schützt. Ich will nicht unterstellen, daß er zum Provokateur geworden ist. Sonst müßte man an der Zuverlässigkeit des gesamten Systems zweifeln.

SPIEGEL: Ihr Sicherheitsdienst aber verhält sich in der Plutonium-Affäre erstaunlich zurückhaltend . . .

Sidorenko: . . . was mir überhaupt nicht imponiert. Es wäre wichtig gewesen, daß wir für die eigene Analyse Proben des beschlagnahmten Plutoniums bekommen. Gerade das aber wurde bei den intensiven Verhandlungen zwischen Schmidbauer und dem russischen Sicherheitschef Stepaschin nicht geklärt – wir waren ja dabei nur mit Beobachtern vertreten. Den Vorwurf muß ich unseren Geheimdiensten machen.

SPIEGEL: Sie fühlen sich im Stich gelassen?

Sidorenko: Leider kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, daß Rußland mit den Atom-Vorwürfen ständig in Spannung gehalten und international in Mißkredit gebracht werden soll. Der Mechanismus ist für den Außenstehenden schwer zu durchschauen. Ich bin fest davon überzeugt, daß alles eine Provokation war und ich nur eine Figur in einem undurchsichtigen Spiel bin.

(Quelle: Der Spiegel, „Eine Provokation. Interview mit dem russischen Vize-Atomminister Wiktor Sidorenko“ vom 15.05.1995)

Die Frage nach der Herkunft des Münchner Plutoniums von 363,4 Gramm wurde nie aufgeklärt. Die von einem „Konstantin“ in Moskau übergebene 2 bzw. 3 Gramm Plutoniumprobe von schlechter Qualität am 22.07.1994 kann über Assafiev aus russischen Quellen stammen, muss aber nicht. Genauso ist vorstellbar, dass ein BND-V-Mann bzw. BND-Residenturmitarbeiter als „Konstantin“ aus Moskau die Übergabe an Torres fingiert hatte. In Betracht könnte auch eine fingierte Übergabe durch einen CIA-V-Mann, der sich „Konstantin“ nannte, gezogen werden. Torres mag auch gelogen haben, als er behauptete, selbst die Probe von einem „Konstantin“ auf dem Oktoberplatz in Moskau in Empfang genommen zu haben, vielleicht aus Angst, die tatsächlichen Umstände der Übergabe zu offenbaren.

Eine Theorie, die ich selbst über die Herkunft des am Münchner Flughafen Franz-Josef-Strauß sichergestellten Plutoniums entwickelt habe, betrifft die alten Verbindungen aus dem KoKo-Imperium von Schalck-Golodkowski, insbesondere auch die Beziehung Barschels zur ehemaligen DDR und den Umständen, die zu seinem mysteriösen Tod führten.

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