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Die Leuna-Affäre

Am 01.03.1990 wurde durch die Modrow-Regierung der kurz vor dem Zusammenbruch stehenden DDR beschlossen, die „Anstalt zur treuhänderischen Verwaltung des Volkseigentums“ zu gründen. Dazu erließ man am 17.06.1990 das „Gesetz zur Privatisierung und Reorganisation des volkseigenen Vermögens (Treuhandgesetz)“ in Verbindung mit dem Einigungsvertrag und dem Staatsvertrag vom 18. Mai 1990.
Mit der Wiedervereinigung am 03. Oktober 1990 wurde daraus die „Treuhandanstalt“ und direkt unter der Fachaufsicht des Bundesfinanzministeriums gestellt. Für wenige Monate war Reiner Maria Gohlke der Präsident der Treuhandanstalt, trat aber bereits im August 1990 wegen Kompetenzgerangel zurück, so dass ihm Detlef Karsten Rohwedder, Vorstandsvorsitzender der Hösch AG, nachfolgte.
Bekanntlich wurde Karsten Rohwedder am 01. April 1991 angeblich von der RAF ermordet und die Atlantikerin Birgit Breuel konnte das Amt übernehmen. Und damit begann buchstäblich ein Ramschausverkauf von Firmen und Grundstücken an ausländische Investoren und Mafia wie es wahrscheinlich kein Land zuvor erlebt hatte, natürlich auf Kosten der deutschen Steuerzahler. Davon betroffen war auch die Leuna Raffinerie mit dem Minol-Tankstellennetz der ehemaligen DDR.

Dazu wurde Walther Leisler-Kiep wieder in Stellung gebracht; er hatte sich bereits beim Panzerdeal mit den Saudis bewährt. Seine Aufgabe war es, das Interesse von Ölfirmen am Kauf der Leuna Raffinerie zu wecken und zu vermitteln. Und wieder wurde dazu ein Firmennetz von panamaischen Briefkastenfirmen entwickelt, um entsprechende Schmier- und Spendengelder unauffällig verteilen zu können. Die typischen Flick-Fehler aus den 80er Jahren galt es dabei zu vermeiden und im Fall der Spürpanzer lief das ja auch mit Hilfe von Thyssen-Manager Jürgen Maßmann und Karlheinz Schreiber ganz gut. Die Verhökerung der NVA-Armeebestände u.a. durch Holger Pfahls, Karl Helmut Schnell und Wolfgang Burr lief offensichtlich schon auf Hochtouren.

Jedenfalls holte man sich dabei auch einen guten Freund von Holger Pfahls namens Dieter Holzer ins Boot, der für seine außerordentlich ertragreichen Kontakte zu Top-Managern und französischen Geheimdiensten bekannt war.

Seit 1988 war er Repräsentant der Firma „Delta International“ mit Sitz in Liechtenstein; im Verwaltungsrat der „Delta International“ saß der Treuhänder Werner Strub aus Vaduz.

Dieter Holzer war aber auch Kontaktmann des BND im Libanon. Er wurde unter dem Decknamen „Baumholder“ geführt. Damit würden sich auch seine Beziehungen zu anderen Geheimdiensten erklären.

Seine libanesische Frau Souade Salyoun und Söhne Alfred und Nikolaus Holzer beteiligen sich offensichtlich auch an den Geschäften ihres Ehemanns und Vaters. Die „Delta International“ ist ein Unternehmen mit einem dreistelligen Millionenumsatz, das Tierfette und Pflanzenöle herstellt und vertreibt. Holzer hatte den bereits von seinem Vater geerbten Betrieb zu einem international agierenden Konzern mit Sitz in Monaco ausgebaut (da erscheint doch Holger Pfahls Wunsch, einen Teil seiner Gehälter von DaimlerCrysler auf ein Konto in Monaco einzuzahlen, doch schon unter einem ganz neuen Licht – siehe Teil 3 dieser Abhandlung).

Seine Frau Souade ist übrigens eine Cousine des ehemaligen libanesischen Staatspräsidenten Amin Gemayel. Durch die Heirat kam er auch zu dem Amt eines libanesischen Konsuls.

Daneben pflegt Holzer exzellente politische und geschäftliche Kontakte zu China und Südostasien. Zu seinem Freundeskreis zählt u.a. der bereits bekannte indonesische Staatsminister Bacharuddin Jusuf Habibie. Mit dem südafrikanischen Geschäftsmann Robert Gumede war er ebenfalls befreundet. Nikolaus Holzer wiederum war persönlicher Assistent von Holger Pfahls während seiner Zeit bei DaimlerChrysler in Singapur.

Nun muss man wissen, dass Holger Pfahls vor seiner spektakulären Flucht seinen Wohnsitz am Tegernsee hatte und dort wohnte zufälligerweise auch ein gewisser Siegfried Lengl. Er war einer der engen Vertrauten von Franz Josef Strauß und Staatssekretär im Bonner Entwicklungshilferessort (1982 bis 1992). Seit 1974 war er auch Geschäftsführer der Hanns-Seidel-Stiftung und da wäre dann auch wieder die Frage nach einer möglichen Verbindung zu Karl-Heinz Hoffmann und der WSG Hoffmann zu stellen.

Gemäß der Homepage www.freilassung.de „Aktion gegen die Konrad-Adenauer-Stiftung, Bonn“ heißt es, dass sich der Fond der Hanns-Seidel-Stiftung von 1977 bis 1983 um das Siebenfache gesteigert habe „und diese Gelder … von den Konten der Adenauer- Stiftung, die sie aus ihrem größeren Anteil an Steuergeldern den Seidlern zuschanzt“, kommen.

Ich möchte aber nicht zu weit abschweifen, fest steht jedenfalls, dass Siegfried Lengl Millionen aus dem Bundeshaushalt für die CSU-Außenpolitik unter Strauß und Konsorten springen ließ, z.B. besorgte er für Strauß aus dem Etat für Entwicklungshilfe Busse oder Landmaschinen und auch der Spiegel in seiner Ausgabe 25/1991 „Eminenz vom Tegernsee“ schreibt: „Lengl sorgte dafür, daß sich die Bundeszuschüsse an die Hanns-Seidel-Parteistiftung der CSU binnen weniger Jahre mehr als verdoppelten. Er beherrscht die bundeseigene Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) und kontrolliert die Deutsche Entwicklungsgesellschaft (DEG). Ohne Lengl, so ein Ministerialer, „Läuft nichts in der deutschen Entwicklungshilfe“.“

Dieter Holzer hatte sich jedenfalls am 17. Mai 2000 auf dem Flughafen von Taiwan mit Siegfried Lengl getroffen. Der Spiegel „Wir kommen da durch“ vom 06.11.2000 resümiert dazu: „Schleierhaft sind dem BKA auch die Umstände einer weiteren Taiwan-Reise Dieter Holzers. Am 17. Mai dieses Jahres traf er mit der Cathay Pacific in Taiwan ein, in seinem Schlepptau laut Unterlagen der Airline ein gewisser Sigi Lengl. Ob der identisch ist mit dem ehemaligen CSU-Staatssekretär Siegfried Lengl, lässt sich vor Ort nicht mehr feststellen. Als die CBI Anfang August den Computer der Grenzkontrolleure prüfte, waren die Einreisedaten beider Besucher gelöscht, und mithin war auch keine Ausreise verzeichnet. Dies trage eindeutig die Handschrift des taiwanischen Geheimdienstes und militärischen Abschirmdienstes, heißt es beim CBI.“

Man sieht, dass es Dieter Holzer an zahlreichen in- und ausländischen Verbindungen nicht gefehlt hatte und damit begann die sogenannte Leuna-Affäre.

Walther Leisler-Kiep, bis Ende 1992 noch CDU-Bundesschatzmeister und Atlantiker, hatte 1991 Helmut Kohl von eine künftig deutsch-französischen Zusammenarbeit auf dem Ölsektor überzeugt. Der lästige Karsten Rohwedder war ja nun weg und Frau Birgit Breuel stellvertretend für die Treuhandanstalt als neue Eigentümerin der Leuna-Werke in Position gebracht. Elf Aquitaine hatte vorgeblich zunächst keinerlei Interesse an der Leuna-Raffinerie und so mischte sich Helmut Kohl ein. Er setzte sich mit seinem französischen Kollegen Francois Mitterrand in Verbindung, der wiederum Elf Aquitaine in die Pflicht für eine Verbesserung der deutsch-französischen Freundschaft nahm, sich gefälligst auf die Ausschreibung der Treuhandanstalt unter Birgit Breuel zu bewerben; die wiederum sollte natürlich dafür sorgen, dass Elf Aquitaine die Ausschreibung auch gewinnt. Hilfreich zur Seite standen ihr dabei der ehemaliger Wirtschaftsminister (1972-1977) Hans Friedrichs (siehe Flick-Parteispendenaffäre). Er verglich und entschied als Vertreter der Investmentbank Gold & Sachs über die Angebote des Elf-Konsortiums und anderer Bieter. Außerdem saß er zu dieser Zeit im Aufsichtsrat bei Minol und im Kontrollgremium von Leuna. Gesagt, getan – Elf Aquitaine aktiviert aus seinem zahlreichen Beraterstab einen ehemaligen Geheimdienstler namens Hubert Le Blanc Belleveaux als Hauptverhandlungsführer. Der wiederum verpflichtet am 21. September 1991 einen weiteren Geheimdienstkollegen aus alten Tagen namens André Guelfi mit seiner Liechtensteiner Firma Nobleplac. Zuvor hatte Le Blanc Belleveaux seinen deutschen Kumpel Dieter Holzer aus Deutschland in Stellung gebracht. Damit auch in Deutschland alles wie geschmiert laufen kann, holte sich Dieter Holzer wiederum die Kohl-Vertraute Agnes Hürland-Büning ins Team, möglicherweise auch auf Anraten von Holger Pfahls, der ja zu diesem Zeitpunkt noch Staatssekretär auf der Hardthöhe war. Nachdem Hürland-Büning als Parlamentarische Staatssekretärin aus dem Verteidigungsministerium ausgeschieden war, schloss Holzer mit ihr am 24.04.1991 einen so genannten Beratervertrag als „Industrieberaterin für internationale Großunternehmen“ ab. Dabei soll die Hälfte ihrer Beraterprovision als „Finder´s Free“ wieder an Delta International abgeführt werden. War dieser Anteil dann für Holger Pfahls gedacht? Immerhin saß Pfahls nach seinem Abschied aus dem Verteidigungsministerium am 10.06.1992 in seiner neuen Beraterfunktion für Daimler-Benz Aerospace AG (Dasa) und Thyssen zusammen mit Dieter Holzer in Bonn am Tisch, als im Kanzleramt Kanzleramtschef Friedrich Bohl mit dem damaligen Elf-Präsidenten Loïk Le Floch-Prigent über Investitionszulagen und Subventionen sprach. Hürland-Büning wiederum biedert sich kurze Zeit später dem Thyssen-Konzern als Beraterin an. Holger Pfahls hatte hier schon gute Erfahrungen in seinem Spürpanzerdeal machen können und nun traf es sich gut, dass Thyssen dem Konsortium TED um den Leuna-Deal beigetreten war. Die Verhandlungen begannen, natürlich zu den bestmöglichen Konditionen für Elf Aquitaine und Thyssen. So forderte man Zuschüsse, Subventionen, Bürgschaften, Preisnachlässe und Sonderkonditionen für Zinsen. Für die politischen Entscheidungsträger aus dem Wirtschafts-, Finanz- oder auch Verkehrsministerium war das alles ein bisschen zu viel des Guten, der Deal drohte trotz Vorverträge, die im Januar 1992, abgeschlossen wurden, zu platzen. Immer wieder musste Dieter Holzer bei Politikern wie dem Finanzstaatssekretär Manfred Carstens oder auch Helmut Kohl schriftlich vorstellig werden, um das Geschäft in die gewünschte Richtung voranzutreiben. Es ging vor allem um die noch immer fehlende Zusage von staatlichen Subventionen in Milliardenhöhe. Am 22.11.1993 richtete Holzer ein Schreiben an einen Mitarbeiter im Kanzleramt, Bernd Pfaffenbach. Darin bat er, einen zusätzlichen Aktionär als Partner für den Neubau der Leuna-Raffinerie zu gewinnen. Diese Bitte soll vom Vorstandsvorsitzenden der Elf Aquitaine Philipp Jaffre an Walther Leisler-Kiep herangetragen worden sein. Tags zuvor hatte eine Besprechung in Kronberg, Hessen mit Leisler-Kiep, Dieter Holzer, Elf-Manager Fred Isoard, Hubert Le Blanc-Beveaux und Bernard de Compret stattgefunden, in dem die Elf-Männer drohten, aus dem Geschäft auszusteigen. Deswegen wäre es unvermeidbar, Kohl nun um Intervention beim französischen Premierminister Edouard Balladur zu bitten. Am 18.02.1994 schrieb Helmut Kohl an Balladur und forderte die Einhaltung der vertraglichen Vereinbarungen von 1992 unter Androhung von rechtlichen Konsequenzen, was eigentlich nicht im Sinne einer diplomatischen Beziehung sein könne. Birgit Breuel hat dabei dem Bundeskanzler beratend zur Seite gestanden und ihn darauf hingewiesen, dass für die Treuhand Schadensersatzansprüche von 800 Millionen DM und für Thyssen von 1 Milliarde DM entstehen würden, von den politischen Schäden gar nicht zu reden, wenn bei der New Yorker Börse bekannt werden würde, welche Mängel der Börsenprospekt von Elf Aquitaine enthalte. Der Brief verfehlte jedenfalls seine Wirkung nicht, denn vier Tage danach setzten sich wieder Elf Aquitaine, Thyssen und die Treuhandanstalt zusammen. Bis dahin müssen schon eine Menge Schmiergelder geflossen sein, man redet von knapp 100 Millionen Mark, die zum Teil auch in die Kassen der CDU gespült worden sein sollen. Letztendlich stieg dann Thyssen nach den Gesprächen aus dem Projekt aus. Hierzu schreibt der FOCUS vom 24.01.2000: „Laut einem Schreiben des Thyssen-Vorstands Ulrich Gruber vom 22. Februar 1994 hatten sich elf und Thyssen auf mindestens 500 Millionen Mark Abfindung geeinigt. Offiziell hatte sich Thyssen dann jedoch angeblich mit nur 55 Millionen Mark Bonus zufrieden gegeben“. Was aber weiter verschwiegen wurde –Thyssen bleibt über seine Tochtergesellschaft Rheinstahl Technik am Baukonsortium TLT beteiligt. Die Zeit „Absahner im Osten“ vom 09.11.2006  schreibt hierzu: „Mit 40 Prozent Anteil am Gewinn nimmt Thyssen sogar eine privilegierte Stellung bei TLT ein.“ Und weiter heißt es in dem gleichen Artikel: „Durch die Beteiligung an TLT kommt Thyssen direkt in den Genuss der zuvor gemeinsam mit Elf beantragten Subventionen. Laut internen TLT-Kalkulationen liegt der prognostizierte Gewinnanteil von Thyssen bei 260 bis 280 Millionen Mark. Zusammen mit der von Thyssen-Manager Gruber erwähnten 55-Millionen-Prämie erreicht der Konzern am Ende ziemlich genau den Betrag, der ursprünglich in der Ausstiegsklausel mit Elf vereinbart war: ein Drittel der Subventionen.“

Auffällig ist auch eine andere Begebenheit, die sich einige Tage vor der Vertragsunterzeichnung im Januar 1992 ereignet hatte. Kurz vor der Unterzeichnung des Kaufvertrags erschien plötzlich ein Vertreter der Versicherungsgesellschaft Gradmann & Holler, um das Milliardenprojekt zum Neubau der Leuna-Raffinerie zu versichern. Gesellschafter dieser Maklerfirma war kein anderer als Walther Leisler-Kiep. Einer der Versicherungsmakler von Gradmann & Holler gab dann an, dass der beabsichtigte Abschluss dieser Versicherungsverträge von Hubert Le Blanc-Bellevaux und dem Elf-Chef Loik Le Floch-Prigent politisch gefördert wurde. Dabei sollte auch die Münchner Allianzversicherung in dieses Geschäft eingebunden werden. Drahtzieher war offensichtlich der Chef der Elf-Aquitaine International, Alfred Sirven aus Genf. Er war auch einer der Schaltstellen für die Provisions- und Schmiergeldverteilungen innerhalb des Leuna-Deals. Er soll weltweit mindestens 450 Millionen DM Bestechungsgelder verteilt haben, so die französische Zeitung „Le Monde“. (Im Zuge der Korruptionsermittlungen um Elf Aquitaine floh Sirven 1997 auf die Philippinen, 2001 wird er schließlich auf dem Frankfurter Flughafen verhaftet. Er starb am 12.02.2005 an Herzversagen.)

Der französische Versicherungsexperte der Elf Aquitaine Pierre Saubestre gab dazu an, dass sich die Versicherungsmakler von Gradmann & Holler auf eine bereits von der Konzernspitze abgesegnete umfangreiche Versicherungs-Vereinbarung im Entwurf beriefen, die von Walther Leisler Kiep und dem Chefunterhändler Hubert Le Blanc-Bellevaux ausgehandelt worden war. Die Berliner Zeitung vom 27.04.2000 „Leuna-Affäre: Exklusiv-Mandat für Kiep-Firma Gradmann & Holler“ schreibt hierzu: „Diesem Entwurf zufolge sollte ein noch zu gründendes Gemeinschaftsunternehmen mit einer Gradmann & Holler-Beteiligung von mindestens 50 Prozent mit dem Exklusiv-Recht ausgestattet werden, sämtliche Versicherungsverträge für die geplante neue Raffinerie in Leuna, den Betrieb der Altanlagen (Zeitz) und alle Minol-Tankstellen zu vermitteln. Auf deutscher Seite sei über diese Regelung der Leuna-Aufsichtsratsvorsitzende, Ex-Dresdner-Bank-Chef Hans Friderichs, und der Leuna-Finanzvorstand lediglich noch zu informieren.“

Wie das Schmiergeldsystem im Hintergrund der Verhandlungen gelaufen ist, wird nun im Folgenden dargestellt.

Die französische Zeitung Le Monde berichtete hierzu bereits am 24.12.1992, dass Elf Aquitaine 256 Millionen Franc – umgerechnet 39 Millionen US Dollar – auf ein Bankkonto der Handelsfinanz-CCF Bank in Genf einbezahlt hatte. Das besagte Bankkonto gehörte wiederum zu André Guelfi´s Briefkastenfirma Nobleplac S.A. Dieses Geld wurde später zwischen Pierre Lethier, bis Ende der 80er Jahre ein Spitzenmann des französischen Auslandsgeheimdienst DSGE, und Dieter Holzer aufgeteilt.

Der Spiegel „Vermutlich bewaffnet“ vom 25.09.2000 schreibt ergänzend: „So sollen am 18. März 1993 3,6 Millionen Mark auf das Konto der Sildon Enterprises bei der Banque International du Luxembourg (BIL) überwiesen worden sein. Am nächsten Tag seien weitere 1,5 Millionen Mark auf ein Konto der BIL gefolgt, diesmal zu Gunsten der „Folden Properties“. Hinter beiden panamaischen Firmen vermuten die Ermittler Pfahls. Insgesamt sollen ihm mindestens sechs Millionen Mark zugekommen sein. Ermittler folgen sogar Hinweisen auf bis zu zehn Millionen Mark.“.

Ausgehend von dem zwischen Elf-Vertreter Andre Guillon (Vermittlung erfolgte über Hubert Le Blanc-Bellevaux) und Andre Guelfis Nobleplac geschlossenen Beratervertrag vom 21.09.1991 wurden rd. 33,9 Millionen US Dollar an eine Firma in Liechtenstein namens „Stand-By Establishment“ weitergeleitet. Treuhänder dieser Firma waren wiederum Werner und Wolfgang Strub, diesmal als Vater-Sohn-Team. Einer der Elf-Manager Andre Tarallo hatte im Rahmen der Ermittlungen erzählt, dass dieses Geld zur Finanzierung deutscher Parteien gedacht war.

5,2 Millionen US Dollar gingen auf ein Schweizer Bankkonto der Firma „Showfast Ltd.“ Geschäftsführer der Showfast Ltd. mit Sitz in London war ein gewisser Axel Wend aus der Schweiz. Die Ermittler haben herausgefunden, dass sowohl hinter der Showfast Ltd als auch hinter der Stiftung „International Finanzanstalt“ in Vaduz, auf deren Konto ebenfalls von Nobleplac Gelder geflossen waren, Dieter Holzer und Pierre Lethier steckten. Von dort wurden die Gelder wieder an zwei weitere Liechtensteiner Stiftungen transferiert, einmal die Delta International von Dieter Holzer und die Stiftung Thais von Pierre Lethier über seine Firma Ernst & Young.

Für seine „Beratertätigkeit“ hatte Andre Guelfi selbst mehr als vier Millionen Dollar eingestrichen. Das Bankkonto von Nobleplac soll 1993 auch von Thyssen genutzt worden sein, denn von dort erhielt Guelfi weitere 20 Millionen US Dollar. Demnach sind alleine auf das Konto von Nobleplac über 60 Millionen Dollar gelaufen.

Hierzu haben ich einen weiteren interessanten Artikel von Spiegel entdeckt („Dossier Leuna“ vom 09.10.2000). Es geht da um einen 17-seitigen Ermittlungsbericht, den der Schweizer Untersuchungsrichter Paul Perraudin seinen deutschen Kollegen zukommen ließ. Darin heißt es u.a.: „Tatsächlich jedoch landeten von Delta-Konten zwischen August 1992 und November 1993 insgesamt über 15 Millionen Mark bei mehreren panamesischen Briefkastenfirmen, deren wirtschaftlich Begünstigter in allen Fällen eben Holger-Ludwig Pfahls war. Alles leicht erklärbar, sagt Holzer nun: Die Überweisungen ständen im Zusammenhang mit dem geplanten Kauf einer Mercedes-Niederlassung in Ostdeutschland, bei dem Pfahls, der inzwischen als Manager zu Daimler gewechselt war, als sein Treuhänder fungiert habe. Das Geschäft sei am Ende nicht zustande gekommen, und deshalb habe Pfahls den hinterlegten Kaufbetrag im Juli 1996 auch wieder brav an ihn zurückgezahlt. Merkwürdig ist nur, dass die Daimler-Zentrale „über Geschäftsbeziehungen zwischen unserem Unternehmen und Firmen aus dem Umfeld des Geschäftsmanns Dieter Holzer“ nach eigenem Bekunden nichts weiß. Und auch Vertrauten aus dem Umkreis des verstorbenen Mercedes-Vorstands Werner Niefer, mit dem Holzer über das Geschäft gesprochen haben will, ist von solchen Verhandlungen nichts bekannt. Zudem glaubt Perraudin nachweisen zu können, dass zumindest 1,5 Millionen Schweizer Franken aus der angeblichen Treuhandsumme wieder bei dem Daimler-Manager landeten. Am 7. August 1996 nämlich erhielt eine Holzer-Stiftung namens Formazione Stiftung von der Bank von Ernst ein Darlehen zu Gunsten von Pfahls. Getilgt wurde die Schuld allerdings, da ist sich Perraudin sicher, durch Gelder von einer der Panama-Firmen. Weitere Darlehen in zweistelliger Millionenhöhe glaubt der Ermittler ausmachen zu können, die nach dem gleichen Muster bedient wurden: Der Betrag besagter Vorschüsse wurde „an noch nicht vollständig identifizierte Drittpersonen überwiesen“. Die Schlussfolgerung, die Perraudin in seinem Bericht an die deutschen Kollegen zieht, ist denn auch eindeutig: Das Gebilde von Offshore-Firmen und Konten, das Holzer und Pfahls nutzten, und die „wirtschaftliche Irrationalität gewisser Geschäfte“ lieferten klare Indizien für den „vermutlichen kriminellen Charakter der untersuchten Gelder“.“

Im Rahmen des Beratervertrags zwischen Hürland-Büning und Dieter Holzer vom 24.04.1991 wurde auf die Schnelle ein Bauprojekt „Europarc Dreilinden“ aus dem Boden gestampft. Südwestlich von Berlin sollte ein Gewerbepark für 700 Millionen DM errichtet werden. Das Planungskonsortium bestand aus der WestLB, Holzmann, der Pariser Bank Societe Generale und Thyssen. Eigenartigerweise hatte Thyssen-Chef Dieter Vogel kurze Zeit später im Jahr 1992 zwei Briefkastenfirmen in der Schweiz gegründet, einmal die Dinafor S.A. (Fribourg) und die Batifex S.A. Als Treuhänder und Teilhaber für beide Firmen fungierten die Briten John Mansfield und John Fotherby.

Agnes Hürland-Büning hatte nach Spiegel-Recherchen („Das Netz der Amigos“ vom 04.10.1999) drei Millionen Mark „Finder´s Fee“ an Holzers Delta International in Monaco überwiesen; somit hätte ihr Gesamthonorar aus dem Beratervertrag mit Thyssen sechs Millionen Mark betragen müssen, was aber nicht der Fall war. Es waren mindestens 8,5 Millionen DM, die sie unter Aufsicht von Dieter Vogel für Beratungsgeschäfte erhielt. Demnach ging nach ihrer eigenen Kostenaufstellung 2,5 Millionen DM als „Finder´s Fee“ an Holzers Delta International für die Vermittlung von Industriekunden und 500.000 Mark waren für das Projekt Leuna bestimmt. Damals wollten die Franzosen vorzeitig aus dem Leuna-Projekt aussteigen, so jedenfalls Hürland-Bünings Erzählung, weil angedacht war, eine Ölpipeline von Wilhelmshafen über den Osten nach Ingolstadt durch das Konkurrenzunternehmen ESSO AG bauen zu lassen. Daraufhin habe sie ihre Beziehungen spielen lassen und Kontakte zwischen Hermann Rappe, dem damaligen IG-Chemie-Vorsitzenden und Thyssen hergestellt. Weitere Gespräche zwischen ihr und dem damaligen Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, Werner Münch haben schließlich zum Erfolg geführt. Das Konkurrenz-Projekt wurde abgesagt. Diese Geschichte kann wohl in die Welt der Fabeln eingeordnet werden. Wofür hatte Agnes Hürland-Büning tatsächlich die zusätzlichen fünf Millionen DM bekommen? Vielleicht, um als Strohfrau für Holger Pfahls zu agieren?

Über Leisler-Kiep und seine Verbindungen gibt ein Artikel von der „Welt“ vom 06.05.2001 „Die private Geldmaschine des Walther Leisler Kiep“ Einblick: „Eine Blitzkarriere: mit 22 Jahren bei der Insurance Company of North America, mit 29 Jahren Hauptbevollmächtigter für Deutschland. Nächste Station: Gradmann & Holler, einer der größten deutschen Versicherungs- und Rückversicherungsgesellschaften mit Sitz in Stuttgart. Aufstieg zum geschäftsführenden Gesellschafter und Beteiligung von 15 Prozent. Clever wie Kiep ist, hat er die Anteile 1990 bei der Übernahme durch die Marsh & McLennan-Gruppe New York gegen deren Aktien getauscht. Marsh & McLennan ist einer der größten amerikanischen Versicherer. Kiep blieb persönlich haftender Gesellschafter bei Gradmann & Holler und wurde gleichzeitig Mitglied eines internationalen Aufsichtsgremiums von Marsh & McLennan. Fortan widmete Kiep nach eigenem Bekunden gut vierzig Prozent seiner Tätigkeit dem Unternehmen in Stuttgart. Blieben ihm also sechzig Prozent für alle anderen Aktivitäten.“

Leisler-Kiep war aber nicht nur auf dem Versicherungssektor aktiv. Bei der Deutschen Bank saß er im Beirat und erhielt einen Posten als Aufsichtsratsvorsitzender des Chemiekonzerns Deutsche ICI. Fuji-Wolfensohn International war auch dabei und so konnte er gleich die Bekanntschaft mit James D. Wolfensohn, dem damaligen Weltbank-Präsidenten machen. Neben zahlreichen anderen Pöstchen rund um Bank- und Industrieunternehmen war er auch noch Aufsichtsratsmitglied in der IABG (Industrieanlagen-Betriebs GmbH) in Ottobrunn und der IBH Holding AG Mainz, dem drittgrößten Baumaschinenhersteller der Welt. Zur IABG Industrieanlagen-Betriebs GmbH gibt es eine interessante Randgeschichte. IABG wurde 1961 von keinem Geringeren als Franz Josef Strauß  als bundeseigene Beratungsgesellschaft für Militär- und Sicherungstechnik gegründet. Erst im Jahr 1993 erfolgte die Privatisierung. Von dieser inzwischen Privatfirma gibt es Niederlassungen in Hamburg, Bonn, Dresden, Potsdam und Wiesbaden. Könnte es also sein, dass Holger Pfahls über diese Beratungsgesellschaft ebenfalls Gelder bekommen hat?

In diesem Zusammenhang sollte auch ein Todesfall aus dem Korruptionssumpf um Leuna genannt werden. Es handelt sich um den CDU-Mann Wolfgang Hüllen, seines Zeichens Büroleiter „Haushalt und Finanzen“ in Berlin, der sich Anfang 2000 angeblich erhängt haben soll.
Man fand zwei Abschiedsbriefe, in einem „gestand“ er, aus der Kasse Geld für sich entnommen zu haben. Es war just der Tag, „an dem die Liste der Zeugen für den Untersuchungsausschuss zur Spendenaffäre aufgestellt wurde.“ (Quelle: Tagesspiegel vom 21.01.2000 „Der CDU-Bürochef litt unter der Trennung von der Familie – aber seine Tat hatte andere Gründe“).
Es wird vermutet, dass Wolfgang Hüllen dem Geldboten und Spendensammler der CDU Hans Terlinden – bereits bekannt durch Geldwäsche über die Staatsbürgerliche Vereinigung (SV) – im Januar 1997 100.000 Mark übergab.

Die Kernfrage bleibt allerdings bestehen – warum war Holger Pfahls bei diesem Geschäft mindestens sechs Millionen, wenn nicht sogar zehn Millionen DM wert? Waren es seine bereits bekannten Verbindungen zu Thyssen in der Spürpanzergeschichte?

Die Augsburger Allgemeine vom 18.09.2011 „Der Fall des Herrn Pfahls“ versuchte zumindest den Verbleib der aus dem Fuchspanzer- und Leunageschäft stammenden Gelder zu eruieren. Demnach soll Pfahls diverse Gelddepots im Ausland versteckt halten u.a. in Moldawien und Norwegen. Seine Moldawische Ehefrau Viorica hat für ein Haus in Sengenthal in der Oberpfalz 100.000 Euro Kredit investiert, die Herkunft der restlichen 97.000 Euro ist unbekannt. Für den Umbau des Hauses hatte Pfahls gleich bar gezahlt. In die Horn Liegenschaft GmbH Herzogenaurach eines Bauunternehmers aus dem Raum Nürnberg soll er eine Millionen Euro investiert haben. 50% der Geschäftsanteile sind als Sicherheit an seine Frau überschrieben worden. Wiederum andere Teile des ergaunerten Vermögens soll Dieter Holzer in Schließfächern in Liechtenstein, der Schweiz oder Österreich verwaltet haben.

Vielleicht sollte man in diesem Zusammenhang noch einmal die bereits abgewickelten Thyssen-Tarnfirmen Dinafor S.A. und Batifex S.A. unter die Lupe nehmen.

Die Deutsche Siedlungs- und Landesrentenbank (DSL-Bank) als halbstaatliches Geldinstitut in Bonn könnte dabei auch eine Rolle spielen. Mittlerweile gehört sie zur Postbank AG. In der Zeit, als der Leuna-Deal lief, hatte das Bundeslandwirtschafts- und Bundesfinanzministerium die Aufsicht über das Geldinstitut. Gleichzeitig hatte das Bundesfinanzministerium auch die Fachaufsicht über die Treuhandanstalt. In Schreibers Kalender tauchten zwei Namen von CDU/CSU-Staatssekretäre auf, mit denen Dieter Holzer auch konferierte, als es um Subventionen und Zuschüsse für das Leuna-Geschäft ging. Dabei handelte es sich um die Staatssekretäre Manfred Carstens (CDU) und Wolfgang Gröbl (CSU)

Andererseits könnte eine der zentralen Schlüsselfiguren Siegfried Lengl und die Hanns-Seidel-Stiftung gewesen sein, indem sie u.a. Dieter Holzer über Holger Pfahls dabei geholfen haben, das verborgene Kontensystem aufzubauen, das für die Provisions- und Schmiergeldzahlungen an deutsche Politiker und Lobbyisten benötigt wurde.

Die TAZ vom 05.02.2010 „Schwarzes Loch DSL-Bank“ schrieb: „Ein für den Leuna-Schmiergeldkreislauf zentrales Firmenkonto des – später in Frankreich verurteilten – Lobbyisten Holzer lag bei der Luxemburger DSL-Dependance. Die Ermittler fanden heraus, dass auch im Schreiber-Komplex ein verdeckter Geldtransfer von mehreren hunderttausend Mark von der Liechtensteiner Holzer-Firma Delta International Establishment nach München 1994 über die DSL Bank in Luxemburg gelaufen war. Und sie wussten, dass Karlheinz Schreiber am 29. Juli 1994 die Holzer-Firma in seinem Kalender notiert hatte: „Maxwell: Delta Int. EST.““

Holger Pfahls gelang es zumindest in diesem Fall, keine nachweisbaren Spuren zu hinterlassen. Vielleicht finden sich aber in dem Parteispendenskandal doch noch Hinweise zu seiner Rolle im Leuna-Geschäft von Thyssen und Elf Aquitaine.

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