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Der SPIEGEL „Die deutschen Dienste sind wie ein Sieb“ vom 26.08.1985 berichtet, wie es zu dem Skandal gekommen war. Anfang August 1985 verschwand plötzlich die Sekretärin vom damaligen FDP-Wirtschaftsminister Martin Bangemann, Sonja Lüneburg. Etwa drei Wochen später tauchte die Buchhalterin beim Bund der Vertriebenen (BdV) Ursula Richter nicht mehr auf und kurze Zeit später wurde auch ihr Freund Lorenz Betzing, damals Kurier beim Bundeswehrverwaltungsamt als vermisst gemeldet. Margarete Höke (Sekretärin im Bundespräsidialamt, angeworben durch den KGB-Agenten Franz Becker), sowie das Ehepaar Herta-Astrid Willner (Kanzleramtssekretärin) und Herbert Willner (Stiftungsreferent der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung) meldeten sich ebenfalls nicht mehr bei ihren westdeutschen Arbeitgebern. Ebenso galt der Chef der Spionageabwehr DDR im Bundesamt für Verfassungsschutz, Hansjoachim Tiedge als vermisst. Er tauchte dann wieder in Ost-Berlin auf und bat dort um Asyl.

So heißt es im o.g. Artikel „Tiedge weiß alles und kennt jeden in der bundesdeutschen Gegenspionage. Anders als in anderen Nachrichtendiensten war der zuständige Experte in Köln durch kein System der Abschottung gegenüber dem Kollegen im Nebenzimmer eingeschränkt: Er wußte alles über die westdeutsche Spionageabwehr, durfte alles über eigene Leute im DDR-Machtbereich erfahren und kann nun drüben all jene DDR-Bürger der Stasi ausliefern, die er selbst oder seine Behörde für Zuträgerdienste angeworben hatte.“

Dabei soll Tiedge bereits lange vorher im Verdacht der Spionage gestanden haben. Mehrfache Warnungen zum Trotz beließ CDU-Mitglied Heribert Hellenbroich Tiedge in seinem Amt. Die o.g. Personen Lüneburg, Richter und Betzing gehörten ebenfalls zu den eingeschleusten DDR-Spionen. Der Fall Tiedge wird mitunter als der schwerwiegendste Spionagefall neben Otto John, Heinz Felfe und Günter Guillaume betrachtet.

Holger Pfahls, der Hellenbroich als Präsident des BfV nachfolgte, wollte angeblich über den aktuellsten Verratsfall erst über die „dpa“ gewusst haben. Interessanterweise ereigneten sich die „Vermisstenfälle“ um Tiedge genau in der Zeit, in der sich Zimmermann (Bundesinnenminister), Schäuble (Kanzleramtsminister), Waldemar Schreckenberger (Geheimdienstkoordinator im Kanzleramt) und Kohl im Urlaub oder auf Dienstreise im Ausland befanden.

Im Rahmen einer ersten Schadensbegutachtung durch den Staatssekretärsausschuss für das geheime Nachrichtenwesen mit Holger Pfahls als Teilnehmer kristallisierte sich der Schaden heraus: „Tiedge kennt alle operativen Details, Fahndungsmethoden, Erfolge wie Mißerfolge der Abwehr. Die Arbeit gegen legale Residenten in den Bonner Ostblock-Botschaften war für Tiedge Routine, Deck- und Klarnamen von Verfassungsschutz-Spitzeln in der DDR und der Bundesrepublik sind ihm geläufig“ Und weiter heißt es im Spiegel, dass er auch im Rahmen der Sicherheitsüberprüfungen von Bewerbern eingebunden war. „Die Kandidaten wurden zuerst in der Abteilung I des Kölner Amtes im „Nadis“-Computer, der gigantischen Datei der Nachrichtendienstler, auf Verdachtsmomente untersucht. Ergaben sich Unklarheiten, landeten die Akten auf Tiedges Schreibtisch; ihm blieb es überlassen, Bedenken zu bewerten. So hatte er es in der Hand, Bewerber entweder zu warnen – oder dafür zu sorgen, daß sie trotz der Nadis-Auffälligkeiten in Schlüsselpositionen einrücken konnten.“ (Quelle: Der SPIEGEL „Die deutschen Dienste sind wie ein Sieb“ vom 26.08.1985)

19 Jahre war Tiedge im Amt bevor er die Flucht in die DDR antrat. Lange waren seine Alkohol- und Fresssucht sowie unsteter Lebenswandel bekannt gewesen. Daneben häufte er einen großen Schuldenberg an. Mit dem Tod seiner Frau infolge eines „Küchenunfalls“ verschlimmerte sich sein Zustand. Zum persönlichen Desaster kamen auch seine drei Töchter dazu, die sich im Drogenmilieu bewegten. Nachdem Tiedge an der entscheidenden Stelle saß, wusste er mit Sicherheit auch über die Neonazi-Szene hüben wie drüben Bescheid.

Gibt es möglicherweise eine Verbindung zu Langemann (siehe auch Teil 4 zur Oktoberfest-Analyse), der von 1973 bis 1982 Leiter der Abteilung Staatsschutz im Bayerischen Innenministerium war und damit auch die NADIS-Abfrage zu Köhler und der WSG Hoffmann veranlasste?

Der Verdacht liegt nahe, da der V-Mann des BfV, Peter Weinmann in die WSG Hoffmann-Strukturen offensichtlich großen Einblick gewonnen hatte, was auch Hansjoachim Tiedge nicht entgangen sein dürfte.

Gibt es dann auch einen Zusammenhang zum Schmücker-Mord und zum Soldatenmord von Lebach? Wusste Tiedge auch über die finanziellen Strukturen der illegalen Parteispenden von Flick und dem Vorlauf zum Milliardenkredit an die DDR Bescheid, z.B. über Sonja Lüneburg, Ursula Richter und Lorenz Betzing?
Die Vermutung liegt auch hier angesichts des langjährigen Einsatzes (19 Jahre im BfV) nahe.

Pfahls jedenfalls kam bei dieser Aktion ungeschoren davon; offensichtlich nahm ihm jeder ab, dass er vom Spionagefall Tiedge erst über eine Agenturmeldung erfahren haben will.

Als neuer Präsident des BfV leitete er so genannte „schadensbegrenzende Maßnahmen zum Schutz der Agenturen ein“. Darunter fielen u.a. die Neufassung der Sicherheitsrichtlinien, das MAD-Gesetz und die Novellierung des Verfassungsschutzgesetzes. (Quelle: Bundesbeauftragter für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik „Aktion „Bumerang“ – Überläufer Tiedge“ vom 15.08.2015)

Ein weiterer Maulwurf der Stasi innerhalb des BfV, Klaus Kuron, konnte indes noch weiterhin ungestört im BfV als Spezialist der Spionageabwehr Informationen abfließen lassen. Er hatte sich 1981 dem MfS angeboten und leistete dort bis 1989 zuverlässige Dienste für die Stasi und wahrscheinlich auch für den KGB.

Mielkes Operation „Bumerang“ war also ein voller Erfolg, wie man so schön sagt, denn mit Tiedge, Kuron und Co gewann die Stasi nicht nur detaillierte Einblicke in die politische Führung und operative Arbeitsweise des BfV, sondern konnte auch das Abwehrsystem der BRD aufklären sowie alle Doppelagenten des BfV enttarnen.

Wie kam es aber, dass so viele Stasi- und KGB-Maulwürfe quasi über Nacht im Sommer des Jahres 1985 die Flucht in den Osten antraten?

Offensichtlich hing das mit einem weiteren Spionagefall zusammen, der sich in London zutrug.
Oleg Antonowitsch Gordijewski, KGB-Resident von London, war zu den Briten übergelaufen, nachdem ihn die Russen bereits im Mai 1985 wegen des Verdachts auf Spionage verhört hatten. Im Juli verhalf ihm dann der britische MI6 zu einer Flucht, die über Finnland und Norwegen nach Großbritannien führte. In diesem Kontext mussten die Russen befürchten, dass ihr Spionagenetz auffliegt und warnten wahrscheinlich auch ihre besten Quellen über das MfS in der BRD vor.

Angesichts der engen Kontakte zwischen Strauß, den März-Brüdern, der Hanns-Seidel-Stiftung und Simon Goldenberg von F.C. Gerlach dürfte Holger Pfahls also umfassend über die verborgenen Strukturen des DDR-Devisenbeschaffers Schalck-Golodkowski, die Ermittlungsschwerpunkte im Staatssicherheitsdienst des Herrn Langemann und des LfV Bayern informiert gewesen sein.

Für mich jedenfalls ist es schwer vorstellbar, dass Holger Pfahls nicht über die Vorgänge um Hansjoachim Tiedge informiert gewesen war.

Über seine Zeit als Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz ist nicht viel bekannt, aber ich möchte doch aus dieser Periode ein paar „Highlights“ aufführen, die in den Zuständigkeitsbereich von Holger Pfahls fielen.

Zu diesem Zeitpunkt hatte nämlich die vorgeblich „zweite Generation der RAF“ in Deutschland zugeschlagen.

Am 09.07.1986 wurde das Siemens-Vorstandsmitglied Prof. Dr. Karl Heinz Beckurts in Straßlach bei München in Folge eines Sprengstoffanschlags getötet.

Am 24. Juli 1986 erfolgte ein Sprengstoffanschlag auf das Gebäude des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnik in Aachen.

Am 11. August 1986 fand ein Sprengstoffanschlag auf Einrichtungen des Bundesgrenzschutzes in Swisttal-Heimerzheim statt.

Am 13. August 1986 flog der Firma Fanal-Westinghouse in Wuppertal eine Bombe um die Ohren

Am 8. September 1986 blieb auch das BfV in Köln selbst nicht verschont, wobei bei diesem Sprengstoffanschlag zwei Personen leicht verletzt wurden.

Am 10. Oktober 1986 wurde der Ministerialdirektor im Auswärtigen Amt Dr. Gerold von Braunmühl vor seiner Wohnung in Bonn-Ippendorf von zwei unbekannten Tätern erschossen.

Dann folgte am 19. Dezember 1986, ebenfalls in Köln ein Sprengstoffanschlag auf das Gebäude der Deutschen Entwicklungsgesellschaft (DEG).

Den Abschluss des Jahres 1986 bildete dann ein Sprengstoffanschlag am 21. Dezember auf das Gebäude des Kurt-Schumacher-Bildungszentrums der Friedrich-Ebert-Stiftung.

Dafür, dass es ziemlich oft in Nordrhein-Westfalen krachte, hielt sich Holger Pfahls erstaunlich auffällig im Hintergrund. Das verwundert umso mehr, weil sich zu den Mordanschlägen auf Karl-Heinz Beckurts und Gerold von Braunmühl ein „Kommando Mara Cagol“ bzw. ein „Kommando Ingrid Schubert Rote Armee Fraktion“ bekannten. Nach dem Deutschen Herbst 10 Jahre zuvor hätten doch gerade beim BfV die Ohren klingeln müssen. Tat es aber offensichtlich nicht, denn die Mörder von Beckurts und von Braunmühl wurden nie gefasst.

Für die Sprengstoffanschläge zeichnete sich jedenfalls eine „Illegale Militante“ oder auch „Kämpfende Einheit“ verantwortlich, „wobei die Schreiben, in denen sie sich ihrer Taten bezichtigten, in Inhalt und Diktion den Selbstbezichtigungen der RAF entsprachen. Dabei nahmen sie mehrfach auch Namen von getöteten ausländischen Terroristen in die Gruppenbezeichnungen auf, um damit offenbar ihre Solidarität im Rahmen der von der RAF propagierten „revolutionären Front in Westeuropa als Abschnitt im internationalen Befreiungskrieg“ zu bekunden und die Entwicklung dieser Front zu fördern.“ (Quelle: http://www.rafinfo.de/archiv/vs/vs-86.php aus dem Verfassungsschutzbericht 1986).

Nach der Bundestagswahl im Januar 1987 sowie dem vorzeitigen Rücktritt Willy Brandts von seinem SPD-Parteivorsitz schlich sich Holger Pfahls im April 1987 auch gleich wieder aus seinem Amt hinaus.
Auf Vorschlag von Franz Josef Strauß wurde Pfahls als beamteter Staatssekretär ins Bundesverteidigungsministerium unter dem damaligen Verteidigungsminister Manfred Wörner von der CDU eingesetzt.

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