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Die Einzeltätertheorie

Köhlers erste Kontakte mit der WSG-Hoffmann
Zunächst einmal wäre die Frage zu klären, wie Gundolf Köhler zu dem Kontakt mit der Wehrsportgruppe Hoffmann gekommen ist. In den 70er und 80er waren Handys, Smartphones und Internet noch nicht öffentlich zugänglich. Zu dieser Frage gibt der SPIEGEL-Artikel “Im rechten Netz” vom 24.10.2011 Auskunft. Darin heißt es, dass Gundolf Köhler bereits mit 14 über den Besuch von Landesparteitagen und Wahlveranstaltungen mit der NPD in Kontakt kam. Köhler galt weiterhin als leidenschaftlicher Sammler von Reliquien aus der NS-Zeit. Außerdem nutzte er den Schießsportverein, um den Umgang von Waffen zu üben. In dieser Phase hatte er offensichtlich in Donaueschingen eine freundschaftliche, vielleicht auch homoerotische Beziehung zu einem der rechten Szene Nahestehenden aufgebaut, der um einiges älter war als er. Möglicherweise könnte es sich hier um Fridolin Heizmann handeln, der ebenfalls aus Donaueschingen kam. Laut dem Blog “The Prenzlauer Berg” von 2010 „Die Wehrsportgruppe Hoffmann und das Oktoberfest-Attentat“ war Fridolin H. zum Zeitpunkt des Oktoberfestanschlags 29 Jahre alt. Er befand sich in psychiatrischer Behandlung in einer Klinik wegen Schizophrenie. Er habe laut seiner Aussage gegenüber den Ermittlungsbeamten noch am Tag vor dem Anschlag mit Gundolf Köhler Kontakt in München gehabt. Zu Gundolf Köhlers engerem Freundeskreis gehörten noch Bernd Kasper, der ebenfalls an einer schizophrenen Psychose gelitten hatte und der Jurastudent Erich Lippert. Bei seiner Vernehmung behauptete Fridolin H., mit Köhler eine homosexuelle Beziehung gepflegt zu haben. Könnte Gundolf Köhler über Fridolin H., der mal selbst in einer Beat-Gruppe namens Burning Flash aus Donaueschingen Bass spielte, dann auch auf die WSG-Hoffmann aufmerksam gemacht worden sein? Diese Beat-Gruppe ist im Übrigen noch heute aktiv und tingelt durch den gesamten Schwarzwald. Fridolin H. hatte durch Langemanns Indiskretionen gegenüber der Presse hinsichtlich der namentlichen Nennung des mutmaßlichen Attentäters Gelegenheit gehabt, vor seiner ersten Vernehmung am 06.10.1980 sein Tagebuch zu vernichten und so konnte auch nicht mehr geklärt werden, wo Fridolin H. am Tattag und zum fraglichen Zeitpunkt der Explosion tatsächlich gewesen war. Im o.g. Spiegel-Artikel wird dann weiter ausgeführt, dass Köhler Mitglied der “Wiking-Jugend” war, die nach dem Vorbild der SA uniformiert auftrat und “Gauführer” als Gruppenleiter ihrer mehrere hundert Mann starken Mitgliedergemeinschaft einsetzte. Als “reichstreue Jugend” übten sie an Waffen, Sabotageakten mit Bomben und Nahkampf mit so genannten “Linken” und Antifaschisten. Leider versäumte es die Münchner Polizei, Köhlers Mitgliedausweis der “Wiking-Jugend” bei der ersten Hausdurchsuchung mitzunehmen. “Da ich diese Organisation (Vikingjugend) nicht kannte, schenkte ich diesem Ausweis keine Beachtung. Ich hielt diese Ausweise für eine Sammelei und Spielerei des Gundolf Köhler”, so der Einsatzleiter der “Soko Theresienwiese” in einem Vermerk. (Quelle: SPIEGEL-Artikel “Im rechten Netz” vom 24.10.2011). Erst zwei Wochen später wurde bei einer weiteren Hausdurchsuchung der Ausweis beschlagnahmt, aber offensichtlich in die laufenden Ermittlungen nicht mehr miteinbezogen; damit unterblieben weitere Fahndungen im Umfeld der Wiking-Jugend. Interessant an diesem Artikel ist, dass der Militärische Abschirmdienst (MAD) zwei Schreiben zwischen Köhler und Karl-Heinz Hoffmann abgefangen hatte, die bis heute nicht der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden. Auch der baden-württembergische Verfassungsschutz hatte Köhler bereits im Visier, lange vor dem Oktoberfest-Attentat. Er war nach den Unterlagen des LfV Baden-Württemberg in zwei Listen der WSG 1977 und 1979 als Mitglied erfasst. Und auch die Polizei wusste von Köhlers Mitgliedschaft in der Wiking-Jugend und seine Kontakte mit der WSG-Hoffmann. Hinweise dazu fanden sich ebenfalls anhand der Mitgliederlisten im rechten Milieu. Odfried Hepp war selbst in der Wiking-Jugend organisiert. baute eine “WSG Schlageter” auf und bestreitet selber nicht, Gundolf Köhler persönlich gekannt zu haben. Allerdings ließ er offen, wie gut er Köhler kannte. Es könnte also durchaus auch die Möglichkeit bestehen, dass Gundolf Köhler über Odfried Hepp an die “WSG Hoffmann” herangeführt wurde. Aus den Ermittlungsakten geht hervor, dass Köhler nur bis 1976 Verbindung zur WSG-Hoffmann hatte, was damit die Glaubwürdigkeit von Karl-Heinz Hoffmann unterstreicht, er habe Köhler kaum gekannt. Köhler, so ist jedenfalls öffentlich bekannt geworden, war zumindest auf einer Wehrsportübung in Anwesenheit von Karl-Heinz Hoffmann dabei. Er wurde sogar von seinen eigenen Eltern dorthin gebracht und auch wieder abgeholt. Neben Wiking-Jugend und WSG-Hoffmann hatte er aber im späteren Verlauf auch Kontakt zu Axel Heinzmann, dem Anführer des rechtsradikalen “Hochschulring Tübinger Studenten” (HTS) gehabt. Er war damals Geologie-Student in Tübingen. Den Kontakt zu Heinzmann hatte offensichtlich Karl-Heinz Hoffmann bei einem der Schriftverkehre vermittelt, als Köhler ihn wegen dem Aufbau einer eigenen WSG in seinem Umkreis ansprach. Axel Heinzmann ist mittlerweile NPD-Anhänger, damals war er aber noch ein junger CDU-Politiker. Heinzmann sollte Köhler beim Aufbau einer Wehrsportgruppe helfen, so hatte es Hoffmann in einem Brief an seinen jungen Schützling empfohlen. Köhler kam damit auch in Berührung der CSU-nahen “Aktionsgemeinschaft Vierte Partei”, die eine bundesweite Ausdehnung der Christsozialen zum Ziel hatte. Es wurden gemeinsame Tagungen mit NPD-Funktionären und Bundestagsabgeordneten der CSU, darunter auch mit dem damaligen außenpolitischen Sprecher der Partei, Hans Graf Huyn, abgehalten. In diesem Zusammenhang fanden auch Afrika-Seminare statt, bei denen man die Bekämpfung des Kommunismus zum Thema machte. In diesem Punkt schienen sich Neonazis und CSU-Mitglieder wie auch CSU-Anhänger einig zu sein. “Unsere Freiheit wird am Kap verteidigt”, lautete denn auch ein Tagungsmotto (Quelle: SPIEGEL “Im rechten Netz” vom 24.10.2011). Gemeinsam unternahmen NPD- und CSU-Politiker Ende der 70er Jahre Reisen ins südliche Afrika. Im Spiegel “Im rechten Netz” vom 24.10.2011 heißt es, dass Edmund Stoiber, damals Generalsekretär seiner Partei, 1981 für die CSU-Reisen “mit einer Reihe interessanter Gesprächspartner”” warb und CSU-Vorsitzender Strauß bei anderer Gelegenheit erklärte: “Mit Hilfstruppen darf man nicht zimperlich sein”, mögen sie noch so sehr reaktionär sein. Köhler schien am 4. Dezember 1976 bei einer Prügelei anwesend gewesen zu sein, bei der etwa 200 Antifaschisten versuchten, ein Neonazi-Treffen zu verhindern. Jedenfalls brüstete er sich damit vor seinen Freunden. Hoffmann, der offensichtlich ebenfalls bei der Schlägerei dabei war, gab anschließend ein Flugblatt mit der Überschrift “Muss Blut fließen?” heraus und verkündete dort stolz, dass er und seine Anhänger in wenigen Minuten sieben Linke “krankenhausreif” geschlagen und “viele andere verletzt” hätten. (Quelle SPIEGEL “Im rechten Netz” vom 24.10.2011).

Kontakte seitens Köhler bestanden auch zu Arndt Marx (vormals WSG-Mitglied, nach einem heftigen Streit mit Hoffmann im Libanon kam es aber zum Bruch mit der WSG), Helmut Dieterle (Gauführer der Wiking-Jugend Schwaben) und Uwe Behrendt (WSG-Mitglied, später angeblicher Selbstmord im Libanon).

Komisch finde ich in diesem Zusammenhang eine Frage des CSU-Bundestagsabgeordneten Fritz Wittmann, die er an den damaligen Generalbundesanwalt Kurt Rebmann bei einer Sitzung des Rechtsausschusses am 17.03.1981 richtete, ob Gundolf Köhler aus der DDR gekommen sei, was Bundesinnenminister Baum bestätigte mit dem Zusatz, dass es keine Erkenntnisse dazu geben würde, Gundolf Köhler wäre eingeschleust worden (siehe Spiegel-Artikel „Ich habe gedacht, das wächst raus“ vom 29.06.1981). Wie kommt Wittmann auf diese Frage, zumal Gundolf Köhler nach offiziellen Berichten 1959 in Schwenningen geboren wurde? Hängt das vielleicht damit zusammen, dass Axel Heinzmann aus der ehemaligen DDR stammte wie auch Uwe Behrendt oder Karl-Heinz Hoffmann? Hatte er da schon einen gewissen Verdacht, der Richtung STASI gehen könnte? Der Spiegel („Ich habe gedacht, das wächst raus“ vom 29.06.1981) schreibt bezugnehmend auf die Sitzung des Rechtsausschusses weiter: „Alfred Dregger erkundigte sich beim Bundesinnenminister über die Beziehungen der Wehrsportgruppe Hoffmann zur PLO, weil ja die PLO “als Instrument für den KGB” geeignet sei, auch Rechtsextremisten in Deutschland zu unterstützen.“

Dieser Hinweis ist umso bemerkenswerter, weil Strauß nach dem Anschlag gegenüber der Presse öffentlich erklärte, dass er so ein Attentat durchaus Gaddafi, der Stasi oder dem KGB zutrauen würde. Hatte Strauß einfach nur herumfabuliert oder ahnte er zumindest bereits, wer die Strippenzieher dieses Anschlags tatsächlich waren?

Gundolf Köhler und Homosexualität
Wie zuvor schon erwähnt, hatte Fridolin H. selbst gegenüber der Polizei erwähnt, er hätte mit Gundolf Köhler homosexuelle Beziehungen gepflegt. Ulrich Chaussey wiederum weiß zu berichten, dass der Hauptbelastungszeuge Frank Lauterjung ebenfalls eine homosexuelle Veranlagung hatte und von Köhler als den “Wuschelkopf” sprach, obwohl Köhler zum Zeitpunkt des Anschlags kurzgeschnittene Haare hatte. Zudem gab er bei seiner Zeugenvernehmung zu, dass er sich am Brausebad herumgedrückt hätte, weil das ein bekannter Treffpunkt von Homosexuellen sei und er nach einer Bekanntschaft Ausschau gehalten habe. An dieser Stelle ist zu beachten, dass Hans Georg Langemann bereits 1955 eine Dissertation “Homosexualität und Staatsgefährdung” geschrieben hatte. Ein Jahr später verfasste er eine Studie “Das Attentat – eine kriminalwissenschaftliche Studie zum politischen Kapitalverbrechen”. Sind das alles nur Zufälle oder steckt hier eine Systematik?

Weiterhin ist interessant, dass Lauterjung von 1964 bis 1966 selbst Mitglied der NPD war, angeworben von Franz Florian Winter. An dieser Stelle ist es jedenfalls wert, folgende Mosaiksteine heranzuziehen, die im Spiegel von 1968 zu Franz Florian Winter (“Für Toni” von 16.12.1968, Nr. 51/1968) und dann 2010 (Spiegel-Bericht vom 13.09.2010 „Die Briefe des Zeugen“) zu finden sind:

Franz Florian Winter war Metzgermeister aus Tegernsee, stv. Bundesvorsitzender der NPD und Vorsitzender der Bayern-NPD. Er galt als Aushängeschild der bayerischen NPD. Das änderte sich aber, als er ein Buch mit dem Titel “Ich glaubte an die NPD” geschrieben hatte und gedachte, dies auch zu veröffentlichen. Darin beschuldigte er u.a. den Bundesvorsitzenden der NPD Adolf von Thadden, die zentrale Mitgliederkartei der NPD gegen Honorar dem MfS übergeben zu haben. Außerdem behauptete er, dass von Thadden und Karl Schütz (Inhaber Deutsche Verlagsgesellschaft Rosenheim) Verbindungsmänner und gleichzeitig Köpfe der südafrikanischen NPD-Gruppe seien. NPD-Anwalt Dr. Wolfgang Huber beantragte daraufhin beim Landgericht München eine einstweilige Verfügung gegen die Veröffentlichung, der nur zum Teil stattgegeben wurde. Es wurde verfügt, dass Franz Florian Winter den Passus mit der südafrikanischen NPD-Gruppe herausnehmen muss und den Satz, der sich auf die Übergabe der Mitgliederkartei an die Staatssicherheit der DDR gegen Bezahlung bezieht, anders zu formulieren habe. Am 01. November 1966 trat Franz Florian aus der NPD aus. Zuvor hatte es wohl schon diverse Scharmützel mit der NPD-Parteispitze gegeben. In einem Rundbrief an seine bayrischen Parteigenossen teilte er zum Beispiel mit: “Ich will nicht mitverantwortlich sein, daß unsere Nation noch einmal von gottlosen Fanatikern beherrscht und ins Unglück gestürzt wird.”

Sein Schützling Frank Lauterjung folgte ihm schnell nach. Offensichtlich hatte man bei ihm nach seinem Tod Briefe gefunden, aus denen hervorgeht, dass er beim rechtsextremen Bund Heimattreuer Jugend (BHJ) eine leitende Funktion hatte, indem er dort als „Zweiter Bundesführer“ und „Standortführer“ fungierte. Nachdem Lauterjung in die Fußstapfen seines Mentors Florian Winter trat und in einem Leserbrief der NPD „aufgewärmten Gefühlsnationalismus“ vorgeworfen hatte, schmiss ihn der BHJ raus. Dabei dürfte wohl auf beiden Seiten mit der Veröffentlichung des Leserbriefs ein Vorwand geschaffen worden sein, um den Rauswurf von Lauterjung auf beiden Seiten zu rechtfertigen. Einige BHJ-Mitglieder vermuteten schon lange, dass Lauterjung ein Spitzel des Verfassungsschutz sein könnte.

Schnell wechselte Frank Lauterjung die Seiten und trat dem Sozialistischen Deutschen Studentenverband (SDS) bei. 1967 verlagerte er seinen Wohnsitz nach Westberlin und wurde prompt im Zuge der Studentenrevolte anlässlich der Ermordung von Benno Ohnesorg durch den Polizisten Karl-Heinz Kurras verhaftet und wegen Landfriedensbruch, Rädelsführerei und Widerstand gegen die Staatsgewalt zu einer Strafe von neun Monaten auf Bewährung verurteilt. Wie sich später herausstellte, war Karl-Heinz Kurras ein MfS-Mann, der bei der Stasi unter dem Decknamen Otto Bohl geführt wurde. Anfang der 70er Jahre kam er wieder nach München zurück und arbeitete als Sozialhelfer in einem Wohnheim für Strafentlassene. Dort gab es wegen seiner homosexuellen Neigung aber bald Ärger und so wechselte er seinen Beruf und arbeitete als Hotelkaufmann. Er schloss sich in dieser Zeit einer christlichen Sekte der Charismatiker an. Angesichts seiner vielschichtigen Vita, insbesondere, was seine zahlreichen Mitgliedschaften in diversen Aktionsgruppen betrifft, dürfte es nahe liegen, dass Frank Lauterjung zum Zeitpunkt des Oktoberfestattentats ebenfalls als V-Mann des LfV Bayern oder vielleicht sogar auch des LfV Berlin geführt wurde.

An dieser Stelle sollte der Blick auch auf einen anderen Vorfall Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre gerichtet werden. Es geht um den Soldatenmord von Lebach:

Aus der Reihe „Die großen Kriminalfälle“ lief ein Beitrag über die Soldatenmorde von Lebach im Saarland. Der Spiegel berichtete hierzu ebenfalls in seinem Artikel vom 15.02.1969 „Der dritte Mann“):

Am 19.01.1969 brachen zwei von später drei ermittelten Tätern in das Munitionsdepot Langenweiler bei Lebach ein und töteten vier Soldaten. Ein Soldat wurde schwer verletzt, überlebte aber diesen Anschlag. Das Munitionsdepot gehörte zum 261. Fallschirmbataillon der Bundeswehr. Im weiteren Verlauf wurden 1 Kiste Gewehrmunition, 2 G-3-Gewehre, 2 Bundeswehrpistolen und 2 Kontrollbücher entwendet. Die Ermittlungen leitete der BKA-Mann Karl Schütz, wobei viele Spuren vernichtet wurden, wie im weiteren Verlauf der LKA-Beamte Nikolaus Winkel feststellen musste. Obwohl einer der Täter zuvor seinen Wehrdienst in Langenweiler ableistete (wie sich später herausfand, war es Fuchs, der vom 01.04.1967 bis zum 30.09.1968 als Wehrpflichtiger beim Fallschirmjägerbataillon 261 in Lebach diente), fand man in den entsprechenden Unterlagen der Bw keinen Hinweis darauf. Interessant ist, dass in diesem Fall der damalige Oberstaatsanwalt von der Generalbundesanwaltschaft Karlsruhe, Siegfried Buback, ermittelte, der schließlich selbst als Generalbundesanwalt 1977 ein Opfer der RAF-Anschläge wurde. So stützten sich zunächst die Ermittlungen auf die Angaben des einzigen Überlebenden, Reinhard Schulz. Eine der Tatwaffen war eine P38, die – wie sich später herausstellte – ein Täter bei einem Manöver in Baumholder mitgehen hat lassen. Bei dem Täter handelte es sich um Hans-Jürgen Fuchs, einem Bankkaufmann und Dolmetscher für Spanisch und Französisch sowie Sohn eines Landauer Süßwarenherstellers. Die zweite Tatwaffe war eine Pistole der Marke Schmeisser. Diese hatte der andere Täter, Justizangestellter beim Landauer Landgericht Wolfgang Ditz aus der Asservatenkammer entwendet. Sie wurde 1968 von der Polizei von Winzer Gustav Lidy aus Frankweiler eingezogen und ans Gericht geschickt. Dort aber verschwanden plötzlich Pistole und Munition aus dem abgeschlossenen Stahlschrank. Die aus dem Munitionsdepot erbeuteten Waffen vergrub man in einem Waldstück bei Silz. 1967 ereignete sich schon einmal ein Einbruch in einer Bundeswehrkaserne. In diesem Fall versuchte man die Tat, den Linken aus der APO und SDS in die Schuhe zu schieben. Dazu erfand man die Legende eines Flugblattes, das die SDS am 13.04.1968 an die Beteiligten des Ostermarsches verteilt haben soll. Darin stand angeblich, dass man zur Fa. Röchlingen aufmarschieren und die Waffenlager der Bundeswehr um Saarbrücken zerstören sollte. Das Flugblatt wurde nie gefunden. Wie sich später herausstellte, handelte es sich bei allen drei Tätern um Homosexuelle, die nach dieser Aktion eine bundesweite Erpressung starten wollten, um mit dem erpressten Geld gemeinsam in die Südsee auf einer Jacht auszuwandern. Dazu suchten sie sich Prominente aus Wirtschaft und Gesellschaft aus. Anfang Februar gingen bei der BILD- und SPIEGEL-Redaktion zwei anonyme Briefe ein mit zwei Blättern des Depot-Kontrollbuches aus Lebach.

Interessant an dieser Geschichte ist, dass Langemann bereits eine Abhandlung über Homosexualität und Staatsgefährdung geschrieben hat. Gibt es hier vielleicht einen Zusammenhang, der zum BND und Stay-Behind-Operationen führen könnte? Könnte es sich vielleicht auch um eine Aktion aus dem Bereich der Gedankenkontrolle (MK-ULTRA) zur Ausbildung von Manchurian Kandidaten handeln?

Fest steht, dass zwei Wochen nach der Tat die drei nach München gefahren sind und dort versuchten, den damaligen bekannten Finanzmakler Rudolf Münemann zu erpressen, der später eine Pleite von 380 Millionen Mark hinlegte. Da Münemann sofort zur Polizei ging, scheiterte dieser Erpressungsversuch. Kurz darauf wurde die bekannte Wahrsagerin Margarete Goussanthier alias Buchela die Pythia aus Bonn, wohnhaft in Remagen ins Visier genommen. Einer der Täter benutzte in seinem Brief wie schon beim Erpresserbrief an Münemann den Namen Dr. Sardo, der schließlich auch auf die richtige Spur und letztendlich am 25.04.1969 zur Verhaftung der Täter führte. Im Juni 1970 begann der Schauprozess in der Kongresshalle von Saarbrücken und wurde ähnlich geführt wie schon im Fall Vera Brühne aufgrund der sexuellen Verstrickungen dieser drei Angeklagten. Am 07.08.1969 erging das Urteil, wonach der Zahntechniker Gernot Wenzel eine 6-jährige Haftstrafe und Hans-Jürgen Fuchs sowie Wolfgang Ditz jeweils lebenslänglich bekamen. Gernot Wenzel wurde bereits Mitte der 70er Jahre wieder entlassen, Hans-Jürgen Fuchs wurde 1990 wieder freigelassen. Einzig Wolfgang Ditz ist bis heute in Haft, weil ihm die notwendige Einsicht seiner Tat fehle. Gemäß einem Spiegelartikel vom 15.02.1969 „Der dritte Mann“ wundern sich Richter und Staatsanwälte in Landau über ihren einstigen Mitarbeiter Wolfgang Ditz, den geständigen Täter, dass er zu so einer Tat überhaupt fähig sein soll, denn immer, „wenn der Gerichtsschreiber [Anm.: Wolfgang Ditz] Makabres – – etwa die Sektion einer Leiche protokollieren sollte, habe er sich von einem Kollegen vertreten lassen. Ditz habe „kein Blut sehen“ können, im Sezierraum sei ihm „immer schlecht“ geworden“. (Quelle: Der Spiegel, „Der dritte Mann“ http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-45741420.html)

Auch der Mainzer Kriminologe, Professor Armand Mergen, vermutet ganz andere Gründe; welche, kann er jedoch selbst nicht sagen. Interessanterweise machte er gegenüber Spiegel – scheinbar aus dem Zusammenhang gerissen – folgende Bemerkung: „Einen Kausalzusammenhang zu sehen zwischen der Tat und der Homosexualität der Täter“ sei „völliger Blödsinn“. Und weiter heißt es seitens Prof. Dr. Friedrich Geerds, Direktor des Instituts für Kriminologie an der Frankfurter Universität: „Unter Homosexuellen gibt es ebenso viele Gewalttäter wie unter normal Veranlagten aus dem Angler- oder Kleingarten-Verein.“ Inzwischen hatte die Kripo weitere Verbrechen in der Umgebung untersucht, die möglicherweise den Tätern zugeordnet werden könnten: Am 08.06.1965 verübte ein als Frau verkleideter Mann mit einer blonden Perücke und weißem Kittel in der Kreis- und Stadtsparkasse Landau einen Raubüberfall, bei dem er dem Hauptkassierer Georg Pausch den Schädel einschlug. Lebach-Täter Hans-Jürgen Fuchs hatte bis 1962 in dieser Sparkasse gearbeitet. Eine Woche später, am 16.06.1965 überfielen zwei Täter einen Friseurladen in Niederhochstadt (Kreis Landau). Ein Täter hatte rötliches Haar und war 1,80 Meter groß. Sie flüchteten mit einem roten Kleinwagen. Die Beschreibung passt auf Ditz. Und zu dieser Zeit fuhr er einen roten 600er BMW. In der Nacht zum 17.06.1965 wurde die Zweigstelle der Kreis- und Stadtsparkasse in Niederhochstadt überfallen. In einem Wertfach einer Landauer Bank waren 1966 Juwelen und Kunstgegenstände aufgetaucht, die aus einem Museum in Madrid gestohlen worden waren. Ditz hatte sie deponiert. Im Verhör gab er an, er habe die Sachen von Fuchs erhalten, Fuchs wiederum behauptete, er habe die Juwelen in der Schweiz gekauft. Die Polizei glaubte das damals. Zum Schluss wurde Ditz von der Kripo gebeten, eine schriftliche Stellungnahme abzugeben. Die Stellungnahme von Ditz, getippt auf einer Maschine des Amtsgerichts, ist typengleich mit dem Erpresserbrief an Münemann.

Und noch eine Merkwürdigkeit zu diesem Fall: Dem Landgerichtspräsident von Landau, Walter Thomas war sechs Wochen nach dem Lebacher Überfall , am 04.03.1969 eine innerdienstliche Verlustanzeige auf den Tisch gekommen: Im Asservatenschrank des Amtsgerichts fehlte schon seit Monaten eine Pistole vom Typ Schmeisser 6,35. Beim Aktenstudium will sich Thomas dann daran erinnert haben, dass am 21.01.1969 im Fernseher nach einer Schmeisser gefahndet wurde. Er rief daraufhin alte Kollegen bei der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe an. Beamte der Sonderkommission, die wenig später im Landauer Gerichtsgebäude Ermittlungen anstellten, kamen aber nicht auf den Namen des Protokollführers Wolfgang Ditz, der kurz vor dem 20.01.1969 sein Beamtenverhältnis bei Gericht gekündigt hatte. So gab der damalige Oberstaatsanwalt Buback zu bedenken: „Eine der Merkwürdigkeiten bei der ganzen Fahndungsaktion ist, dass wir damals auf dieser Spur nicht weiterkamen.“ Erst nach der Aktenzeichen XY-ungelöst Sendung wurde die Spur Ditz heiß, denn die bereits erwähnte Wahrsagerin Buchela hatte mehrmals Besuch von zwei jungen Männern erhalten, die angaben, von der iranischen Botschaft in Köln-Marienburg geschickt worden zu sein, um für Fürstin Eva Esfandiary, Exkaiserin Sorayas Mutter, einen Blick in die Zukunft zu werfen. Sie hatte sich damals die Autonummer notiert und übergab diese schließlich Buback. So konnte Wolfgang Ditz identifiziert werden. Der Erpresserbrief an Münemann wurde auf der Olympia-Electric des Landauer Amtsgerichts getippt, und zwar noch vor der Entlassung von Ditz und vor dem Überfall. Der Brief selbst wurde dann am 14.02.1969 in Noli bei Genua aufgegeben. Der Generalbundesanwalt (seiner Zeit Martin), der eigentlich auf die Strafverfolgung politischer Täter beschränkt ist, konnte die Ermittlungen in Lebach nur deshalb an sich ziehen, weil unmittelbar nach dem Überfall die Beteiligung eines ausländischen Geheimdienstes ebenso wenig auszuschließen war wie ein Terrorakt radikaler Gruppen oder eine gezielte „Wehrmittel-Sabotage“. Und Bundeskanzler Kiesinger wurde ebenfalls vom Fahndungserfolg durch Buback und Martin unterrichtet. Interessanterweise wurde dieser Fall von Lebach als Anlass genommen, im Innenausschuss des Parlaments erneut über eine Änderung des BKA-Gesetzes zu beraten. Bundesanwalt Felix Kaul hierzu: „Generalbundesanwalt Martin hat seit Jahren die Notwendigkeit betont, dass ihm eine zentrale Polizeibehörde mit vollen Exekutivbefugnissen zur Verfügung stehen muss.“ Zu diesem Zeitpunkt konnte das BKA nur dann tätig werden, wenn der Bundesinnenminister in Wahrung seines Ausnahmerechts den BKA-Fahndern aus „schwerwiegenden Gründen“ Exekutivbefugnisse übertrug, die normalerweise sonst nur den Polizeibehörden der Länder zustehen.

Köhler und die Wehrdienstzeit
Gundolf Köhler wurde trotz eines Gehörschadens zum Wehrdienst eingezogen, beim Panzer-Grenadier-Bataillon 292 in Immerdingen als Kraftfahrer eingesetzt und dem Bürodienst zugeteilt. Das verwundert umso mehr, weil doch der MAD bereits über die rechtsradikalen Bestrebungen des Gundolf Köhler bestens informiert war. Schließlich hatte der MAD Schreiben zwischen Hoffmann und Köhler abgefangen, die bis heute geheim gehalten werden. Auch beim LfV Baden-Württemberg war Köhler erfasst, weil er in zwei Listen der WSG 1977 und 1979 als Mitglied aufgetaucht sein soll. Insofern müssten bei einer Routine-NADIS-Abfrage diese Daten schon abrufbar gewesen sein. Umso komischer ist es dann, dass Köhler wegen seines Gehörschadens vorzeitig aus dem Wehrdienst entlassen wurde. Haben die Ärzte bei der Musterung geschlafen? Hat man überhaupt Vorgesetzte und Kameraden von der Bundeswehr in die Ermittlungen miteinbezogen und befragt? Hierzu stellt Thomas Lecorte in seinem Revisionsbericht „Oktoberfestattentat 1980“ vom Januar 2014 fest, dass Gundolf Köhler seit vielen Jahren mit Chemikalien herumexperimentiert hat. Mit gerade mal 15 Jahren hätte er im heimischen Bastelkeller ein eigenes kleines Labor gehabt, bei dem es immer wieder zu Zwischenfällen durch kleinere Explosionen gekommen war und bei denen sich Gundolf Köhler mal leichter und mal schwerer verletzt habe. Bei einem dieser Unfälle wurde dann sein Gehör in Mitleidenschaft gezogen wurde.

Im September 1980 fanden die Polizisten dort dutzende Behältnisse von chemischen Substanzen, Zündschnüre und entsprechendes Werkzeug, das beim Bau von Zündvorrichtungen benötigt wird. Daneben fand man auch Bauanleitungen von Sprengkörpern, Unterlagen für den Kauf von entsprechenden Materialien in der Schweiz sowie selbstgemachte Aufnahmen von Spreng- und Explosionsexperimenten. Damit werden aber auch die Zeugenaussagen aus der WSG-Hoffmann glaubwürdig, sie hätten bei einer Übung miterlebt, wie Gundolf Köhler eine selbstgebastelte Handgranate warf, die dann auch explodierte. Man kann ferner davon ausgehen, dass Köhler nicht nur exzessiv mit solchen Explosions- und Sprengstoffen experimentierte, sondern sich auch über die Jahre entsprechendes Fachwissen dazu angeeignet hat. Er könnte damit grundsätzlich in der Lage gewesen, eine Bombe, bestehend aus einem Feuerlöscher und Handgranate mit Fernzündung oder Zeitzünder, herzustellen.

Köhlers Interessse für Spreng- und Explosionsstoffe
Wie kam es dazu, dass sich Köhler bereits 1975 so intensiv mit Sprengstoff und entsprechenden Chemikalien beschäftigte? War das noch vor dem Zusammentreffen mit der WSG oder wurde er von Kameraden aus der WSG bzw. Nebengruppierungen dazu animiert? Auffällig dabei ist, dass die WSG erst ein Jahr vorher gegründet wurde bzw. erst da den offiziellen Touch einer Wehrsportgruppe bekommen hatte. Welche Rolle spielen dabei seine beiden engeren Freunde Bernd Kasper und Erich Lippert bzw. ein Bekannter von Anton? Chaussy hatte in seinem Buch „Oktoberfest – Ein Attentat“ geschrieben, dass Gundolf Köhler mit diesem Anton in Streit geriet, weil er sich von ihm betrogen gefühlt hatte. Es ging damals um den Erwerb einer Maschinenpistole von einem Bekannten des Antons, für die Köhler zwar bezahlt, aber trotzdem keine Maschinenpistole erhalten haben soll. Da hatte sich bereits ein hohes Maß an Gewaltbereitschaft und Perfidität gezeigt, indem er hinterhältig im März 1977 auf diesen Anton zugegangen ist, um ihm verdünnte Schwefelsäure ins Gesicht zu spritzen. Auch seine Ambition, eine Maschinenpistole zu erwerben, lässt nichts Gutes vermuten. War das bereits ein Test für ihn, um in eine Gruppierung aufgenommen zu werden? Laut Antwort Deutscher Bundestag Drucksache 16/13527 vom 22.06.2009 fand man in Köhlers Haus Chemikalien wie Ammoniumnitrat, Bleinitrat, Kaliumnitrat, Kaliumchromat, Kaliumchlorat, Mangandioxyd, Natriumacid, weißer und roter Phosphor, Schwefel und Tetranitromethan, welche grundsätzlich zur Herstellung von Sprengstoff geeignet waren.

Köhlers Studienzeit
Hatte Gundolf Köhler während seiner Studienzeit in Tübingen als Geologie-Student auch tatsächlich Kontakt zum „Hochschulring Tübinger Studenten“ um Axel Heinzmann? Axel Heinzmann war nicht nur Mitglied eines CSU-Freundeskreises im Rahmen der „Aktion 4. Partei“ nach dem Kreuther Trennungsbeschluss, sondern auch ein enger Gefährte von Karl-Heinz Hoffmann. Karl-Heinz Hoffmann selbst hatte Köhler an Heinzmann verwiesen, als Köhler Hoffmann wegen des Aufbaus einer eigenen Wehrsportgruppe nachfragte. Axel Heinzmann ist bis in die jüngste Vergangenheit u.a. für die NPD aktiv gewesen. Die Frage muss hier unter Berücksichtigung der vorliegenden Informationen zu seinen ersten Kontakten mit der Neonazi-Szene mit “Ja” beantwortet werden. (Quelle: Spiegel “Im rechten Netz” vom 24.10.2011, Nr. 43/2011)

Dies führt dann auch in diesem Zusammenhang wieder zu der Frage, ob Gundolf Köhler nicht bereits in dieser Zeit schon Kontakt mit dem Hauptzeugen Frank Lauterjung gehabt hatte. Es ist sehr wahrscheinlich, dass Lauterjung auch mit dem “Hochschulring Tübinger Studenten” in Verbindung stand, dafür spricht einfach seine Vergangenheit bei der NPD und dem BHJ. Auch der Verdacht, dass er ein V-Mann des LfV Bayern, vielleicht zuvor auch LfV Berlin gewesen sein könnte, lässt zumindest vermuten, dass er über die Vorgänge innerhalb des „Hochschulring Tübinger Studenten“ informiert war.

Zu einem von Köhlers Freunden, Erich L., hat auch Thomas Lecorte in seinem Bericht „Oktoberfestattentat 1980“ vom Januar 2014 etwas Interessantes beizutragen; er nimmt dabei auf die Vernehmung von Erich L. Bezug. Er äußerte die Vermutung, dass Erich L. zunächst als Verdächtiger galt und auch deswegen, wie bereits Bernd K., erkennungsdienstlich erfasst wurde. Dabei wurden auch bei Erich L. und Bernd K. Hausdurchsuchungen durchgeführt. Man fand neben Zeitungsberichten zum Olympia-Attentat von 1972 auch Pressematerial zu dem Münchner Bombenanschlag auf das Oktoberfest. Ergänzend kamen unentwickelte Filme hinzu, auf dem abfotografierte Fernsehbilder zum Oktoberfestattentat zu finden waren. Des Weiteren fanden sich schriftliche Unterlagen von Bernd K. sowie ein Briefkuvert der NPD an Erich L. Was zum Teufel hatte Erich L. eigentlich damit vor? Galt das vielleicht in Vorbereitung für eine möglicherweise ins Auge gefasste Doktorarbeit? Erich L. war ja zu diesem Zeitpunkt Jurastudent. Oder war mal angedacht, dieses Material, ähnlich wie es dann beim NSU mit dem Paulchen-Panther-Video praktiziert wurde, für eine Art Fanzine oder Bekennerschreiben zu verwenden?

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