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Das rechtsextremistische Umfeld

Die Geschichte des Tango-Jünglings alias Erich von Halazc
Um in die Psyche eines Gundolf Köhlers zu blicken, müsste man sich ein paar weitere Fälle aus der Geschichte betrachten.

Am 29.11.1951 ereigneten sich innerhalb eines Tages in Eistrup in der Poststelle und Bremen im Redaktionsbüro der Bremer Tageszeitung Explosionen, hervorgerufen durch eine Paketbombe.

In Verden erhielt der Direktor der Kraftfutter Firma Höing ebenfalls eine Paketbombe, die aber aufgrund einer defekten Batterie nicht zündete.
Täter war der Herumtreiber Erich von Halacz aus Nienburg bei Hannover, auch Tango-Jüngling genannt. Er fühlte sich zu etwas Höherem berufen, scheiterte aber im täglichen Leben und schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch. Über die Paketbomben, die er selbst im Elternhaus seiner Pflegeeltern Keese in Drakenburg bastelte, wollte er viel Geld erpressen, um seinen gewünschten Lebensstil zu frönen und einen Schallplattenverleih zu gründen. Er hatte auch die Absicht, einen deutsch-amerikanischen Freundeskreis aufzubauen. Regelmäßig verkehrte er im ersten italienischen Eiscafe Perdoni in Nienburg, wo er seine Luftschlösser und Prahlereien gerne vor dem vorwiegend jungen Publikum zum Besten gab und einen Schachclub gründete.

Am 10.12.1951 wurde er schließlich verhaftet und am 25.04.1952 erging das Urteil auf lebenslanges Zuchthaus. Am 29.09.1974 wurde er schließlich begnadigt, heiratete bald darauf eine vermögende Witwe und verkehrte in der Hannoverschen Gesellschaft. Angeblich verdiente er danach seinen Lebensunterhalt als Immobilienmakler. Er wurde zumindest aktenkundig nicht mehr straffällig.

Gibt es zu diesem Fall irgendwelche Verbindungen, die eine Einzeltäterschaft infrage stellt? Warum wurde Halacz überhaupt begnadigt? Angesichts der schweren Verbrechen, bei dem es zwei Tote (das Lehrmädchen der Marmeladenfabrik Gäbber, Margarete Grüneklee und der Chefredakteur der Bremer Tageszeitung) und mehrere Verletzte gab und just zu dem Zeitpunkt, wo Deutschland geradezu von einer Terrorwelle überschwemmt wurde, mutet diese Entscheidung ein bisschen seltsam an. Auch sein plötzlicher sozialer Aufstieg scheint angesichts des vorliegenden Lebenslaufes als Pflegekind einer eher bescheidenen und hart arbeitenden Familie ziemlich merkwürdig.

Woher hatte Halacz die Kenntnisse, diese zum damaligen Zeitpunkt raffinierten und hinterhältigen Paketbomben zu basteln? Sein Vater Georg Keese war gemäß dem Hamburger Abendblatt vom 12.12.1951 „Das Unglückshaus am Waldrand bei Nienburg und seine Bewohner – Ein Lebensbild des Attentäters“ Sprengmeister bei der Wehrmacht.

So soll damals kurz vor Weihnachten 1929 eine junge Frau und ein etwas älterer Mann zu den Eheleuten Keese gekommen sein. Er nannte sich „Winnewitz“, die Frau „von Halacz“. Sie gaben die Kinder bei Keeses zur Pflege ab, zunächst nur vorübergehend, aber dann überließ Elisabeth von Halacz ihren Sohn ganz in der Obhut der Familie. Erich wurde am 29.11.1929 in Düsseldorf als Erich Zederik Wenclewicz geboren. Ab seinem 21. Geburtstag nannte er sich dann Cederik E. von Halacz.

Bis zuletzt konnte Pflegevater Keese nicht glauben, dass Erich hinter den Bombenanschlägen stecken sollte. Sie seien damals gemeinsam 1949 aus der Ostzone geflohen und haben sich im Westen niedergelassen. Er hatte aus dieser Zeit noch Donarit aus Restbeständen der Wehrmacht gehabt. Erich selbst hat zwar seine Ausbildung zum technischen Zeichner angefangen, aber dann abgebrochen. Er sei damals davongelaufen und das wiederholte sich immer wieder. Niemand wusste, wo er sich in dieser Zeit aufgehalten hat.

Der Spiegel vom 19.12.1951 „Auf dem Namen liegt ein Fluch“ schildert, dass Amerikaner nach dem Krieg Erich Keese nach Frankfurt mitnahmen. Er wurde „clerc“ bei einer amerikanischen Dienststelle. Er verkehrte in der Familie eines amerikanischen Hauptmanns, 1946 bezahlte ihm ein amerikanischer Freund eine Ferienreise in die Schweiz. Einer seiner beiden Mäntel, der Lodenmantel neben seinem Kamelhaarmantel, stammt noch aus dieser Zeit.

Erich von Halacz ist der Polizei und dem Gericht kein Unbekannter. Bereits 1947 wurde er des Diebstahls und Hehlerei von Torfstücken in Nienburg bezichtigt. Eine Anzeige erfolgte deswegen nicht, um den Vater nicht in Verlegenheit zu bringen. Als er 1949 bei der Eisenfabrik Thieß in Nienburg seine Ausbildung zum technischen Zeichner machte, stahl er regelmäßig aus dem Tresor Geld. Er hatte sich die Tresorschlüssel nachgefeilt. Weil seine Stiefschwester als Sekretärin bei Thieß arbeitete und dort als tüchtige Kraft sehr geschätzt war, sah Fabrikbesitzer Thieß von einer Anzeige ab, verprügelte seinen Lehrling und schmiss ihn raus. Zum „Dank“ stahl Erich dem Fabrikbesitzer seinen Mercedes und setzte ihn an den nächsten Baum.

Ekkehart Weil
1970 hatte der Berliner Ekkehart Weil aus der „Kampfgruppe Gartenschläger“ den ersten neonazistischen Mordanschlag verübt. Opfer war ein Militärposten am West-Berliner Sowjet-Ehrenmal. 1975 fiel Ekkehart Weil dann erneut den Sicherheitsbehörden auf. Er wurde zusammen mit dem Kieler Gunnar Paal und dem Berliner Günter Bernburg an der Jugoslawischen Grenze gestoppt, als sie Militärautos nach Nahost überführen wollten. 1982 war er in Wien wegen der Beteiligung an Sprengstoffanschlägen, unter anderem auf die Wohnung des Nazi-Jägers Simon Wiesenthal, zu fünf Jahren Haft verurteilt worden. Zuletzt hatte ihn das Landgericht Berlin im März 1998 zu einer zweieinhalbjährigen Haftstrafe verurteilt, denn bei Weil waren Sprengstoff und Zündkapseln gefunden worden. Der Verurteilte trat jedoch die Haft nicht an und tauchte unter. 1999 wurde wiederum nach Ekkehard Weil wegen dem Bombenanschlag auf die Wehrmachtsausstellung in Saarbrücken gefahndet. Zu diesem Zeitpunkt war er 50 Jahr und gilt bei den Ermittlern als Bombenspezialist. Im Oktober 2000 nahmen ihn dann Polizisten in Bochum fest (Quelle Der Spiegel vom 29.06.1981 „Neonazis in Nahost – betrogen und reingelegt“).

Peter Naumann, Heinz Lembke und Heinrich Becker
Die Homepage des NPD Heimatverband Amberg-Neumarkt vom 28.11.2010 „Bericht zur Veranstaltung mit Dipl.-Ing. Peter Naumann in Amberg“ liefert hierzu eine gute Ausführung zum Hintergrund und Wirken dieser drei Protagonisten: 1975 gehörte Peter Naumann dem „Nationaldemokratischen Hochschulbund (NHB)“ an. Danach war er in der NPD aktiv. 1977 lernte er den Forstwirtschaftsmeister Heinz Lembke kennen, der in der Lüneburger Heide wohnte. Er gab ihm den Sprengstoff, um an der innendeutschen Zonengrenze Anschläge zu verüben. In dieser Zeit lernte er dann auch Heinrich Becker kennen, von dem Peter Naumann heute vermutet, dass er für irgendeinen Geheimdienst tätig ist. Er selbst hatte bemerkt, dass Becker über einen schier endlosen Vorrat an Sprengstoffen verfügt, den er angeblich von der Bundeswehr über einen bestechlichen alkoholkranken Verwalter erhielt. 1985 gründete Naumann den „Völkischen Bund“. 1987 wurde er von Odfried Hepp wegen seiner Sprengstoffvorräte an die Polizei verraten. 1988 wurde er dann viereinhalb Jahren Gefängnis verurteilt, allerdings nicht wegen den Anschlägen an der Zonengrenze, sondern aufgrund von Indizien, am Terroranschlag in Rom von 1978 beteiligt gewesen zu sein. Nachdem er 1991 wieder aus der Haft entlassen wurde, deckte er sich im Balkan-Krieg mit Waffen ein, darunter Panzerfäuste, 1 Kalaschnikow und 1 Panzermine. Der Kontakt zu Heinrich Becker schien nicht abgerissen zu sein, denn 1991 übergibt er ihm das Buch von Gerhard Wisnewski mit dem Titel „Das RAF-Phantom“. Becker wusste auch von seinen Fahrten nach Jugoslawien und in dieser Zeit fiel Naumann dann auch auf, dass er beobachtet wurde. Becker hatte ihm zuvor aufgetragen, ein Kleinkaliber-Präzisionsgewehr zu beschaffen. Außerdem fragte er nach elektrischen Sprengkapseln aus Beständen der kroatischen Armee. Naumann kam das bereits verdächtig vor, zumal Becker bis dahin immer selbst an der Quelle zu sitzen schien.

Daraufhin stellte er Becker mit fingierten Anschlagsplänen auf die Pyramide des Messeturms in Frankfurt eine Falle, die später auch am 06.05.1995 zu einer weiteren Verhaftung in München führte. So erkannte er, dass die gegenüber Heinrich Becker offenbarten Anschlagspläne über den Verfassungsschutz und das BKA an die Polizeibehörden weitergegeben wurden. Danach gab er eine Erklärung ab, künftig bei politischen Auseinandersetzungen auf Gewalt zu verzichten. Er legte sämtliche Sprengstoffdepots offen. In Zusammenarbeit mit dem Magazin „Panorama“ führte er Beamte zu insgesamt 227 kg an Waffen (aus Jugoslawien) und Sprengstoff (27 kg TNT und ca. 100kg Plastiksprengstoffe), die in etlichen Lagern auf mehrere Bundesländer verteilt waren. Von 2007 bis 2008 war er dann parlamentarischer Berater der NPD in Sachsen.

Hier wird schon die Parallele zu Heinz Lembke ganz deutlich.

Lembke stammte aus der DDR und floh mit 22 Jahren 1959 aus der DDR. Er stieg 1960 zum Bundesgeschäftsführer des militanten Vereins „Bund Vaterländischer Jugend“ auf, engagierte sich im „Bund Heimattreuer Jugend“, war Kandidat und Mitglied eines Schlägertrupps der NPD und organisierte „Wehrsportübungen“. Dann geht über Sybille Vorderbrügge und Raimund Hörnle ebenfalls ein Hinweis auf sein Waffendepot ein, aber sie fanden dort nur ein leeres Magazin für ein Bundeswehrgewehr und einige Rollen Zündschnur. Im März 1981 wird er dann in Beugehaft genommen, weil er im Strafverfahren gegen Manfred Roeder “grundlos” die Aussage verweigert, so jedenfalls befand es der Generalbundesanwalt.
Als er nach sechs Monaten wieder frei kommt, sucht er gleich seine Waffendepots auf und wird dabei von Waldarbeitern beobachtet. Im Oktober 1981 wird er dann wieder festgenommen und liefert diesmal eine Liste von insgesamt 33 zusammengehörigen Erdlagern ab, in denen Waffen gebunkert waren: unter anderem automatische Waffen, 13.520 Schuß Munition, 50 Panzerabwehrrohre, 156 kg Sprengstoff, 230 Sprengköpfe, 258 Handgranaten, chemische Kampfstoffe (u. a. Phosphor, Zyankali, Arsen und Strychnin) sowie Bundeswehrunterlagen über Sprengen, Minenlegen und Panzerabwehr – nach Schätzungen der “Österreichischen Militärischen Zeitschrift” genug Kriegsmaterial, um eine 66 Mann starke Kompanie auszurüsten. Zu weiteren Aussagen kam es dann nicht mehr, weil sich Lembke am 01.11.1981 in seiner Zelle mit einem Elektrokabel erhängte. Er hinterließ eine Notiz, auf der stand „Es ist Wolfszeit“.

Kurz darauf werden der MAD und die Nachrichtendienste in die Ermittlungen eingeschalten und dann zog der Bundesstaatsanwalt am 03. November 1981 endgültig die Ermittlungen an sich. Die niedersächsische Polizei war damit außen vor. Der niedersächsische Innenminister Möcklinghoff bezeichnete das gegenüber der Presse als “kriminaltaktischen Schildbürgerstreich”. Er wird schon gewusst haben, warum. Jedenfalls wird eine Nachrichtensperre verhängt und drei gerade erst verhaftete Mitglieder aus Lembkes Gruppe wieder freigelassen. Das niedersächsische LKA hatte noch von einer sechsköpfigen Gruppe gesprochen. Ende 1982 wird dann das Ermittlungsverfahren ganz eingestellt. „Die Mitglieder aus Lembkes Gruppe kommen mit geringen Geldstrafen davon, der geständige Waffenlieferant, ein Lüneburger Oberfeldwebel der Bundeswehr, wird zu 2000,– Mark Geldstrafe verurteilt. In der Erklärung des Generalbundesanwalts vom 3. Dezember 1982 heißt es, die Ermittlungen hätten “keine hinreichenden Anhaltspunkte dafür ergeben, daß Lembke die verfassungsmäßige Ordnung der Bundesrepublik Deutschland durch Sprengstoffanschläge oder Mordtaten erschüttern wollte”“ ( Quelle: haGalil, 23. September 2005 „Neonazistischer Terror der Bundesrepublik: Terroristische Einzeltäter-Vereinigung?“)

Manfred Roeder und seine „Deutschen Aktionsgruppen“ mit Sybille Vorderbrügge und Raimund Hörnle
Manfred Roeder galt als Gründer der „Deutschen Aktionsgruppen“. Sie hatten mehrere Brand- und Sprengstoffanschläge verübt, darunter auf ein Landratsamt und eine Schule, die „zufälligerweise“ den Namen des jüdischen Pädagogen Janusz Korczak trug. 1980 wurden dann in Folge eines Brandanschlags auf ein Flüchtlingswohnheim in Hamburg zwei Vietnamesen getötet. Es handelte sich hierbei um die Asylbewerber Ngoc Nguyên und Anh Lân Dô. Sibylle Vorderbrügge – gleichzeitig Roeders Geliebte – und Raimund Hörnle wurden daraufhin festgenommen. Manfred Roeder wurde ebenfalls festgenommen und später zu 13 Jahren Haft verurteilt. Seine Beteiligung an diesem Attentat hatte er zwar bestritten, aber die Asylbewerber nannte er laut dem SPIEGEL „Halbaffen“. Nach seiner Haftentlassung stand Roeder 1996 erneut vor Gericht, diesmal in Erfuhrt. Er war an dem Farbanschlag auf die „Wehrmachtsausstellung“ beteiligt. Während der Gerichtsverhandlung erhielt er im Übrigen von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt, die später noch in der NSU-Terrorserie eine besondere Hauptrolle spielen sollten, seelischen Beistand. 1997 kam es zu einem neuerlichen Skandal, als bekannt wurde, dass Roeder bereits im Januar 1995 vor rund 30 Offizieren in der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg zum Thema “Deutsch-Russisches Gemeinschaftswerk” referierte. In diesem Zusammenhang wurde bekannt, dass er bereits 1994 ausgemusterte Fahrzeuge von der Bundeswehr erhalten hatte. 1998 kandidierte der bereits verurteilte Mörder und mehrfach vorbestrafte Rechtsanwalt Manfred Roeder für die NPD zur Bundestagswahl. Gepuscht wurde er dabei vom Stralsunder NPD-Kreisvizevorsitzenden Axel Möller. (Quelle: Internet-Plattform „Endstation Rechts“ vom 01. August 2014 (http://www.endstation-rechts.de/news/kategorie/sonstige/artikel/neonazi-terrorist-manfred-roeder-gestorben.html?) 2005 erfolgte dann eine weitere mehrmonatige Haftstrafe und im Jahr 2007 „nahm Roeder an der Gründung des „Deutsch-Russischen Friedensbewegung Europäischen Geistes e.V.“ mit zahlreichen Neonazis wie Jürgen Rieger, Frank Rennicke und Thorsten Heise teil.“ (Quelle: http://www.netz-gegen-nazis.de/lexikontext/roeder-manfred )

Um zu verstehen, warum ein Rechtsanwalt, noch dazu Vater von sechs Kindern, zum Terroristen wurde, muss man seinen biografischen Hintergrund kennen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg arbeitete Manfred Roeder in Berlin als Angestellter der US-Streitkräfte. 1967 wurde er als Rechtsanwalt zugelassen. 1970 trat er in Bensheim an der Bergstraße der CDU bei. Dann gründete er die Deutsche Bürgerinitiative e.V., deren Ziel eine “Erneuerung unserer Staats- und Sittenordnung” war. In dieser Zeit machte er zunächst „nur“ mit Farbbeutelanschlägen auf Sexläden von sich reden. Er protestierte gegen eine Kunstausstellung in Kassel und dann fingen 1980 die Brandanschläge mit Molotowcocktails auf Flüchtlingsheime an. (Quelle: http://www.netz-gegen-nazis.de/lexikontext/roeder-manfred )

Dieser gesamte Vorlauf sieht nach meinem Dafürhalten wie eine „Züchtung“ aus dem Terrorlabor der Geheimdienste aus.

Manfred Roeder der Organisator des Münchner Oktoberfest-Attentats?
Die Zeit schrieb am 12.09.1980 in ihrem Artikel „Der Schlag gegen das Roeder-Rudel“ bezugnehmend auf die Bombenanschläge in den 80er Jahren durch die Deutschen Aktionsgruppen folgende äußerst interessante Erkenntnisse, die an dieser Stelle aufgrund ihrer Wichtigkeit und auch hinsichtlich der Bedeutung im NSU-Fall doch teilweise im Original zitiert werden müssen: „Erst kam ein Anruf. Nach dem Anschlag mit einer Stabbombe letzten Februar in Esslingen meldete sich eine Stimme am Telephon der Lokalzeitung: „Das waren die deutschen Aktionsgruppen.“ Niemand bei Polizei und Verfassungsschutz hatte von dieser Organisation vorher etwas gehört. Bei den Sicherheitsbehörden mußte ein neuer Aktenordner angelegt werden. Dann folgten, Schlag auf Schlag, in Esslingen, Hamburg, Zirndorf, Lörrach und wieder in Hamburg weitere Stabbomben-Attentate. Es war derselbe Täterkreis, dieselbe Zielgruppe: Rechtsextremisten terrorisierten Ausländer. Bei dem letzten Anschlag, gegen das Hamburger Ausländerwohnheim, kamen zwei Vietnamesen im Feuer der mörderischen Fanatiker um.“

Es folgten im Monat Juli 1980 drei Bekennerbriefe, alle unterschrieben mit „Deutsche Aktionsgruppen“. Einer dieser Briefe enthielt eine Warnung, in dem man drohte, weitere Mordanschläge zu verüben. Wortwörtlich heißt es hierzu im Auszug: „Beispiele für tödliche Opfer hierfür nehmen jetzt bereits an Zahl zu“. Auch Helmut Schmidt wurde bedroht: „Glauben Sie ja nicht, endlos und ungestraft am deutschen Volk sündigen zu können. Die Zeichen sind gesetzt. Der Kampf hat begonnen. Seien Sie versichert, daß wir unseren Forderungen mit bestimmten Maßnahmen Nachdruck verleihen werden. Wir kommen spät, doch wir kommen.“

Beim Vergleich des Schreibstils dieser Briefe hat sich herauskristallisiert, dass diese frappierende Ähnlichkeiten zu vergangenen Rundschreiben des Manfred Roeder enthielten. Seit 1978 war Roeder rechtskräftig verurteilt worden, befand sich aber auf der Flucht im Ausland, wo er viele Freunde sitzen hatte, u.a. im Iran und im Libanon. Bei seiner Rückkehr bezeichnete er sich selbst als der „Deutsche Chomeini“. Seine Frau hatte in der Zwischenzeit die Treffen mit gleichgesinnten Rechtsextremen auf ihrem „Reichshof“ am Knüll bei Bad Hersfeld geleitet und immer wieder auch die Rundbriefe verteilt und vorgetragen sowie auf Tonbandkassetten aufgenommene Ansagen ihres Mannes abgespielt. Im September 1979 schickte er einen Rundbrief an seine Anhänger mit folgendem Inhalt: „Die Abrechnung mit diesem unwürdigsten aller Terrorsysteme [gemeint ist die Bundesrepublik] wird genauso gründlich ausfallen. Diesmal haben wir von unseren Gegnern gelernt. Dann wird es ein großes Heulen und Zähneklappern geben.“ Einen Monat später folgte dann die nächste Ansage: „Uns genügt es eben nicht, aufzuklären und zu rechtfertigen, sondern wir greifen an…“. Und dann folgte im März 1980 eine weitere Ankündigung, bei der er Oswald Spengler zitierte: „Die Macht des Geldes kann nur durch Blut beseitigt werden.“

Dass die Polizei überhaupt auf die mutmaßlichen Täter Sybille Vorderbrügge und Raimund Hörnle stieß, war letztendlich einem aufmerksamen Augenzeugen zu verdanken. An den Autobahnauffahrten in Bad Hersfeld und Thieshope nahe Hamburg waren Hinweisschilder aufgestellt, auf denen „Ausländer raus“-Parolen gesprüht waren. Ein Fahrer hatte eine junge Frau bei dieser Schmieraktion gesehen, notierte sich das Bremerhavener Kennzeichen des neben ihr parkenden Wagens und gab diese Daten der Polizei weiter. Der Name der Halterin war Sibylle Vorderbrügge, eine 24jährige Arzttochter aus Bremerhaven, die in Hamburg-Eppendorf als medizinisch-technische Assistentin gearbeitet hatte. Bei dieser Schmieraktion war auch ihre Freundin, die 25jährige Gabriele Colditz dabei. Bei den weiteren Ermittlungen hat sich herausgestellt, dass der Wagen von Sibylle Vorderbrügge häufig auf dem „Reichshof“ gesichtet wurde. Der Vater ihrer Freundin Gabriele Colditz, ein Arzt aus Kirchheim-Teck, nahm ebenfalls an Roeders Veranstaltungen teil und mit ihm sein Kumpel Raimund Hörnle, zu dem damaligen Zeitpunkt 49 Jahre alt. Und dann fand man im weiteren Verlauf einen weiteren Rundbrief von Manfred Röder mit folgendem Tenor: „Ein junges Mädchen, die das zum ersten Mal miterlebte, wollte gleich ihre bisherige Arbeit aufgeben und sich nur noch für den Freiheitskampf einsetzen; denn nun hätte sie gesehen, wofür es sich zu leben lohnt’!“

Die Zeit“ schreibt dann in ihrem Artikel weiter: „Dann folgte eine Entdeckung der anderen: In Roeders gemieteter Wohnung, die dem inzwischen verstorbenen „Nazi-Müller“ (Jahrgang 1896) gehört und wo er sich mit dem Falschnamen „Richter“ einquartiert hatte, stieß die Polizei auf eine Bombenwerkstatt. Bei der Colditz-Tochter, die in Hamburg gelegentlich bei ihrem Verlobten, dem zwanzigjährigen Diplom-Ingenieur Klaus Peter Schulze Unterschlupf fand, entdeckten sie gleich säckeweise bereits couvertierte „Offene Briefe“ der „Aktionsgruppen“, dazu Sprühdosen mit den Farben Schwarz, Weiß und Rot.“ (Quelle: Die Zeit vom 12.09.1980 „Der Schlag gegen das Roeder-Rudel“)

Raimund Hörnle hatte im Übrigen die Stabbomben gebaut und sie abwechselnd zusammen mit Gabriele Colditz und Sibylle Vorderbrügge auf ihre Ziele geschmissen.

Und zu guter Letzt steht in „Die Zeit“: „Für Manfred Roeder, der mit Hilfe großer Geldspenden (allein zwischen 1978 und 1979 strich er rund 170 000 Mark ein) und einem gefälschten Paß als „Richard Lee Norton“ durch die halbe Welt fliegen konnte (Europa, Nord- und Südamerika, Mittelost), war „Terror eine Hoffnung für Deutschland“, ausgeführt von „freien, waffentragenden Männern“, die den „Mut zum Extrem“ haben, gemäß dem Edda-Spruch: „Mutig leben! Todtrotzend kämpfen! Lachend sterben“, wie er noch vergangenen März seine Gefolgschaft aufgestachelt hatte. … Mit ihm, der nun zusammen mit seiner „Gang“ hinter Gittern sitzt, hat der Rechtsextremismus eine neue, gefährliche Qualität angenommen: die einer heimtückischen, rücksichtslosen, konspirativen Gewalt. Sie vermag gewiß nicht, diesen Staat aus den Angeln zu heben. Ihr hängen, nach Einschätzung der Staatsschützer, höchstens vierzig potentielle Täter an. Aber: Die Fälle Hörnle, Colditz und Vorderbrügge belegen, daß dieser Kreis größer ist als angenommen wurde.“ (Quelle: Die Zeit vom 12.09.1980 „Der Schlag gegen das Roeder-Rudel“)

Zusammenfassend stelle ich gerade im Hinblick auf den letztgenannten Artikel zu Manfred Roeder fest, dass für den Bombenanschlag in München viel eher der Täterkreis aus dem Umfeld von Manfred Roeder, der Braunschweiger Gruppe um Paul Otte und Ekkehart Weil oder die Hepp-Kexel-Bande stammt. Karl-Heinz Hoffmann war während seiner WSG Hoffmann bzw. WSG-Ausland zwar mit allerhand Spinnereien, provokativen Auftritten und zahlreichen Schlägereien aufgefallen und auch verurteilt worden, allerdings hatte man zum Zeitpunkt des Oktoberfest-Anschlags weder aus seinem Umfeld noch von ihm selbst schwerwiegende Terrorakte wie etwa bei Peter Naumann, Ekkehart Weil, Paul Otte mit seiner Braunschweiger Gruppe und der Hepp-Kexel-Bande in der Öffentlichkeit vernommen – im Gegensatz zu Manfred Roeder und dem genannten Kreis. Zudem handelte es sich beim Sprengkörper vom Oktoberfest um einen Feuerlöscher, in dem sich eine Mörsergranate aus britischem Militärbestand befand, der eher von einschlägig bekannten Gruppierungen wie die Hepp-Kexel-Bande, die Kampftruppe Gartenschläger um Ekkehart Weil, der Braunschweiger Gruppe oder eben auch den „Deutschen Aktionsgruppen“ hätte stammen können.

Ist es deswegen möglich, dass Gundolf Köhler in Wahrheit über Axel Heinzmann und Odfried Hepp von Manfred Roeder „entdeckt“ und in seine „Deutsche Aktionsgruppen“ integriert wurde? Wer könnte dann aber ein Interesse gehabt haben, die zu diesem Zeitpunkt bereits verbotene WSG-Hoffmann zumindest in den Fokus der Öffentlichkeit rücken zu lassen? Strafrechtlich konnte weder zu diesem noch zu einem späteren Zeitpunkt der Ermittlungen keiner der WSG-Leute dafür belangt werden.

Weiter mit Teil 6

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